Lebensraum

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Der Begriff Lebensraum der Humanwissenschaften entspricht den Begriffen Habitat oder Biotop in der Biologie und Ökologie und bedeutet einen (bewohnten oder beanspruchten) Raum einer sozialen Gruppe. Seine Karriere machte der Begriff in der Geopolitik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus, was seine Verwendung seither erheblich beeinträchtigt.[1] Heute verwendet man international dafür den Begriff Biosphäre, im integral ökologisch-sozialwissenschaftlichen Sinne.

Geschichte[Bearbeiten]

Lebensraumdiskussion seit 1895[Bearbeiten]

Der Begriff entwickelte sich im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der imperialistischen Kolonialismusdiskussion. Diese Diskussion erhielt ihre wesentlichen Impulse aus der im 19. Jahrhundert massenhaft werdenden europäischen Auswanderung nach Übersee, vor allem in die USA. Sie war gebunden an den Aufschwung nationalen Selbstbewusstseins in den europäischen Nationalstaaten, in denen es mit den zwischenstaatlichen Grenzen zum ersten Mal ein Gefühl für die territoriale Nationaldimension gab. Die Auswanderung ließ die Frage aufkommen, was denn geschehen müsse, damit die fortstrebende Arbeitskraft nicht fremde Volkswirtschaften bereicherte, sondern dem eigenen Land erhalten und verbunden blieb. Der Erwerb von Kolonien galt als Ausweg, und zwar nach dem Vorbild des Britischen Weltreichs, das sich seit dem Siebenjährigen Krieg konkurrenzlos ausbreitete, nachdem Frankreich besiegt war und seine wichtigsten überseeischen Besitzungen an England abtreten musste. In Frankreich setzte die Diskussion in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein, und zwar nach der Eroberung von Algier 1830, worin eine Ausgangsbasis für die Bildung von Siedlungskolonien gesehen wurde. Von ihnen ausgehend sollte mit Grenzkolonisation Algerien für Frankreich auch mit Siedlern aus anderen europäischen Ländern erschlossen und vereinnahmt werden. Nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg waren es vor allem die sich Frankreich zugehörig fühlenden Elsässer und Lothringer, die untergebracht werden mussten und nach Algerien strebten.

In Deutschland als spät entstandenem Nationalstaat stand erst nach der Reichsgründung von 1871 die Suche nach einer nationalen Lösung für die demographischen Probleme an, die sich in einer dritten großen Auswanderungswelle in den 1880er Jahren gezeigt hatten. Als Alternative zur Auswanderung ging es seither auch für Deutschland um den Erwerb von Kolonien. Der Geograph Friedrich Ratzel beschäftigte sich mit diesen Fragen und untersuchte sie in seinen Büchern „Politische Geographie“ (1897) und „Der Lebensraum“ (1901), das den Untertitel „Eine biogeographische Studie“ trägt.[2] Die Umstände und das Umfeld seines Entstehens weisen „Lebensraum“ als einen Begriff aus, der für seine politische Instrumentalisierung geschaffen war: Ratzel war Mitglied im Alldeutschem Verband, dessen erster Vorsitzender der Reichstagsabgeordnete Ernst Hasse war, der in Leipzig den Lehrstuhl für Statistik und Kolonialpolitik innehatte. Hasse schrieb ein 1895 in zweiter Auflage erschienenes Buch mit dem Titel „Großdeutschland und Mitteleuropa um das Jahr 1950“. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sah er einen deutschen Bundesstaat voraus, der „die staatliche Zusammenfassung des gesamten mitteleuropäischen Deutschtums“ umfassen sollte, und zwar mit Ausdehnung nach Osten und vor allem Südosten bis zum Schwarzen Meer. Denn „nach Südosten und Osten sind der Entwicklung des Deutschtums natürliche Grenzen nicht gesteckt (…) Auch in Zukunft wird es nicht anders sein, als dass die Volkskraft der Deutschen dorthin vorwärts drängt.“[3] Dabei sollen die Balkanländer germanisiert werden.

„Lebensraum“ bedeutete also von Anfang an Gebietsanspruch und diente als Rechtfertigungsargument für territoriale Europäische Expansion, die sich in der Völkischen Bewegung noch vor dem Ersten Weltkrieg ausdrücklicher als Forderung nach „Lebensraum im Osten“ niederschlug. Der entscheidende Impuls für diesen enger geführten Begriff ergab sich aus den engeren Grenzziehungen und vor allem aus der östlichen Verkleinerung des Deutschen Reiches einschließlich des Untergangs der Habsburgermonarchie in Österreich infolge des Ersten Weltkriegs. 1926 verstärkte der zum Schlagwort gewordene Romantitel Volk ohne Raum von Hans Grimm die Vorstellungen von einem zu erwerbenden Lebensraum. Dieser sollte durch die Erweiterung des deutschen Siedlungsgebietes in Grenzkolonisation oder in neu zu erwerbenden überseeischen Kolonien verwirklicht werden.

Für die politische Wissenschaft der „Weimarer Republik“ konnten sich die zu lösenden Aufgaben deutscher Politik so darstellen: „Der Verlust der Rheinmündung, die Nichtbesiedelung der mittleren Weichsel, die Verzettelung der Siedelung an der mittleren Donau – das sind drei schwere Versäumnisse unserer Vergangenheit. (…) Die Weichselniederung bildet den polnischen Korridor, dessen Aufhebung ohne Zweifel die nächste Aufgabe der deutschen Zukunft ist. (…) Aber in eigentümlicher Kurzsichtigkeit ist schon damals (12. Jhd.) zwischen Oder und Weichsel eine Lücke im deutschen Siedlungsblock entstanden, die auch später nie mehr durch Nachschub völlig ausgefüllt worden ist. (…) auch die moderne deutsche Politik hat lieber Millionen deutscher Bauernsöhne ins Ausland sich verkrümeln lassen, als diese Lücke zwischen zwei Zimmern des eigenen Hauses auszufüllen.“[4]

Wichtig ist, dass der Begriff „Lebensraum“ zwar eine deutsche Prägung ist, er aber als unausgesprochene Leitidee die in Frankreich annähernd zeitgleich geführte, aber weiter zurückreichende Diskussion über die Kolonisierung Algeriens bestimmte, ehe er wörtlich als „espace vital“ im Französischen auftaucht.[5] Darauf machte der französische Lehrer für politische Philosophie Olivier Le Cour Grandmaison 2005 aufmerksam. Die Lebensraumidee habe noch ohne genaue Begrifflichkeit in Frankreich die Sichtweise von drei einflussreichen Wortführern bestimmt: die des algerienerfahrenen Arztes Eugène Bodichon, des Juristen A. Girault und des von der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften ausgezeichneten P. Leroy-Beaulieu. Der Jurist A. Girault äußerte sich zum Beispiel folgendermaßen: „Die Kolonisation ist eine Bedingung zur inneren Friedenssicherung. Wenn die Kunst des Regierens hauptsächlich darin besteht, jedem seinen Platz zuzuweisen, dann besteht die feinfühligste Aufgabe der Regierung sicher darin, für die abenteuerlichen, unzufriedenen und undisziplinierten Geister eine Verwendung zu finden. Wie viele aktive und intelligente Menschen werden zu gefährlichen Deklassierten, die in einem anderen Umfeld als dem ihren, das von strengen Sitten und rigorosen Reglementierungen bestimmt ist, sich unendlich hätten nützlich machen können! Die Kolonien bieten ihnen ein kostbares Feld zur Entfaltung.“ Oder P. Leroy-Beaulieu: „Ein Volk, das kolonisiert, schafft die Grundlagen seiner Größe und seiner künftigen Vorherrschaft. Alle Lebenskräfte der kolonisierenden Nation werden vom Überfließen seiner strotzenden Aktivitäten vermehrt.“ Oder ein anderer Autor (L. Jacolliot): „Von einem humanitären Gesichtspunkt aus, auch im sozialen Interesse und gegenüber den ungeheuren Gegenden, die von ihren Bewohnern nicht genutzt werden, hat ein Volk das Recht, sich nach außen auszubreiten, sich neue Wege zu öffnen für den Tag, wo ihm seine Wiege zu eng geworden sein wird. Das ist der wahre und ehrenwerte Lebenskampf.“[6]

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Stichwortgeber für die Zeit des Nationalsozialismus waren vor sehr vielen anderen Adolf Hitler, der seine Lebensraumvorstellungen in Anlehnung an Friedrich Ratzel schon in Mein Kampf niedergelegt hatte, der NS-Ideologe Alfred Rosenberg mit seinem Buch Der Mythus des 20. Jahrhunderts, in dem „Lebensraum“ als Schlüsselbegriff neben dem der „Rasse“ steht, der Geograph Karl Haushofer,[7] aber auch der Staatsrechtler Carl Schmitt mit seiner so genannten Großraumtheorie.[8] Rosenberg zum Beispiel sah den Begriff in folgenden Zusammenhang eingebettet: „Eine weitere Erkenntnis liegt in der Feststellung, dass die mit Händen nicht fassbare Idee der Volksehre doch ihre Verwurzelung in allerfestester, stofflicher Wirklichkeit ausweist: im Ackerboden einer Nation, d. h. in ihrem Lebensraum.“[9] Hjalmar Schacht als wichtiger Wegbereiter des Nationalsozialismus stellte in einer Rede in München am 7. Dezember 1930 die einfache Forderung auf: „Gebt dem deutschen Volk wieder Lebensraum in der Welt.“[10]

Praktisch werden sollten die Lebensraumvorstellungen mit dem Polenfeldzug und dem Unternehmen Barbarossa in der nur ansatzweise und kurzfristig gelungenen Verwirklichung des bis 1942 in etlichen Varianten vorliegenden Generalplans Ost, in dem eine „Germanisierung“ des osteuropäischen Raumes bis zum Ural und ans Schwarze Meer bis zum Kaukasus vorgesehen war. Die letzte Version des Plans umfasste auch Siedlungsregelungen für Böhmen und Mähren, Elsaß-Lothringen, die Untersteiermark und Oberkrain.

