Lawinenairbag

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ABS Lawinenairbag und Auslöseeinheit (Patrone und Auslösegriff, links oben)

Der Lawinenairbag (Avalanche Airbag System, Lawinenrucksack) ist ein wiederverwendbares Rettungsgerät, das die Überlebenswahrscheinlichkeit von Personen, die von einer Lawine erfasst wurden, erhöhen soll. Der Lawinenairbag ist für Tourengeher und Variantenfahrer gedacht, die sich abseits der gesicherten Pisten bewegen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

ABS Lawinenairbag mit ausgefalteten Airbagtaschen

Der Oberförster Josef Hohenester aus Bad Reichenhall machte in den 1970er Jahren die Erfahrung, dass er in einer Schneebrettlawine nicht von den Schneemassen begraben wurde, sondern nahe an der Oberfläche blieb, als er Wildbret auf den Schultern transportierte. Durch Tests mit großvolumigen Kanistern und Ballons, die er in Lawinenabgängen beobachtete, konnte er dieses Verhalten reproduzieren. Ein Forschungszentrum bestätigte seine Theorie durch eine Reihe von professionellen Versuchen. Die Anmeldung des Patents (Patentanmeldung DE2326850A: Gerät zum Anzeigen und zur Selbstrettung seines Trägers in Lawinen. Angemeldet am 25. Mai 1973, veröffentlicht am 19. Dezember 1974, Anmelder: Josef Hohenester, Erfinder: Josef Hohenester.) durch den Oberförster, zur Vermeidung einer Totalverschüttung das Gesamtvolumen zu vergrößern, war die Geburtsstunde des Lawinenairbags.

Nachdem Josef Hohenester 1980 das Patent (Patent DE2326850B2: Gerät zur Rettung von Personen in Lawinen. Angemeldet am 25. Mai 1973, veröffentlicht am 20. Oktober 1977, Anmelder: Josef Hohenester, Erfinder: Josef Hohenester.) an Peter Aschauer verkauft hatte, begann dieser im gleichen Jahr mit der Entwicklung eines Systems, das im Notfall eine Volumenvergrößerung innerhalb von wenigen Sekunden ermöglichen und dabei den Schneesportler nicht behindern sollte. Die ersten funktionsfähigen Lawinenairbags wurden von der Firma ABS Peter Aschauer GmbH hergestellt und waren 1985 verfügbar. Sie basierten auf einem großen, zentral auf dem Rücken untergebrachten Airbag mit einem Volumen von 150 Litern.[1]

1996 folgte bei der ABS Peter Aschauer GmbH die Umstellung auf zwei seitlich angebrachte, bewegliche Airbags mit einem Gesamtvolumen von 170 Litern. Außerdem wurde die Seilzugauslösung zum Aufblasen der Airbags auf eine schnellere und erheblich zuverlässigere pyrotechnisch-pneumatische Auslösung umgestellt.[1]

2016 entwickelte die ABS Peter Aschauer GmbH (Seit 2017: ABS Protection GmbH) den ersten Lawinenairbag mit integrierter Fernauslösung. Diese ermöglicht es den Nutzern des Lawinenrucksacks zuvor gruppierte weitere Rucksäcke über den eigenen Auslösegriff auszulösen. Dadurch kann mit dem Modell namens p.RIDE auch der Lawinenrucksack des Partners auf einer Entfernung von ca. 300 m ausgelöst werden.[1]

Aufbau und Funktionsprinzip[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

ABS Basiseinheit (links) mit gefalteten Airbags, Auslösegriff und Patrone, 30 Liter Vario-Rucksack (rechts)

Der Lawinenairbag ist in einem Rucksack integriert. Bei der ABS Protection GmbH besteht er aus zwei signalfarbenen Polyamid-Ballons, die sich zusammengefaltet an der rechten und linken Seite im Rucksack befinden. Andere Hersteller verwenden lediglich einen Ballon. Falls der Schneesportler von einer Lawine erfasst wird, kann er durch Zug an einem Griff an der Vorderseite des Rucksacks das Aufblasen der beiden Airbags auslösen. Mit Hilfe einer Stickstoffpatrone, mit einem Innendruck von ca. 300 bar, werden die Airbags innerhalb von 1–2 Sekunden zu einem Gesamtvolumen von ca. 170 Litern aufgeblasen.

