Manifest von 1890

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Im Manifest von 1890 (auch bekannt als Woodruff Manifest oder Anti-Polygamie-Manifest) erklärte die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, dass sie künftig keine polygamen Ehen mehr schließen würde. Das Manifest wurde im September 1890 vom Präsident der Kirche, Wilford Woodruff, herausgegeben. Es war eine Reaktion auf den steigenden Druck des Kongresses der Vereinigten Staaten, der ab dem Jahre 1890 die Kirche ausgrenzte, drohte, ihr Vermögen einzuziehen und viele prominente polygame Mormonen inhaftieren ließ. Nach seiner Veröffentlichung akzeptierte eine Konferenz der HLT-Kirche das Manifest von Woodruff als „autorisiert und bindend“.

Das Manifest war ein dramatischer Umschwung in der Geschichte der Kirche. Es rät Mitgliedern ab, Ehen einzugehen, die vom Gesetz des Landes verboten sind. Es war die Voraussetzung, dass Utah ein Bundesstaat der USA wurde. Trotzdem schloss die Kirche eine kleine Anzahl von Vielehen in den USA, Mexiko und Kanada[1]:

„In der Aufstellung über „Eheschließungen und Siegelungen außerhalb des Tempels“, die nicht vollständig ist, sind 315 Ehen verzeichnet, die zwischen dem 17. Oktober 1890 und dem 8. September 1903 geschlossen wurden.36 Nachforschungen haben ergeben, dass es sich bei den 315 Eheschließungen in der Aufstellung bei 25 (7,9 %) um Mehrehen und bei 290 (92,1 %) um monogame Ehen handelte. Fast alle der verzeichneten monogamen Ehen wurden in Arizona oder Mexiko geschlossen. Von den 25 Mehrehen wurden 18 in Mexiko, drei in Arizona, zwei in Utah und jeweils eine in Colorado und auf einem Schiff im Pazifischen Ozean geschlossen.“[2]

Dies machte es notwendig, dass ein Zweites Manifest herausgegeben wurde nach Anhörungen im US Kongress im Jahre 1904. Obwohl beide Manifeste keine bestehenden Vielehen auflösten, starb diese Form der Ehe in der HLT-Kirche in den frühen 1900er Jahren nach und nach aus. Das Manifest wurde in die heiligen Schriften der HLT-Kirche als Amtliche Erklärung 1[3] aufgenommen und wird von der Hauptströmung der Mormonen als eine göttliche Offenbarung angesehen. In dieser sei Woodruff gezeigt worden, welche Schwierigkeiten der Kirche bevorstehen, wenn sie nicht auf das Manifest hören.[4] Einige mormonische Fundamentalisten bezweifeln, dass Woodruff jemals so eine Offenbarung erhalten habe.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Manifest wurde als Reaktion auf anti-polygamie Richtlinien der Bundesregierung, besonders wegen des „EdmundsTucker Act“ aus dem Jahre 1887 herausgegeben. Dieses Gesetz gliederte die Kirche aus und erlaubte der Regierung, das Vermögen der Kirche zu beschlagnahmen. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hielt die Strafmaßnahmen in einer Entscheidung im Mai 1890 aufrecht.[5]

Seit April 1889 weigerte sich Woodruff, neue Erlaubnise für Vielehen zu erteilen.[6] Im Oktober 1889 gab er öffentlich zu, dass er keine neuen Vielehen mehr zulassen werde. Auf Anfrage eines Reporters sagte er, dass die Kirche jetzt auf die Regierung hören wolle.[7] Weil es seit 25 Jahren verbreitete mormonische Praxis war, die Anti-Polygamie-Gesetze zu umgehen oder zu ignorieren, war diese Woodruffs Position ein Signal zur Veränderung der Kirche.[8]

Woodruff gab später bekannt, dass er in der Nacht auf den 23. September 1899 eine Offenbarung von Jesus Christus erhalten habe. Sie besage, dass die Kirche mit der Praxis der Vielehe aufhören solle.[9] Am folgenden Morgen berichtete er dies den Kirchenführern und gab ihnen eine Vorabversion. Die Kirchenführer veränderten den Text ein wenig und präsentierten ihn der ganzen Kirche.[10] Auf der sechzigsten halbjährlichen Generalkonferenz wurde am 6. Oktober 1890 das Manifest von den Mitgliedern der Kirche formell angenommen.[2][11]

Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem Manifest heißt es:

„An alle, die es betrifft: Da Pressemeldungen zu politischen Zwecken von Salt Lake City ausgesandt wurden und weite Verbreitung erfahren haben, die berichten, die Utah-Kommission behaupte in ihrem neuesten Bericht an den Minister des Inneren, es würden noch immer Trauungen zur Vielehe vollzogen und seit letztem Juni oder im vergangenen Jahr seien in Utah vierzig oder mehr solche Ehen geschlossen worden; auch hätten die Führer der Kirche in öffentlichen Ansprachen die Vielehe gelehrt und zur weiteren Ausübung derselben ermuntert und gedrängt— darum erkläre ich als Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hiermit auf das Feierlichste, daß diese Beschuldigungen falsch sind. Wir lehren keine Polygamie oder Vielehe und gestatten auch niemandem, ihre Ausübung einzugehen; und ich stelle in Abrede, daß vierzig oder irgendeine andere Zahl von Trauungen zur Vielehe in der betreffenden Zeit in unseren Tempeln oder sonstwo im Territorium Utah vollzogen worden sind. Ein Fall wurde gemeldet, wo die Beteiligten behaupten, die Eheschließung sei im Frühjahr 1889 im Endowment House in Salt Lake City erfolgt, aber ich war nicht imstande zu erfahren, wer die Trauung vollzogen hat; was auch immer in dieser Sache geschehen sein mag, ist ohne mein Wissen geschehen. Auf dieses angebliche Vorkommnis hin wurde das Endowment House auf meine Weisung unverzüglich abgerissen. Da nun der Kongreß Gesetze erlassen hat, die die Vielehe verbieten, und da das höchste Appellationsgericht diese Gesetze als verfassungsgemäß bezeichnet hat, erkläre ich hiermit meine Absicht, mich diesen Gesetzen zu fügen und bei den Mitgliedern der Kirche, deren Präsident ich bin, meinen Einfluß geltend zu machen, daß sie es auch tun. In den von mir und meinen Amtsbrüdern in der genannten Zeit der Kirche erteilten Belehrungen gibt es nichts, was vernünftigerweise als Aufforderung oder Ermutigung zur Vielehe ausgelegt werden kann; und wenn irgendein Ältester der Kirche eine Sprache führte, die eine solche Unterweisung zu enthalten schien, wurde er sofort zurechtgewiesen. Und nun erkläre ich öffentlich, daß ich den Heiligen der Letzten Tage den Rat erteile, von jeder Eheschließung, die durch das Gesetz des Landes verboten ist, Abstand zu nehmen.“

Wilford Woodruff (unterzeichnet), Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.[12]

Formale Akzeptanz der HLT-Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Präsident Lorenzo Snow beantragte:

„Ich schlage folgendes vor: Da wir Wilford Woodruff als den Präsidenten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage anerkennen und als den einzigen Menschen auf Erden, der gegenwärtig die Schlüssel der Siegelungsverordnungen innehat, halten wir ihn kraft seiner Stellung für voll befugt, das Manifest, das uns vorgelesen worden ist und das vom 24. September 1890 datiert ist, zu erlassen; und da wir als Kirche in einer Generalkonferenz versammelt sind, nehmen wir seine Erklärung in bezug auf die Vielehe als maßgebend und bindend an.
Salt Lake City, Utah, 6. Oktober 1890“[12]

Neue Ehen vs existierende Ehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Manifest endete die offiziellen Autorisierung der Kirche für neue Vielehen, die gegen die lokalen Gesetze verstießen. Es hatte keinen Einfluss auf schon bestehende Ehen, und Vielehen wurden dort weiter geschlossen, wo es immer noch legal war. Woodruff erklärte auf der Generalkonferenz, auf der dem Manifest zugestimmt wurde, dass die bestehenden Vielehen nicht annulliert werden sollen.[13] Obwohl Woodruff dies erklärte, begannen einige Polygamisten, nur noch mit einer Frau zu leben. Zu ihnen gehörte auch Lorenzo Snow, der nachfolgende Präsident. Aber die Mehrheit der mormonischen Polygamisten lebte weiter mit der Vielzahl ihrer Frauen zusammen.[14]

