Muttersprache

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Als Muttersprache bezeichnet man die in der frühen Kindheit ohne formalen Unterricht erlernte Sprache.

Die Sprache wird in der Regel durch die Mutter oder eine andere enge Bezugsperson vermittelt (daher „Muttersprache“). Verbunden mit dem Begriff der Muttersprache ist außerdem oft die populäre Vorstellung, dass die Muttersprache die Sprache ist, die ein Individuum am besten beherrscht.[1]

Das Wort ist nach Kluge vermutlich vom lateinischen „lingua materna“ abgeleitet. Neben dem Begriff Muttersprachler wird auch zuweilen die englische Wendung native speaker verwendet.

Problematik der Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl der Ausdruck „Muttersprache“ von den meisten Laien verwendet wird und sich auch in vielen Fachbüchern findet, ist er nicht ganz unproblematisch. Zum einen suggeriert der Ausdruck, dass es sich bei der Muttersprache um die Sprache handelt, die von der Mutter gesprochen und von ihr erlernt wird. Dahinter steckt die populäre Vorstellung der Mutter als der zentralen Figur, die ihre Sprache an ihre Kinder weitergibt. Dies ist in vielen Gesellschaften, in denen Menschen mehrere Sprachen sprechen und Paare häufig gemischtsprachig sind, nicht immer zutreffend. So kann es durchaus sein, dass das Kind zunächst die Sprache des Vaters, der Großeltern oder einer anderen Betreuungsperson lernt, weil diese die primären Bezugspersonen sind.[2]

Häufig wird mit dem Begriff „Muttersprache“ assoziiert, dass die Muttersprache die Sprache ist, die ein Individuum im Vergleich zu allen weiteren erlernten Sprachen am besten beherrscht. Auch dies ist nicht notwendigerweise so, denn Individuen können z.B. durch Migration in andere Länder weitere Sprachen erwerben und diese dann ausschließlich nutzen, so dass die Kompetenz in der ursprünglichen Muttersprache abnimmt oder ganz verloren geht.[3][4]

Viele Linguisten bevorzugen aus diesen Gründen oft den Ausdruck „Erstsprache“ (Abkürzung: L1) statt „Muttersprache“, um damit die erste in der Kindheit erworbene Sprache zu bezeichnen.[5]

Hauptartikel: Erstsprache

Trotz der Problematik der Definition gibt es viele Linguisten und auch Institutionen wie z.B. die UNO die weiterhin den Ausdruck „Muttersprache“ verwenden, zum Teil aber in dem eher weiteren Sinne „eine Sprache, die im Heim eines Individuums in früher Kindheit gesprochen wurde, aber nicht notwendigerweise die Sprache, die von ihm aktuell gesprochen wird“.[6]

Erwerb der Muttersprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Spracherwerb
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Der Psychologe Steven Pinker und der Linguist Noam Chomsky nehmen an, dass der junge Mensch über angeborene Strukturen verfügt (Universalgrammatik), die den Spracherwerb aktiv unterstützen (vgl. Generative Grammatik). Diesen Ansatz erweitert Jerome Bruner um ein elterliches Spracherwerbsunterstützungssystem, das dazu führt, dass Interaktion mit Kleinkindern deren Lernen besonders anregt. Neuere Forschungen zeigen, dass der Spracherwerb auch ohne die Annahme angeborener sprachspezifischer Gehirnstrukturen erklärbar ist (Konnektionismus, Kulturtheorien); der Neocortex zeigt eine hohe neuronale Plastizität in den frühen Jahren und das Kind ist in der Regel äußerst anregenden Lernumgebungen über lange Zeit ausgesetzt. Wichtig ist dabei, dass andere Menschen über vergleichbare geistige Strukturen (Absichten, Zwecke) verfügen, die das Kind mit ihnen durch die Sprache teilen kann („Theory of Mind“, Kulturtheorie von Tomasello). Gemeinsames Handeln in größeren Gruppen scheint auch aus evolutionärer Sicht der Anlass zur Ausbildung der Sprache gewesen zu sein (Dunbar).

Mehrsprachigkeit oder Bilingualismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Bilingualismus

Mit Bilingualismus wird die Fähigkeit eines Individuums bezeichnet, zwei oder mehr Sprachen zu beherrschen. Ein Individuum kann z.B. bilingual werden, wenn es als Kind zwei Sprachen ausgesetzt ist – der Sprache der Mutter und der des Vaters (oder einer weiteren engen Bezugsperson). In vielen Familien wird das Prinzip „eine Person – eine Sprache“ umgesetzt, d.h. das jeweilige Elternteil spricht mit dem Kind in seiner Muttersprache.[7]

Bilingual im strengeren Sinne heißt, dass die Zweitsprache mit ebenso hoher Kompetenz wie die Muttersprache gesprochen wird. In den USA, aber auch in anderen Teilen der Welt, ist die Tendenz zu beobachten, jede Person, die über einigermaßen brauchbare Fremdsprachen­kenntnisse verfügt, als „bilingual“ beziehungsweise „multilingual“ zu bezeichnen. Sprachenpolitisch kann dies als der Versuch gesehen werden, die tatsächliche Mehrsprachigkeit großer Bevölkerungsgruppen, die neben der Majoritätssprache eine andere Muttersprache sprechen, im Verhältnis zu der als idealisiert aufzufassenden und nur vorgestellten reinen und perfekten Einsprachigkeit aufzuwerten.