Das Zusatzvolumen soll die Verschüttung des Opfers durch die Lawine verhindern, denn an der Schneeoberfläche sinkt das Risiko zu ersticken. Das Opfer kann schneller gefunden werden und kann sich eventuell auch selbst befreien. Bleibt das Opfer an der Schneeoberfläche, liegt dessen Mortalität zwischen 3 und 4 %, bei ganz verschütteten Personen beträgt sie etwa 54 %.[2]

Ein komplett ausgerüsteter Skifahrer mit aufgeblasenem Lawinenairbag hat eine mittlere Dichte von ca. 400 kg/m³, während man für fließenden Lawinenschnee eine mittlere Dichte von 300 kg/m³ annimmt. Dass ein Lawinenopfer mit einem aufgeblasenen Lawinenairbag eher an der Oberfläche liegen bleibt, kann also nicht durch den hydrostatischen Auftrieb erklärt werden.[3] Der physikalische Hintergrund für das Aufschwimmen ist der Paranuss-Effekt. Dieser führt dazu, dass sich in einem fließenden Medium wie einer Lawine die volumenmäßig größeren Körper an der Oberfläche absetzen, während die kleineren Körper zu Boden sinken, da sie sich dichter aneinanderlagern können und daher eine vergleichsweise sehr hohe Gesamtdichte einnehmen. Dieser Effekt lässt sich auch in einer Schale mit Müsli beobachten, wenn diese gerüttelt wird. Die größeren Müsli-Bestandteile steigen auf, die kleineren Müsli-Bestandteile sinken ab. Daher wird dieser Effekt von Körpern in bewegten Medien umgangssprachlich auch Müsli-Effekt genannt.[4]

Das System kann nach dem Zusammenlegen der Airbags mit einer neuen Auslöseeinheit wiederverwendet werden. Die Auslöseeinheiten selbst werden über ein Pfandsystem wiederverwendet.

Ein Lawinenairbag stellt lediglich eine Erweiterung, aber keinen Ersatz der Standardausrüstung für Tourengeher und Variantenfahrer dar. Auf das Mitführen von LVS-Gerät, Lawinenschaufel und Lawinensonde kann nicht verzichtet werden.

Lawinenairbags werden von mehreren Herstellern angeboten und wiegen ab 1,5 kg. Sie unterscheiden sich zwar bezüglich der technischen Umsetzung, basieren aber alle auf dem „Müsli-Effekt“.[5]

Funktionale & statistische Untersuchungen durch das SLF[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Versuche des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) im Februar und März 2001 sollten die Wirksamkeit von Lawinen-Rettungsgeräten klären. Bei einem umfangreichen Test am 16. März 2001 wurden mit Hilfe von künstlich ausgelösten Lawinen 3 von 7 (ca. 42 %) der menschenähnlichen Attrappen mit Lawinenairbag vollständig verschüttet. Die 3 Dummys waren nicht an der Oberfläche sichtbar. Deren Verschüttungstiefe war aber geringer als bei den totalverschütteten Dummys ohne einen Lawinenairbag. Die Airbags aller 7 Dummys waren an der Schneeoberfläche sichtbar und hätten im Ernstfall die Rettungsdauer erheblich verkürzt.[6]

Im Vergleich dazu wurden 5 von 6 Dummys (ca. 83 %) ohne Lawinenairbag vollständig verschüttet.[6]

Nach einer statistischen Analyse von 86 dokumentierten Lawinenunfällen in den Jahren 1991 bis 2005 durch das SLF haben 95 % der Personen mit einem Lawinenairbag den Lawinenabgang überlebt. Insgesamt konnte festgestellt werden, dass die Überlebenschance bei allen nicht oder nur teilweise verschütteten Personen mindestens 97 % beträgt.[7]

„Von den derzeit verfügbaren Systemen bietet der Lawinenairbag die größten Chancen, einen Lawinenunfall zu überleben.“[3]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Entwicklungsgeschichte
  2. Dr. med. Hermann Brugger, Präsident der Internationalen Kommission für Alpine Notfallmedizin – ICAR MEDCOM.
  3. a b Lawinenunfälle in den Schweizer Alpen (Memento des Originals vom 24. August 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.slf.ch (PDF; 150 kB), Statische Zusammenstellung mit den Schwerpunkten Verschüttung, Rettungsmethoden und Rettungsgeräte, Frank Tschirky, Bernhard Brabec und Martin Kern, Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung, 2001.
  4. Physik beim Frühstück (PDF; 3,2 MB), Volkhard Nordmeier, Hans J. Schlichting, 2008.
  5. Lawinen-Airbags, G. Süsskraut, Deutscher Alpenverein, Januar 2013, PDF.
  6. a b Feldversuche zur Wirksamkeit einiger neuer Lawinen-Rettungsgeräte (Memento des Originals vom 22. September 2007 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.alpinmedizin.org, Martin Kern, Frank Tschirky, Jürg Schweizer & Eidgenössisches Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), Innsbruck, 2001, PDF.
  7. Hans-Jürg Etter: Zusammenstellung der Forschungsergebnisse zur persönlichen Lawinen-Notfallausrüstung. In: Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit. 6. Alpinforum, "Notfallausrüstung-der letzte Schrei". 2008.