Kalenderunruhen in Riga

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Als Kalenderunruhen in Riga (lettisch Kalendāra nemieri Rīgā) werden aufstandartige Proteste der Bürger von Riga in den Jahren 1584–1589 gegen die Einführung des gregorianischen Kalenders bezeichnet.

Der neue Kalender war 1582 von Papst Gregor XIII. verordnet worden. Im Oktober desselben Jahres übernahmen ihn die ersten katholischen Länder durch Auslassung von zehn Tagen in der Datumsreihe; die übrigen übernahmen die Reform in den nächsten Jahren. Die meisten protestantischen Territorien folgten erst im Jahr 1700, die letzten orthodoxen Länder sogar erst 1918.

1581 hatte sich Riga, das die lutherische Reformation sehr früh angenommen hatte, nach russischen Angriffen während des Livländischen Kriegs dem polnisch-litauischen König Stephan Báthory unterworfen. Mit Rücksicht auf die neue politische Lage ordnete der Rat der Stadt im Oktober 1584 die Einführung des gregorianischen Kalenders an. Dadurch wurde der alte julianische Kalender sowohl zu einem konfessionellen wie einem patriotischen Symbol. Ein großer Teil der Bevölkerung weigerte sich, der Anordnung zu folgen. Am Weihnachtsfest der neuen Kalenderrechnung blieben die lutherischen Kirchen leer, die Handwerker arbeiteten in ihren Werkstätten, und die unter Zwang den Katholiken übergebene Jakobskirche wurde von einer aufgebrachten Menge verwüstet. Zehn Tage später, am julianischen Weihnachtsdatum, wie auch zum julianischen Jahreswechsel wurden demonstrativ Andachten und Feiern abgehalten. In der Folgezeit kam es wegen der Kalenderfrage sogar zu Hinrichtungen. Erst im Juni 1589 wurden die Unruhen unter militärischem Druck beendet. Auf dem Reichstag 1591 wurde unter Vermittlung des protestantischen Stadtsyndikus David Hilchen ein Vertrag unter Beibehaltung des julianischen Kalenders und einiger alter Freiheiten der Stadt Riga unterzeichnet. Nach der schwedischen Eroberung 1621 wurde auch die Jakobskirche wieder lutherisch.

Auf Grund der Eingliederung ins Russische Kaiserreich Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der gregorianische Kalender schließlich erst im Februar 1918 eingeführt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gert von Pistohlkors (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Baltische Länder. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-214-0, S. 185.
  • Anna Ziemlewska: „Rozruchy kalendarzowe“ w Rydze (1584–1589). In: Zapiski Historyczne. 71/1 (2006), ISSN 0044-1791, S. 107–124 (dt. „Die Kalenderunruhen“ in Riga [1584–1589]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • K. H. von Busse: Herrmann's von Bevern eigenhändige Auszüge aus Johann Reckmann's Chronik der Stadt Riga von 1574–1589. In: Friedrich Georg von Bunge (Hrsg.): Archiv für die Geschichte Liv-, Esth- und Curlands. Mit Unterstützung der esthländischen literarischen Gesellschaft. Band IV. Kluge, Dorpat 1845, OCLC 247925613, S. 273–290, hier 274 (Digitalisat in der Google-Buchsuche) (wird in der PDF-Datei von P. Teuthorn, S. 2 Anm. 2, zitiert; s. u.).
  • P[eter] T[euthorn]: Die Kalenderunruhen in Riga (1583–1589). In: teuthorn.net. Genealogie-Feuilleton, 9. Juli 2011
  • Peter Teuthorn: Ein Schulmeister in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Nachträge zu Stephanus Teuthorn Frankenhusanus. 2011 (PDF; 2,8 MB; Passwort: TeuNet), abgerufen am 23. November 2016 (S. 4–6: Die Kalenderunruhen in Riga, u. ö.).
  • Artikel Hilchen, David (Allgemeine Deutsche Biographie und Neue Deutsche Biographie mit unterschiedlichen Informationen zu den Kalenderunruhen)