Naturwaldreservat

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Als Naturwaldreservat (NWR) werden größere Wald­gebiete ausgewiesen, in denen die Entnahme von Holz und sonstige forstwirtschaftliche Nutzungen untersagt sind. Für die Reservate werden länderspezifisch unterschiedliche Bezeichnungen verwendet: Naturwaldreservat, Naturwald, Naturwaldzelle, Naturwaldparzelle, Bannwald, Totalreservat, Prozessschutzfläche.

Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Naturwaldreservat wird im Wesentlichen der natürlichen Entwicklung überlassen, so dass im Idealfall nach längerer Zeit wieder urwaldähnliche Strukturen entstehen. Ihre Ausweisung ist neben Naturschutz an sich in erster Linie von wissenschaftlichem Interesse. Es wird versucht, alle wichtigen Wald­typen in Reservaten repräsentiert zu haben.

In ihrer modernen Form gehen sie auf Initiative des Forstwissenschaftlers Hans Leibundgut (Schweiz) und dessen Schüler Hans Lamprecht (Deutschland) zurück.[1]

Betreut werden die Naturwaldreservate am European Forest Institute (EFI)[2] in Joensuu, Finnland und Barcelona, Spanien. Das Netzwerk hat 25 Mitgliedsstaaten, die die EFI-Konvention[3] unterzeichnet haben, und um die 130 Mitgliedsorganisationen in 36 Ländern. Das EFI betreut auch eine Naturwaldreservate-Datenbank.

Nationales[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland gibt es insgesamt 730 Naturwaldreservate mit einer Gesamtfläche von 35.123 Hektar (Stand: November 2016).[4] Damit sind nur 0,3 Prozent des Waldes in Deutschland, der insgesamt eine Fläche von rund 11,4 Millionen Hektar[5] umfasst, als Naturwaldreservat ausgewiesen.

Bundesland Bezeichnung der Naturwaldreservate Anzahl der Naturwaldreservate Gesamtfläche der Naturwaldreservate
Baden-Württemberg Bannwald 127 9.308 ha
Bayern Naturwaldreservat 160 7.316 ha
Brandenburg Naturwaldreservat 22 652 ha
Hamburg Schutzwald 4 37 ha
Hessen Totalreservat 31 1.226 ha
Mecklenburg-Vorpommern Naturwaldreservat 35 1.404 ha
Niedersachsen Naturwald 107 4.576 ha
Nordrhein-Westfalen Naturwaldzelle 75 1.669 ha
Rheinland-Pfalz Naturwaldreservat 54 2.048 ha
Saarland Naturwaldzelle 16 1.161 ha
Sachsen Naturwaldzelle 8 303 ha
Sachsen-Anhalt Naturwaldzelle 17 867 ha
Schleswig-Holstein Naturwaldzelle 16 516 ha
Thüringen Naturwaldparzelle 58 4.040 ha
Deutschland gesamt Naturwaldreservat 730 35.123 ha

In Baden-Württemberg wurden bisher 127 Bannwälder, wie die Naturwaldreservate hier genannt werden, mit einer Gesamtfläche von 9.308 Hektar ausgewiesen.[6]