Die Muttersprache bei Volkszählungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1840 spielte die Sprache eine zunehmende Rolle in internationalen territorialen Auseinandersetzungen. In der Revue des Deux Mondes wurde 1842 bereits veröffentlicht, dass „die wahren natürlichen Grenzen nicht durch Berge und Flüsse bestimmt [wurden], sondern durch die Sprache, Gebräuche, die Erinnerungen und alles, was eine Nation von der anderen unterscheidet“.[8] Der 1860 abgehaltene Internationale statistische Kongress in St. Petersburg bezeichnete die Sprache als einzigen Aspekt der Nationalität, der sich zumindest objektiv zahlenmäßig erfassen und in Tabellen darstellen lässt.[9] Der letztendliche Beschluss des Kongresses machte die Frage der Muttersprache in Volkszählungen nicht obligatorisch. Es war den einzelnen Regierungen überlassen, ob eine solche Frage von „nationaler“ Bedeutung sei oder nicht. Der statistische Kongress von 1873 sprach sich hingegen dafür aus, diese Frage künftig in alle Volkszählungen mit aufzunehmen.[8]

Die Frage der Muttersprache war insbesondere in der österreichisch-ungarischen Monarchie kontrovers, da man befürchtete, dadurch das Aufkommen des Nationalismus zu begünstigen. Daher wurde diese Frage erst ab 1880 eingeführt. Seitdem entwickelte sich jede Volkszählung zu einem Kampfplatz zwischen den einzelnen Nationalitäten und alle noch so ausgeklügelten Schlichtungsversuche der Behörden blieben erfolglos.[8]

Im Habsburgerreich entschied man sich dagegen, die Sprache des öffentlichen Lebens als Frage bei Volkszählungen zu wählen, da die Möglichkeit bestand, dass diese durch die Regierung oder eine Partei der Bevölkerung aufgezwungen worden war. Insbesondere der österreichische Statistiker Adolf Ficker sprach sich dafür aus, den ständigen Wandel der Sprache und vor allem die sprachliche Assimilierung zu berücksichtigen, indem die Bürger nicht nach deren Muttersprache oder (im Wortsinne) nach deren Sprache befragt wurden, die sie als erste von ihren Müttern gelernt hatten, sondern nach deren „Familiensprache“, das heißt, nach der Sprache, deren sich das betreffende Individuum im Familienkreis gewöhnlich bedient. Volkszählungen zwangen in ihrer Frage nach der Sprache daher zum ersten Mal jedermann dazu, nicht nur eine Nationalität, sondern eine sprachliche Nationalität zu wählen.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Britta Jung/Herbert Günther: Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache: Eine Einführung. Beltz, Weinheim und Basel 2004, ISBN 978-3-407-25731-4.

Christina Kauschke: Kindlicher Spracherwerb im Deutschen: Verläufe, Forschungsmethoden, Erklärungsansätze. De Gruyter, Berlin/Boston 2012, ISBN 978-3-11-028388-4.

Suzanne Romaine: Bilingualism. 2. Auflage. Blackwell, Oxford 1995, ISBN 0-631-19539-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Muttersprache – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Suzanne Romaine: Bilingualism. 2. Auflage. Blackwell, Oxford 1995, ISBN 0-631-19539-4, S. 19, 22.
  2. Suzanne Romaine: Bilingualism. 2. Auflage. Blackwell, Oxford 1995, ISBN 0-631-19539-4, S. 19–20.
  3. Britta Jung/Herbert Günther: Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache: Eine Einführung. Beltz, Weinheim und Basel 2004, ISBN 978-3-407-25731-4, S. 56–57.
  4. Suzanne Romaine: Bilingualism. 2. Auflage. Blackwell, Oxford 1995, ISBN 0-631-19539-4, S. 22.
  5. Suzanne Romaine: Bilingualism. 2. Auflage. Blackwell, Oxford 1995, ISBN 0-631-19539-4, S. 19.
  6. Suzanne Romaine: Bilingualism. 2. Auflage. Blackwell, Oxford 1995, ISBN 0-631-19539-4, S. 19.
  7. Christina Kauschke: Kindlicher Spracherwerb im Deutschen: Verläufe, Forschungsmethoden, Erklärungsansätze. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-028388-4, S. 121.
  8. a b c Eric J. Hobsbawm (1990): Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. S. 116 ff.
  9. a b Emil Brix (1982): Die Umgangssprachen in Altösterreich zwischen Agitation und Assimilation. Die Sprachenstatistik in den zisleithanischen Volkszählungen 1880–1910.