Weitere Verwendungen des Begriffs[Bearbeiten]

Eugen Rosenstock-Huessy führte den Begriff „Lebensraum“ 1922 in die Soziologie ein, etwa in der Bedeutung „soziales Milieu“. In der Psychologie erlangte der Begriff seine Bedeutung im Rahmen der Feldtheorie von Kurt Lewin nach 1940. In der Theologie wird die Sache meistens als „Sitz im Leben“, bei der Schriftauslegung seit der Quellenkritik des 19. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre, bezeichnet; auch hier geht es darum, in welchem historischen oder literarischen Kontext religiöse Aussagen, insbesondere Bibelverse, vermutlich ihren Ursprung hatten.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  • Friedrich Ratzel: Der Lebensraum. Eine biogeographische Studie. Sonderausgabe. Unveränderter reprografischer Nachdruck. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1966 (Libelli 146; Originaldruck in: Karl Bücher (Hrsg.): Festgaben für Albert Schäffle zur siebenzigsten Wiederkehr seines Geburtstages am 24. Februar 1901. Laupp, Tübingen 1901).

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Adolf Jacobsen: Kampf um Lebensraum. Zur Rolle des Geopolitikers Karl Haushofer im Dritten Reich. In: German Studies Review 4, 1981, Nr. 1, ISSN 0149-7952, S. 79–104.
  • Birgit Kletzin: Europa aus Rasse und Raum. Die nationalsozialistische Idee der Neuen Ordnung. 2. Auflage. Lit, Münster u. a. 2002, ISBN 3-8258-4993-7 (Region – Nation – Europa 2).
  • Olivier Le Cour Grandmaison: Coloniser. Exterminer. Sur la guerre et l’État colonial. Fayard, Paris 2005, ISBN 2-213-62316-3.
  • Ahlrich Meyer: Großraumpolitik und Kollaboration im Westen. Werner Best, die Zeitschrift „Reich, Volksordnung, Lebensraum“ und die deutsche Militärverwaltung in Frankreich. In Götz Aly u. a. (Hrsg.): Modelle für ein deutsches Europa. Ökonomie und Herrschaft im Großwirtschaftsraum. Rotbuch-Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-88022-959-7 (Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik 10).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Horst Dreier: Wirtschaftsraum – Großraum – Lebensraum. Facetten eines belasteten Begriffs, in: Horst Dreier/Karl Kreuzer/Hans Forkel (Hrsg.): Raum und Recht. Festschrift 600 Jahre Würzburger Juristenfakultät. Duncker & Humblot: Berlin 2002, S. 47–84.
  2. Friedrich Ratzel: Der Lebensraum. Eine biogeographische Studie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1966.
  3. Vgl. Klaus Thörner: „Der ganze Südosten ist unser Hinterland“. S. 179.
  4. Wilhelm Ziegler: Einführung in die Politik. 2. Auflage, Berlin 1929, S. 280.
  5. Vgl. „Lebensraum“ in französischer Wikipedia.
  6. Olivier Le Cour Grandmaison: Coloniser. Exterminer. Sur la guerre et l’État colonial. Fayard, Paris 2005, S. 132–136. – Zum „Lebensraum“-Konzept der europäischen Kolonialmächte außerdem neuerdings: Olivier Le Cour Grandmaison: La République impériale. Politique et racisme d'État. Fayard, Paris 2009, S. 329–352.
  7. Heike Wolter: ‚Volk ohne Raum‘: Lebensraumvorstellungen im geopolitischen, literarischen und politischen Diskurs der Weimarer Republik. Eine Untersuchung auf der Basis von Fallstudien zu Leben und Werk Karl Haushofers, Hans Grimms und Adolf Hitlers. Lit-Verlag: Münster-Hamburg-London 2003.
  8. Rüdiger Voigt (Hrsg.): Großraum-Denken. Carl Schmitts Kategorie der Großraumordnung. Franz Steiner Verlag: Stuttgart 2008.
  9. Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit. 63.–66. Auflage. München 1935. S. 531.
  10. Zitiert in: Kurt Böttcher u.a. (Hrsg.): Geflügelte Worte. Zitate, Sentenzen und Begriffe in ihrem geschichtlichen Zusammenhang. Leipzig 1985, S. 626.