Landesbruderrat

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Landesbruderräte waren in der Zeit des Nationalsozialismus in den zerstörten evangelischen Landeskirchen (bzw. der Kirchenprovinz der Kirche der Altpreußischen Union) gebildete Gremien von Mitgliedern der Bekennenden Kirche. Sie entsandten jeweils einen Vertreter in den Reichsbruderrat und bauten auf entsprechenden Gremien bis hinunter zu den Bruderräten der Gemeinden auf.

Mitgliedsausweis der Bekennenden Kirche, Berlin-Dahlem 1934 (Unterschrift: Niemöller, Vorder- und Rückseite)

Landesbruderrat der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Barmer Bekenntnissynode vom 29. und 30.05.1934 gründete sich auf einer Versammlung in Weimar am 27.06.1934 die Lutherische Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen. Die Führung dieser Bekenntnisgemeinschaft wurde einem Landesbruderrat übertragen, der aus 5 Geistlichen und 5 Laienmitgliedern bestand.[1][2] Der Landesbruderrat der Thüringer evangelischen Kirche setzte Beschlüsse des Reichsbruderrat um, stimmte über eigene Beschlüsse ab, z. B. über Kanzelabkündigungen, Mitgliedsbeiträge, war Gesprächspartner bei verschiedenen Themen nach innen und außen, z. B. für die eigenen Pfarrer, Bruderräte in den Gemeinden, Landesbischof, Landeskirchenrat, Rundschreiben an die Mitglieder, Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten, Vertrauensmänner, Reichskirchenausschuss. Die Pfarrer der Bekenntnisgemeinschaft waren zusammengeschlossen in der Luth. Arbeitsgemeinschaft bzw. im Pfarrernotbund.[3]

Kirchenkampf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1934 lehnte der Landesbruderrat den im Kirchengesetz vom 9. August 1934 geforderten Diensteid auf Adolf Hitler ab. Man war sich damals schon im Klaren was das bedeuten könnte: „Amtsentlassung, Brotlosigkeit, vielleicht Gefängnis. Und alle werden nicht standhalten.“[4] Ferner wurde die nationalkirchliche Idee der Deutschen Christen abgelehnt die ab 1933 schrittweise alle kirchlichen Ämter besetzt hatten. Der Landesbruderrat setzte sich beim Landeskirchenrat der Thüringer evangelischen Kirche dagegen ein, dass auf den Kirchenvertreterschulungen das Thema Nationalkirche behandelt wurde.[5] Im Schreiben vom 11.12.1934 an die Mitglieder wird verdeutlicht, warum der Weg zur Nationalkirche bekämpft wird: „...3. Stellung zum Alten Testament 4. Ablehnung der Sünde. Aufhebung des Abstandes zwischen Gott und Mensch. 5. Bruch mit der eschatologischen Haltung der Bibel 6. Bruch mit der konfessionell gebundenen Kirche 7. Der Nationalsozialismus wird völlig zur Religion gemacht 8. Deutschsein und Christsein in eins“[6]

Man wendete sich auf dem Lutherischen Tag am 6. bis 8. Februar 1937 in Gotha gegen den Rahmenlehrplan, dass im Religionsunterricht das Alte Testament nicht mehr gelehrt werden soll. „Wer das Alte Testament als Judenbuch verwirft, muss aus den gleichen Gründen auch das Neue Testament als Judenbuch verwerfen. Darum gilt: Die Kirche, die ihre Grundlage – die Heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes – preisgibt, hört auf, Kirche Jesu Christi zu sein. Ein Religionsunterricht, in dem das Alte Testament nicht mehr behandelt werden darf, hört auf, christlicher Religionsunterricht zu sein.“ Mitglieder und Gemeinden der Bekenntnisgemeinschaft waren nun immer mehr staatlicher Repression ausgesetzt, z. B. Benachteiligung von Pfarrern,[7] Nichtanstellung von Pfarrern,[8][9] Kirchen werden durch polizeiliche Stellen aufgebrochen um eine konforme Predigt zu gewährleisten,[10] Mitteilung der Geheimen Staatspolizei in Weimar, dass die Lutherische Bekenntnisgeimeinschaft keine kirchenbehördliche Befugnisse und deshalb keine Anrecht auf Anerkennung oder Duldung hat,[11] Mitteilung vom Gendarmeriemeister, dass alle kirchlichen Veranstaltungen in privaten und profanen Räumen verboten sind,[12] evangelische Pfarrer der Bekenntnisgemeinschaft verhaftet wurden.[13] Strafverfahren wurden eingeleitet wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz, wegen Kanzelmissbrauchs und öffentlicher Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze.[14]

Der Landesbruderrat der Bekennden Kirche in Thüringen machte die Ausgrenzung und Verfolgung öffentlich und prangerte sie beim Landeskirchenrat und beim Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten an. Durch ihr Eintreten gegen die Gleichschaltung durch den DC, die staatliche Kirchenpolitik, gegen das innerkirchliche Führerprinzip, gegen die Ausgrenzung von Christen jüdischer Herkunft und durch die Öffentlichmachung staatlicher Gewaltmaßnahmen gegenüber evangelischen Laien und Pfarrern stellte sie für den NS-Machtapparat und seine ideologischen Wächter eine unkalkulierbare Opposition dar. Im Gesetz vom 14.03.1938 über den Treueid der Geistlichen und der Kirchenbeamten der Thüringer evangelischen Kirche wurde folgender Diensteid festgelegt: »Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reichs und Volkes, Adolf Hitler, treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.«[15] Im gleichen Jahr wurde der Konfirmandenunterricht der Bekennenden Kirche verboten.[16] und die Geschäftsstelle des Landesbruderrates in Thüringen durch die Gestapo geschlossen. Der Kirchenkampf war verloren und die Bekenntnisgemeinschaft wurde unterdrückt.[17] (entlassen, verhaftet, in den Untergrund gedrängt bzw. in den Krieg eingezogen). Der NS-Staat wollte die totale Macht. Kirchliche Opposition konnte schwerwiegende persönliche Folgen haben, kirchlicher Widerstand konnte tödlich sein.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Schmidt, Kurt Dietrich: Fragen zur Struktur der Bekennenden Kirche. Erstveröffentlichung 1962. In: Manfred Jacobs (Hrsg.): Kurt Dietrich Schmidt: Gesammelte Aufsätze. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1967, S. 267–293.
  • Marie Begas: Tagebücher zum Kirchenkampf 1933–1938,Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Große Reihe, Band 19, Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien 2016, ISBN 978-3-412-20661-1, Seiten 1128
  • Karl-Heinz Fix, Carsten Nicolaisen, Ruth Pabst: Handbuch der Deutschen Evangelischen Kirchen 1918 bis 1949, Organe – Ämter – Personen, Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, Band 2, Landes- und Provinzialkirchen, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co.KG., Göttingen 2017, ISBN 978-3-647-55794-6.
  • Minnamari Helaseppä: Die Lutherische Bekenntnisgemeinschaft und der Kampf um die Thüringische Evangelische Kirche 1933/34-1939, Schriften der Luther-Agricola-Gesellschaft 58, The Academic Bookstore, Helsinki 2005, ISBN 951-9047-68-9, Seiten 309

