Turm der Winde (Athen)

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Turm der Winde von der Nordseite; im Hintergrund sind Teile der Akropolis zu sehen.
Der Turm der Winde von Nord-Ost; unter den Wind-Reliefs befinden sich Sonnenuhren
Nachschöpfung: Turm der Winde in Sevastopol

Der Turm der Winde (auch Horologion des Andronikos oder Αέρηδες, Aerides) ist ein achteckiger Turm am Rande der Römischen Agora und das besterhaltene antike Bauwerk in Athen.[1][2] Er wurde in späthellenistischer Zeit erbaut und diente als Uhrenpavillon mit der Funktion einer Wetterstation. Entworfen wurde der 13 m hohe Turm durch den Astronomen Andronikos von Kyrrhos im 1. Jahrhundert v. Chr.

Erstmals erwähnt wird der Turm bei Varro[3] (vor 37 v. Chr.), dann bei Vitruv.[4]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Bau wurde pentelischer Marmor verwendet. Entsprechend dem mythologisch begründeten Windsystem der Griechen hat der Turm acht Seiten. An jeder der acht Seiten des Turms ist eine Sonnenuhr angebracht, eine neunte befand sich vermutlich am südlichen runden Annex.[5] Darüber befindet sich je ein Relief für einen der Windgötter. Jede Figur (vier Haupt- und vier Nebenwinde) zeigt durch ihre Attribute den Charakter des jeweiligen Windes aus (z. B. Regen, Hagel, Früchte usw.). An der Nordost- und an der Nordwestseite befindet sich je ein Eingang. Auf dem Dach befand sich die Figur eines Triton aus Bronze, der sich als Wetterfahne drehen konnte und mit seinem Stab die jeweils herrschende Windrichtung wies. Im Turm befanden sich eine Wasseruhr und weitere mit Wasserkraft angetriebene Vorrichtungen; diese wurde aus einem an der Südseite des Turms befindlichen Wasserspeicher versorgt, der durch eine Leitung aus einer am Nordhang der Akropolis befindlichen Quelle gespeist wurde.

Während der Turm einst isoliert für sich stand, ist er heute zusammen mit der römischen Agora zu einem archäologischen Grabungsfeld zusammengefasst.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vitruv erwähnte in seiner Architekturschrift den Turm der Winde und machte dessen 8 bzw. 16 Radialen zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen zur Stadtplanung. Bezug auf diesen Text nimmt beispielsweise der stadtplanerische Entwurf von Karlsruhe.[6] Detailliert aufgemessen und zeichnerisch rekonstruiert wurde der Turm jedoch erst um 1750 von James Stuart und Nicholas Revett. In ihrem ersten Band der 1762 publizierten Antiquities of Athens[7] gehörte er zu den ersten Gebäuden des griechischen Mutterlandes, die in Westeuropa bekannt wurden, und diente als Vorbild für viele Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts. Darunter befindet sich in Deutschland der von Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau errichtete Turm der acht Winde in Dessau-Mildensee und das Observatorium von Carl Gotthard Langhans (heute: Sternwarte Halle im Botanischen Garten der Universität Halle). Die Reliefdarstellungen der acht Winde wurden an den Ecktürmen des Schlosses Tegel in Berlin wiederholt.

Bis heute wird der Turm in den Künsten, aber auch in der modernen Architektur zitiert, beispielsweise im Tower of Winds in Yokohama von Toyo Ito aus dem Jahr 1986 oder als gestalterisches Element in Entwürfen von Rob Krier für die Cité Judiciaire in Luxemburg.

Reliefs der Windgötter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Name Windrichtung Darstellung
Boreas Norden bärtiger Mann mit Mantel und Muschel, in die er bläst
Kaikias Nordosten bärtiger Mann, schüttet runde Objekte (Hagelkörner?) aus einem runden Schild
Ap(h)eliotes Osten Jugendlicher, der ein mit Früchten und Getreide gefülltes Manteltuch trägt
Euros Südosten bärtiger Mann, in einen Mantel gehüllt
Notos Süden Jugendlicher, der eine Kanne entleert
Lips Südwesten Jugendlicher mit Steven
Zephyros Westen Jugendlicher, der ein mit Blumen gefülltes Manteltuch trägt
Skiron Nordwesten bärtiger Mann, der ein bauchiges Gefäß entleert[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ioannis Travlos: Bildlexikon zur Topographie des antiken Athen. Wasmuth, Tübingen 1971, S. 281–288.
  • Joachim von Freeden: Oικία Kυρρήστoυ. Studien zum sogenannten Turm der Winde in Athen (= Archaeologica Bd. 29). Giorgio Bretschneider, Rom 1983, ISBN 8-885-00766-X.
  • Hermann J. Kienast: Untersuchungen am Turm der Winde. In: Archäologischer Anzeiger. 1993, S. 271–275. (Volltext)
  • Hermann J. Kienast: Antike Zeitmessung auf der Agora. Neue Forschungen am Turm der Winde in Athen. In: Antike Welt. Band 28, 2, 1997, S. 113–115.
  • Karlheinz Schaldach: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands. Festland und Peloponnes. Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-817-11756-7, S. 60–83.
  • Hermann J. Kienast: Der Turm der Winde in Athen. Kasse für Archäologische Mittel und Enteignungen, Referat für Publikationen, Athen 2007, ISBN 978-9-602-14584-5.
  • Hermann J. Kienast: Der Turm der Winde in Athen (= Archäologische Forschungen. Band 30). Reichert, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-954-90024-4 (Rezension bei Bryn Mawr Classical Review (englisch))
  • Pamela A. Webb: The Tower of the Winds in Athens. Greeks, Romans, Christians, and Muslims: Two Millennia of Continual Use. American Philosophical Society Press, Philadelphia 2017, ISBN 978-0-871-69270-2.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hermann J. Kienast: Der Turm der Winde in Athen (= Archäologische Forschungen. Band 30). Reichert, Wiesbaden 2014, S. X: „der besterhaltene Bau der Antike in ganz Griechenland“.
  2. Dass der Turm so gut erhalten ist, liegt daran, dass er in frühchristlicher Zeit als Baptisterium einer Basilika und in türkischer Zeit als Andachtsraum für den Tanz der Derwische genutzt wurde. (Hans Rupprecht Goette: Athen - Attika - Megaris. Reiseführer zu den Kunstschätzen und Kulturdenkmälern im Zentrum Griechenlands. Böhlau. Köln/Weimar/Wien 1993. ISBN 3-412-03393-6, S. 82).
  3. Varro, De re rustica 3, 5, 17.
  4. Vitruv, De architectura libri decem 1, 6, 4.
  5. Vgl. Karlheinz Schaldach: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands. Frankfurt am Main 2006, S. 78–81.
  6. Ulrich Schulze: Stadtplanung in Karlsruhe - Paradigmenwechsel? In: Katharina Büttner, Martin Papenbrock (Hrsg.): Kunst und Architektur in Karlsruhe. Festschrift für Norbert Schneider. Universitätsverlag, Karlsruhe 2006, ISBN 3-86644-050-2, S. 26.
  7. James Stuart, Nicholas Revett: Antiquities of Athens. Bd. 1, London 1762, S. 13–25 Taf. 1–19.
  8. Otto Waser: Skiron 2. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 4, Leipzig 1915, Sp. 1013 f. (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Turm der Winde – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 37° 58′ 27″ N, 23° 43′ 37″ O