Lithopädion

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Lithopädion

Ein Lithopädion (altgriechisch: λιθοπαίδιον, λίθος lithos, für „Stein“ und παιδίον paidion für „Kindchen“), auch Steinkind oder Steinfrucht, ist ein abgestorbener, versteinerter Fötus im Mutterleib.

Entstehung[Bearbeiten]

Ein Lithopädion entsteht, wenn ein abgestorbener Fötus einer Bauchhöhlenschwangerschaft, einer Eileiterschwangerschaft oder eines Gebärmutterrisses nicht, wie üblich, vom Körper resorbiert (wie üblich bei Embryonen vor dem dritten Monat), sondern durch Aufnahme von Kalk eingekapselt und mumifiziert wird. Die Existenz eines versteinerten Fötus im Körper der Mutter kann Beschwerden wie Beckenschmerzen verursachen, allerdings auch symptomlos verlaufen. Teilweise wird die Steinfrucht erst nach dem natürlichen Tod der Mutter entdeckt. Aufgrund möglicher Komplikationen ist eine chirurgische Therapie angebracht.

Die Lithopädionbildung ist beim Menschen äußerst selten. Es wurden bisher weniger als 300 Fälle dokumentiert. Ein bekannter Fall ist das Steinkind von Sens.

Steinkind von Leinzell[Bearbeiten]

„Steinkind von Leinzell“

Das Lithopädion von Leinzell hätte 1674 geboren werden sollen.[1] Die Mutter, Anna Mullern (oder Müller), lag sieben Wochen in den Wehen, konnte das Kind aber nicht zur Welt bringen. Trotz der Steinfrucht in ihrem Leib bekam sie später noch einen Sohn und eine Tochter. Sie beauftragte den örtlichen Arzt, Dr. Wohnliche, sowie den Bader Herrn Knauffen (oder Knaus) aus Heubach, nach ihrem Tod ihren Leib zu öffnen und das Kind herauszuholen.[2] Allerdings überlebte die Frau, die laut der Universität Tübingen 91[1], laut Jan Bondeson 94[3] Jahre alt wurde, ihren Arzt, und der Bader obduzierte sie ohne ärztliche Unterstützung. Erst nachdem ein wohlerhaltenes Lithopädion zum Vorschein gekommen war, wurde der Arzt Johann Georg Steigerthal hinzugezogen, der die erste Beschreibung und Zeichnung des Steinkindes von Leinzell anfertigte. Das Kind der Anna Mullern (oder Müller) ist im Gegensatz zum Steinkind von Sens erhalten geblieben und befindet sich heute in Tübingen.

Literatur[Bearbeiten]

  • R. Passini, R. Knobel, M. A. Parpinelli, B. G. Pereira, E. Amaral, F. G. de Castro Surita, C. R. de Araújo Lett: Calcified abdominal pregnancy with eighteen years of evolution: case report. In: São Paulo medical journal = Revista paulista de medicina. Band 118, Nummer 6, November 2000, S. 192–194, ISSN 1516-3180. PMID 11120551.
  • J. Bondeson: The earliest known case of a lithopaedion. In: Journal of the Royal Society of Medicine. Band 89, Nummer 1, Januar 1996, S. 13–18, ISSN 0141-0768. PMID 8709075. PMC 1295635 (freier Volltext).
  • J. A. Perper: Time of Death and Changes after Death. Part 1: Anatomical Considerations. In: W. U. Spitz, D. J. Spitz (Hrsg.): Spitz and Fisher’s Medicolegal Investigation of Death. Guideline for the Application of Pathology to Crime Investigations. Charles C. Thomas, Springfield, Illinois, 20064, S. 118.
  • B. M. Rothschild, C. Rothschild, L. C. Bement: Three-millennium antiquity of the lithokelyphos variety of lithopedion. In: American journal of obstetrics and gynecology. Band 169, Nummer 1, Juli 1993, S. 140–141, ISSN 0002-9378. PMID 8333440.
  • H.P. Schmitt, W. Rosendahl: Das Heidelberger Lithopädion („Foetus Ossei") – zur Mumifizierung eines menschlichen Fötus in der Bauchhöhle durch Verknöcherung. In: A. Wieczorek, W. Rosendahl, H. Wiegand (Hrsg.): "Mumien und Museen. Mannheimer Geschichtsblätter, Sonderband 2, Heidelberg 2009, S. 135-138.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Foto des Steinkindes von Leinzell (mit Zusatzinformationen)
  2. Sowohl der Name der Mutter als auch der des Baders sind in unterschiedlichen Formen überliefert. Bondeson, der die Formen Mullern und Knauffen verwendet, ist möglicherweise durch gebeugte Formen und deutsche Schrift getäuscht worden. In der Ortsbeschreibung des Oberamts Gmünd und einem Zeitungsartikel etwa wird der Name Müller genannt; der Zeitungsartikel nennt den Bader überdies Knaus. Auch über das Alter der Frau und über das Geschlecht der beiden nachgeborenen Kinder gibt es unterschiedliche Angaben.
  3. Jan Bondeson: The earliest known case of a lithopaedion. In: Journal of the Royal Society of Medicine. 89, Nr. 1, Januar 1996, S. 47. PMID 8709075. PMC: 1295635 (freier Volltext).
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