Loanable funds

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In der Wirtschaftswissenschaft bezeichnet die Loanable-funds-Theorie (deutsch auch: Theorie der ausleihbaren Fonds) eine Theorie zur Bestimmung des Zinssatzes. Nach dieser Theorie wird der Marktzins durch Kreditangebot und Kreditnachfrage bestimmt. Kredite in diesem Sinn sind etwa Darlehen oder Wertpapiere.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Loanable-funds-Theorie geht zurück auf die 1930er Jahre. Sie wurde vom britischen Ökonomen Dennis Holme Robertson[1] und vom schwedischen Ökonom Bertil Ohlin[2] formuliert. Allerdings schrieb Ohlin die Ursprünge der Theorie dem schwedischen Ökonomen Knut Wicksell[3] und der sogenannten Stockholmer Schule zu.[4]

Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Loanable-funds-Theorie erweitert die klassische Zinstheorie, die den Zinssatz allein durch das Zusammenwirken von Ersparnis und Investition bestimmt sah, um Bankkredite. Das gesamte Kreditangebot einer Volkswirtschaft kann die private Ersparnis übersteigen, weil das Banksystem in der Lage ist, Buchkredite gleichsam aus dem Nichts zu schaffen. Aus diesem Grund wird der Gleichgewichtszins (oder Marktzins) nicht allein durch Ersparnis und Investition bestimmt, sondern auch durch Kreditschöpfung und Kreditlöschung.

Wenn das Bankensystem Kredit schöpft, senkt dies den Marktzins unter den sogenannten natürlichen Zins. Den natürlichen Zins hatte Wicksell als denjenigen Zins definiert, der mit Preisniveaustabilität vereinbar ist. Kreditschöpfung und Kreditlöschung beeinflussen daher nicht nur den Zinssatz, sondern auch das Preisniveau und die Wirtschaftsaktivität.

Ohlin wandte sich gegen die Vorstellung, der Zins werde allein durch Ersparnis und Investition bestimmt (op. cit., S. 222): "One cannot say that the rate of interest equalises planned savings and planned investment, for it obviously does not do that. How, then, is the height of the interest rate determined. The answer is that the rate of interest is simply the price of credit, and that it is therefore governed by the supply of and demand for credit. The banking system - through its ability to give credit - can influence, and to some extent does affect, the interest level."

Mathematisch ausgedrückt bestimmt die Loanable-funds-Theorie den Marktzins durch die folgende Gleichgewichtsbedingung:

Dabei bezeichnen das Preisniveau, die reale Ersparnis und die reale Investitionsnachfrage, während die Kreditschöpfung symbolisiert. Ersparnis und Investition werden mit dem Preisniveau multipliziert, um sie in nominale Größen umzurechnen, denn die Kreditschöpfung ist ebenfalls eine nominale Größe.

Weil in einem Fiatgeldsystem jede Kreditschöpfung mit einer Giralgeldschöpfung einhergeht[5], gilt Deshalb lässt sich die Loanable-funds-Theorie alternativ durch die Formel darstellen. Beide vorigen Darstellungen gelten nur für geschlossene Volkswirtschaften. In einer offenen Volkswirtschaft müssen Kapitalexporte zur Kreditnachfrage addiert werden.

Vergleich mit dem klassischen und Keynesianischen Ansatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die klassische Theorie bestimmt den Zinssatz allein durch das Zusammenwirken von Ersparnis und Investition, also durch die Gleichung Änderungen der Geldmenge beeinflussen nicht den Zinssatz, sondern allein das Preisniveau (Quantitätstheorie). Die Keynesianische Liquiditätspräferenztheorie bestimmt Einkommen und Zins durch die Übereinstimmung von Ersparnis und Investition, , und die Übereinstimmung von Geldnachfrage und Geldangebot, Dies ist das bekannte IS-LM-Modell. Sowohl der klassische als auch der Keynesianische Ansatz fordern die Übereinstimmung von Ersparnis und Investition im ex ante Sinn.

Im Unterschied hierzu verlangt die Loanable-funds-Theorie nicht, dass Ersparnis und Investition ex ante übereinstimmen, sondern sie integriert die Kreditschöpfung durch Banken in die Gleichgewichtsbedingung. Ohlin hielt diese Darstellung für realistischer: „There is a credit market ... but there is no such market for savings and no price of savings.“[6] Weiten die Geschäftsbanken die Kredit- und Geldmenge aus, vermindert das den Zinssatz in gleicher Weise wie eine zusätzliche Ersparnis.

Während der 1930er Jahre, und dann wieder während der 1950er Jahre, wurde die Beziehung zwischen der Loanable-funds-Theorie und der Liquiditätspräferenztheorie eingehend diskutiert. Einige Autoren betrachteten beide Ansätze als gleichwertig.[7] Über diese Frage besteht jedoch keine Übereinstimmung.

Umgangssprachlicher Gebrauch des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Begriff Loanable-funds-Theorie in der wissenschaftlichen Literatur einheitlich im obigen Sinn gebraucht wird,[8][9] verwenden Lehrbuchautoren[10] und Blogger [11] die Worte "loanable funds" gelegentlich im Zusammenhang mit der klassischen Zinstheorie. Dieser umgangssprachliche Gebrauch vernachlässigt den entscheidenden Beitrag der Loanable-funds-Theorie, nämlich die Integration von Geld und Kredit in die Zinsbestimmung.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Robertson, D. H. (1934) Industrial Fluctuation and the Natural Rate of Interest. The Economic Journal, vol. 44, S. 650–656. Zitat S. 652: "If [after an industrial expansion], the banks keep the rate of interest right down, ... the initial rate of lendings per atom of time will exceed the rate of available new savings, and the whole of the excess ... will consist of newly-created bank money."
  2. Ohlin, B. (1937) Some Notes on the Stockholm Theory of Savings and Investment II. The Economic Journal, vol. 47, pp. 221–240.
  3. Wicksell, K. (1898) Geldzins und Güterpreise. Nachdruck 1968 Aalen: Scientia.
  4. Ohlin, B. (1937) Some Notes on the Stockholm Theory of Savings and Investment I. The Economic Journal, vol. 47, S. 53–69. Als Mitglieder der Stockholmer Schule nennt Ohlin ausdrücklich Erik Lindahl und Gunnar Myrdal.
  5. Tobin, J. (1963) Commercial Banks as Creators of ‘Money’. Cowles Foundation Discussion Paper No. 159.
  6. Ohlin, B. (1937) Alternative Theories of the Rate of Interest: Rejoinder. The Economic Journal vol. 47, S. 424.
  7. Patinkin, D. (1958) Liquidity Preference and Loanable Funds: Stock and Flow Analysis. Economica vol. 25, pp. 300–318.
  8. Hansen, A. H. (1951) Classical, Loanable Fund, and Keynesian Interest Theories. Quarterly Journal of Economics vol. 65, pp. 429–432.
  9. Tsiang, S. C. (1956) Liquidity Preference and Loanable Funds Theories. American Economic Review 46, pp. 539–564.
  10. Mankiw, N. G. (2013) Macroeconomics. Eighth edition: Macmillan, p. 68.
  11. Vgl. etwa Bill Mitchell: "The IMF fall into a loanable funds black hole again", 22. September 2009.