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Landeskirchenarchiv Eisenach: 30-1934 Aufruf an die Mitglieder des Christlichen Volksbundes in Thüringen vom 8. Juli 1934, Signatur LKAE, LBG 210, 243; Begas Dokumente S. 143
  2. Landeskirchenarchiv Eisenach: 31-1934 Lutherische Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen (1934), Signatur LKAE, LBG 275, 68; Begas Dokumente S. 145
  3. Landeskirchenarchiv Eisenach: 35-1934 Schreiben der Lutherischen Arbeitsgemeinschaft an ihre Mitglieder vom 21. August 1934, Signatur LKAE, LKAE, LBG 266, 77; Begas Dokumente S. 152
  4. Marie Begas: ‘‘'Tagebücher zum Kirchenkampf 1933–1938‘‘,Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Große Reihe, Band 19, Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien 2016, ISBN 978-3-412-20661-1, S. 145
  5. Landeskirchenarchiv Eisenach: 42-1934 Schreiben der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft an den Landeskirchenrat der Thüringer evangelischen Kirche vom 6. November 1934, Signatur LKAE, LBG 3, 46; Begas Dokumente S. 179
  6. Landeskirchenarchiv Eisenach: 5-1935 Schreiben des Bruderrats der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft [an die Mitglieder der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft] vom 11. Dezember 1934, Signatur LKAE, LBG 291, 126–127; Begas Dokumente S. 233
  7. Landeskirchenarchiv Eisenach: 92-1936 Listen von benachteiligten Pfarrern, Hilfspfarrern und Vikaren der Thüringer evangelischen Kirche ab 1933, Signatur LKAE, LBG 266, Jg. 1937, 2; Begas Dokumente S. 636
  8. Landeskirchenarchiv Eisenach: 93-1936 Die Nichtanstellung von Hilfspfarrern, die der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft angehören, Signatur LKAE, LBG 266, Jg. 1937, 1; Begas Dokumente S. 637
  9. Landeskirchenarchiv Eisenach: 35-1936 Dokumente zum Dienststrafverfahren gegen Pfarrer Ernst Otto, Signatur LKAE, A 241, 28–29; Begas Dokumente S. 483
  10. Landeskirchenarchiv Eisenach: 48-1936 Schreiben des Bruderrats der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringenan den Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten und an den Reichskirchenausschuß vom 10. August 1936, Signatur LKAE, LBG 44, 176; Begas Dokumente S. 522
  11. Landeskirchenarchiv Eisenach: 91-1936 Schreiben des Bruderrats der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft an den Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten vom 5. Dezember 1936, Signatur LKAE, LBG 266, Jg. 1937, 2; Begas Dokumente S. 634
  12. Landeskirchenarchiv Eisenach: 14-1937 Schreiben des Bruderrats der Kirchgemeinden Kaltenwestheim über Meiningen, Mittelsdorf und Reichenhausen an das Geheime Staatspolizeiamt Weimar durch das Kreisamt Eisenach vom 7. April 1937, Signatur LKAE, LBG 41, 186; Begas Dokumente S. 693
  13. Landeskirchenarchiv Eisenach: 39-1937 Haftbefehl gegen den Pfarrer Kurt Creutzburg und den General a. D. Hansen vom 6. September 1937, Signatur LKAE, G 155, 10; Begas Dokumente S. 739
  14. Landeskirchenarchiv Eisenach: 31-1937 Schreiben der Geheimen Staatspolizei Weimar an den Landeskirchenrat der Thüringer evangelischen Kirche vom 5. August 1937, Signatur LKAE, G 1225, Beiakten, 30; Begas Dokumente S. 722
  15. Landeskirchenarchiv Eisenach: 11-1938 Gesetz über den Treueid der Geistlichen und der Kirchenbeamten der Thüringer evangelischen Kirche vom 14. März 1938, Signatur Thüringer Kirchenblatt und Kirchlicher Anzeiger A 1937, 11–12; Begas Dokumente S. 790
  16. Landeskirchenarchiv Eisenach: 29-1938 Schriftwechsel zwischen dem Landesbruderrat der Thüringer evangelischen Kirche, Hilfsprediger Walter Pabst und dem Thüringischen Kreisamt Eisenach 1938, Signatur LKAE, LBG 88, 120; Begas Dokumente S. 849
  17. Landeskirchenarchiv Eisenach: 31-1937 Schreiben der Geheimen Staatspolizei Weimar an den Landeskirchenrat der Thüringer evangelischen Kirche vom 5. August 1937, Signatur LKAE, G 1225, Beiakten, 30; Begas Dokumente S. 722
  18. Auswahl Zeitzeugen der Bekennenden Kirche: Martin Niemöller, Werner Sylten, Hans Buttersack, Dietrich Bonhoeffer, Ernst Otto, Friedrich von Bodelschwingh, Karl Barth, Gustav Heinemann, Paul Schneider, Elisabeth von Thadden
Werner Sylten