In Bayern wurde bereits 1773 eine erste Verordnung zum Erhalt und der Pflege der Bäume und Waldschutzstreifen entlang der Straßen beschlossen, welche laufend ergänzt und verbessert wurde. Am 9. September 1855 erging eine Entschließung, die dem Forstpersonal zur Pflicht machte, jede Beschädigung oder Zerstörung von „Naturmerkwürdigkeiten“ zu verhindern. Am 8. Oktober 1884 wurden erstmals alle Naturmerkwürdigkeiten Bayerns inventarisiert, allerdings nicht veröffentlicht. 1978 wurden dann 135 Naturwaldreservate mit einer Gesamtfläche von 5.14 Hektar ausgewiesen. Im Landeswaldgesetz für Bayern ist vorgesehen, dass natürliche oder weitgehend natürliche Waldflächen als Naturwaldreservate eingerichtet werden können. Sie sollen die natürlichen Waldgesellschaften landesweit repräsentieren und der Erhaltung und Erforschung solcher Wälder sowie der Sicherung der biologischen Vielfalt dienen. Heute gibt es in Bayern 160 Naturwaldreservate mit einer Gesamtfläche von 7.316 Hektar. Sie liegen überwiegend im Staatswald, fünf Reservate befinden sich im Kommunalwald und eines im privaten Eigentum. Die durchschnittliche Größe der bayerischen Naturwaldreservate beträgt 45 Hektar.[7] Weitere nutzungsfreien Waldflächen befinden sich in den beiden bayerischen Nationalparken Bayerischer Wald und Berchtesgaden. Die Koordination der Naturwaldreservatsforschung in Bayern liegt bei der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft.

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ld. Anz. Fl.
Bgld. 014 0203,95
Ktn. 047 1924,5
057 1652,8
018 0255,42
Sbg. 007 0259,87
Stmk. 017 1179,3
Tir. 024 2806,2
Vbg. 009 0237,43
Wien 007 0083,763
Fl. in ha
Quelle/Stand: BMLFUW/BFW, 2010
[8]

In Österreich gibt es um die 200 Naturwaldreservate (NWR) mit einer Gesamtfläche von 8.603 Hektar. Das Naturwaldreservate-Programm wird vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft finanziert und vom Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft wissenschaftlich betreut. Das NWR-Programm, das in frühen 1980er-Jahren um die 20 Reservate umfasste,[9] wurde mit Unterzeichnung der Resolutionen der Forstministerkonferenz 1993 in Helsinki (MCPFE 1993, Helsinki-Prozess) auf Bundesebene intensiviert.[10]

Es ist als Vertragsnaturschutz-Modell konzipiert und beruht auf langfristigen (meist 20-jährigen) zivilrechtlichen Verträgen des Bundes mit den Eigentümern. Der Waldeigentümer nimmt freiwillig am NWR-Programm teil; es bleiben Grund und Boden sowie der Waldbestand in seinem Eigentum. Der Waldeigentümer unterlässt Nutzungen, dafür erhält er ein Entgelt. Dieses setzt sich zusammen aus einem fixen Sockelbetrag für den Verwaltungsaufwand und dem Wirtschaftswert des Bestandes. Bei Eingriff in den Wald seitens des Besitzers wird der Vertrag gekündigt, und alle Ausgleichszahlungen müssen zurückgezahlt werden.[11] 68 der Naturwaldreservate, also etwa 13, stellen die Österreichischen Bundesforste.[12]

Das wichtigste Kriterium für die Auswahl von Flächen ist die Repräsentativität in Abhängigkeit vom Areal der potenziellen natürlichen Waldgesellschaften in den einzelnen Wuchsgebieten.[13] In Österreich kommen 118 EU-Waldgesellschaften in den 22 Wuchsgebieten vor. Ziel ist, alle diese Waldgesellschaften abzudecken, und eine Schutzfläche von 10.000 ha zu erreichen,[14] mit 0,25 % der 4 Mio. ha Wald insgesamt im Vergleich etwa mit der Schweiz relativ wenig.

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz gibt es 415 Naturwaldreservate, inklusive des Schweizerischen Nationalparks, mit einer Gesamtfläche von 32.340 Hektar, das entspricht 2,7 Prozent der Schweizer Waldfläche (Stand: 12/2012). Der Schwerpunkt liegt in den Alpen. Das Ziel liegt bei 5 Prozent der Waldfläche und soll im Jahr 2030Vorlage:Zukunft/In 5 Jahren erreicht sein. Erste Waldreservate wurden in der Schweiz ab Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt: Scatlè (1910), Schweizerischer Nationalpark (1914), Aletschwald (1933).

Die Forschung in den Naturwaldreservaten wird von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und der ETH Zürich gemeinsam durchgeführt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland:

  • Wald in Hessen. