Astronomischer Turm

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Mathematischer Turm)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Bezeichnung astronomischer Turm oder mathematischer Turm wurde früher als Synonym für Sternwarten verwendet, wenn sie die Höhe mehrerer Stockwerke erreichten. Diese meist zwischen 15 und 30 Meter hohen Bauwerke waren nicht nur ein Ort für astronomische Beobachtungen, sondern auch eine Art Statussymbol. In manchen waren zusätzlich wissenschaftliche Museen oder Bibliotheken untergebracht, bisweilen auch die ab dem 17. Jahrhundert zunehmend beliebten physikalischen Wunderkammern.

Frühe Turmsternwarten als Vorbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon in der frühen Antike gab es Tempel oder andere repräsentative Bauten, deren Obergeschoss für Hof- oder Priesterastronomen als Beobachtungsplattform dienten. Beispiele sind einige babylonische Zikkurate, mittelamerikanische Stufentempel und wahrscheinlich auch der Turm von Babel. In Griechenland diente vermutlich der 13 m hohe, achteckige Turm der Winde (Athen) als Sternwarte, den der Astronom Andronikos von Kyrrhos im 1. Jahrhundert v. Chr. errichtete.

In anderen Teilen Europas sind derartige Bauten erst im Mittelalter entstanden, unter anderem im 14. Jahrhundert der Turm des Heinrich von Langenstein am Herzogskolleg in Wien.

Zum Vorbild vieler späterer Turmsternwarten dienten aber vor allem

  • der Turm der Winde im Vatikan, die 73 m hohe Beobachtungs-Plattform der ersten Vatikansternwarte. Sie wurde 1578–1580 dem heute für die Vatikanische Bibliothek dienenden 4-stöckigen Trakt aufgesetzt und nach dem Athener Vorbild benannt;
  • der mathematische Turm der Sternwarte Kremsmünster von 1749. Der 50 Meter hohe, vom Benediktinerstift Kremsmünster errichtete Bau gilt als das erste Hochhaus der Welt. Er diente bis ins frühe 20. Jahrhundert als Sternwarte und bis heute als Wetterstation mit der längsten Datenreihe. In den unteren Geschossen des Turms wurden Kunstsammlungen und verschiedene Museen untergebracht. Alle vier Aspekte zeigen lt. Demel die Aufgeschlossenheit der Benediktiner gegenüber neuen Entwicklungen in Wissenschaft und Kunst;[1]
  • der Turm des Clementinums der Jesuiten in Prag (um 1700). Es wurde zum Vorbild einiger früher Universitätssternwarten.

Spätere astronomische Türme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab etwa 1600 wurden ähnliche Türme für viele Sternwarten von Universitäten, Klöstern und Bauwerke des Adels errichtet. Solche Bauten sind unter anderem:

Bildergalerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blütezeit des Islam[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nicht genau bekannt ist die Bauart der Sternwarten, die in der kulturellen Hochblüte von Arabien über Persien bis zu den Mongolen benützt wurden. Wahrscheinlich hatten auch sie stabile Plattformen auf Beobachtungstürmen, worauf die Genauigkeit der Mauerquadranten und anderer Messungen sowie der Ekliptikschiefe hindeutet. Wichtige Standorte des 9. bis 13. Jahrhunderts waren u. a. Bagdad, Alexandria, Schiras oder Samarkand (siehe Großer Sextant von Ulug Begs Observatorium 1425), und in Spanien die Sternwarte Alfons X. in Toledo um 1250.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Günter D. Roth: Kosmos Astronomie-Geschichte: Astronomen, Instrumente, Entdeckungen. Kosmos-Verlag, Stuttgart 1987
  • W. Foerster: Weltall und Menschheit Band III (Kap. zur Astronomie-Geschichte, p. 82-150), Berlin-Leipzig-Wien 1902
  • Otto Wutzel: 1200 Jahre Kremsmünster, p. 214 ff Zur Geschichte der Sternwarte. Oberösterreichische Landesregierung, Linz 1977

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Walter Demel: Europäische Geschichte des 18. Jahrhunderts, S. 150, Kohlhammer 2000.