Nachwirkungen und Vielehen nach dem Manifest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb von sechs Jahren nach dem Manifest wurde Utah US-Bundesstaat und die staatliche Diskriminierung von mormonischen Polygamisten wurde beendet. Der Kongress verweigerte jedoch gewählten Polygamisten den Sitz, wie zum Beispiel B. H. Roberts.[15]

Einige mormonische Historiker dokumentierten, dass auch nach dem Manifest von einigen Aposteln Vielehen sanktioniert wurden. Dies war insbesondere in Mexiko und Kanada der Fall, wo die Kirchenführer glaubten, die Ehen wären in diesen Ländern legal. Mehrere Mehrfachehen wurden in internationalen Gewässern geschlossen. Auch wurden eine signifikante Minderheit von Vielehen in Utah und anderen westlichen Staaten abgeschlossen. Es wird davon ausgegangen, dass auch nach Inkrafttreten des Manifests bis zu einigen tausend Vielehen geschlossen wurden. Die tatsächliche Anzahl liegt wahrscheinlich bei etwa 250.[16] Heute gibt die HLT-Kirche zu, dass obwohl das Manifest die Vielehen verbot, eine Abkehr von der Praxis nur stufenweise erfolgte.[17][2]

Gerüchte um Vielehen nach dem Manifest erreichten den Kongress, der diese untersuchte. Als Reaktion darauf gab Kirchenpräsident Joseph F. Smith, ein Zweites Manifest heraus, das Vielehen mit der Strafe der Exkommunikation belegte. Darauf traten zwei Apostel, die mit dieser Entscheidung nicht einverstanden waren, zurück.[18] Vielehen, die das Gesetz des Landes verletzen, sind immer noch ein Grund für Exkommunikation in der HLT-Kirche.[19]

Die Abkehr von der Vielehe in der HLT-Kirche führte zur Entstehung der mormonischen Fundamentalisten.

Entwicklung der Ansichten der HLT zum Manifest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Manifest wurde in die heiligen Schriften der HLT-Kirche aufgenommen. Es ist in dem Buch Lehre und Bündnisse. Anfänglich hatten Woodruff oder andere Kirchenführern den Text noch nicht als göttliche Offenbarung deklariert.[20] Ungefähr ein Jahr, nach dem das Manifest herausgegeben worden war, behauptete Woodruff, eine Offenbarung von Jesus Christus empfangen zu haben; diese wurde zum Grundstein für das Manifest.[9] In dieser Vision soll ihm gezeigt worden sein, was passieren würde, wenn er das Manifest nicht herausgebe.[9]

Nach seinem Tod begannen andere Kirchenführer zu lehren, dass das Manifest eine göttliche Offenbarung sei.[21] Seit Snows Vortrag lehrten die Kirchenführer dauerhaft, dass das Manifest eine göttliche Offenbarung sei.[22] Im Jahre 1908 wurde das Manifest als „Amtliche Erklärung 1“ erstmals als Teil von Lehre und Bündnisse gedruckt und ist seitdem in jeder Auflage vorhanden. Ein nicht-mormonischer Beobachter der Kirche stellte fest, dass das Manifest jetzt genauso wichtig sei wie die Offenbarungen von Joseph Smith.[23]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dennis Michael Quinn: LDS Church Authority and New Plural Marriages, 1890–1904. In: Dialogue: A Journal of Mormon Thought 18/1. S. 9–108, abgerufen am 8. Juni 2015.
  2. a b c Das Manifest und das Ende der Mehrehe. LDS Church, abgerufen am 23. Januar 2016.
  3. Melvyn Hammarberg: The Mormon Quest for Glory: The Religious World of the Latter-Day Saints. Oxford University Press USA, New York 2013, ISBN 978-0-19-973762-8, S. 135.
    David E. Campbell, John C. Green, J. Quin Monson: Seeking the Promised Land: Mormons and American Politics. Cambridge University Press, New York, 2014, ISBN 978-1107662674, S. 58–59.
  4. Polygamy: Latter-day Saints and the Practice of Plural Marriage. mormonnewsroom.org, abgerufen am 23. Januar 2016.
  5. 136. U.S. 1. (1890)
  6. Van Wagoner, 1989, S. 135.
  7. Salt Lake Herald, 27. Oktober 1889. Zitiert bei Van Wagoner, 1989, S. 136.
  8. Smith, 2005, S. 62–63.
  9. a b c Ausführungen Wilford Woodruffs auf der Cache Stake Conference in Logan (Utah) am 1. November 1891. Über die Ausführungen Woodruffs berichtete der Deseret Weekly, Logan (Utah), am 14. November 1891. Auszüge wurden von Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage unter Amtliche Erklärungen 1, Lehre und Bündnisse veröffentlicht.
  10. Julius C. Burrows, Joseph Benson Foraker, United States Congress Senate Committee on Privileges and Elections: Proceedings Before the Committee On Privileges and Elections of the United States Senate in the Matter of The Protests Against the Right of Hon. Reed Smoot, a Senator From the State of Utah, To Hold His Seat. 59th Cong., 1st sess. Senate. Doc. 486, 1906, S. 52–53, abgerufen am 23. Januar 2016.
  11. Joseph Stuart: BYU Religious Education Student Symposium, 2012. ‘For the Temporal Salvation of the Church’: Historical Context of the Manifesto, 1882–90. Hrsg.: Religious Studies Center. 2012, ISBN 978-0-8425-2829-0 ([1]).
    Dan Erickson: “As a Thief in the Night”: The Mormon Quest for Millennial Deliverance. Signature Books, 1998, S. 205, abgerufen am 16. Juni 2015.
  12. a b Amtliche Erklärungen 1. Lehre und Bündnisse, abgerufen am 23. Januar 2016.
  13. Tagebucheintrag von Marriner W. Merrill, 6. Oktober 1890, im Archiv der LDS-Kirche; zitiert bei Hardy, 1992, S. 141.
  14. Kenneth L. Cannon II: Beyond the Manifesto: Polygamous Cohabitation among LDS General Authorities after 1890. Utah Historical Quarterly 46/1 (1978), S. 24, abgerufen am 23. Januar 2013.
  15. Kathleen Flake: The Politics of American Religious Identity: The Seating of Senator Reed Smoot, Mormon Apostle. University of North Carolina Press, Chapel Hill, 2003, ISBN 0-8078-5501-4, OCLC 57707347.
  16. Hardy, 1992, S. 167–335, Anhang II.
  17. Die Mehrehe und die Familie im Utah des 19. Jahrhunderts. lds.org, abgerufen am 23. Januar 2016.
  18. Victor W. Jorgensen, B. Carmon Hardy: The Taylor-Cowley Affair and the Watershed of Mormon History. Utah Historical Quarterly 48/1 (1980), S. 4.
  19. Handbook 1: Stake Presidents and Bishops (dt. Titel: „Handbuch 1, erhältlich für Bischöfe und Pfahlpräsidenten“). LDS-Kirche, Salt Lake City (Utah), 2010, S. 57. Zum Handbook vgl. Per G. Malm: Die Handbücher der Kirche – die schriftliche Ordnung von allem. abgerufen am 24. Januar 2016.
  20. Hardy, 1992, S. 146–152
  21. Lorenzo Snow hielt am 8. Mai 1899 in St. George (Utah) eine Rede, in der er die Sachverhalte darlegte. Discourse by President Lorenzo Snow. (Memento vom 25. Oktober 2007 im Internet Archive) The Latterday Saints Millennial Star Nr. 34/LXI, vom 24. August 1899, S. 529–533, hier S. 532 (pdf; 1,38 MB). Nachdruck in Clyde J. Williams (Hrsg.): The Teachings of Lorenzo Snow: Fifth President of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. Bookcraft, Salt Lake City (Utah), 1998, S. 192–193.
  22. John A. Widtsoe: Evidences and Reconciliations: Aids to Faith in a Modern Day. Bookcraft, Lake City (Utah), 1943, OCLC 36111479, S. 89.
    Joseph Fielding Smith: Essentials in Church History: A History of the Church from the Birth of Joseph Smith to the Present Time. Deseret Book, Salt Lake City (Utah), 1922, 24. Auflage 1971, OCLC 48064256, S. 493–494.
    Spencer W. Kimball (Autor), Edward L. Kimball (Hrsg.): The Teachings of Spencer W. Kimball: Twelfth President of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. Bookcraft, Salt Lake City (Utah), 1982, 2. Auflage 1998, ISBN 157008484X, OCLC 39304039, S. 447–448.
  23. Jan Shipps: Mormonism: The Story of a New Religious Tradition. University of Illinois Press, Urbana, 1985, ISBN 0252011597, OCLC 10726560, S. 114.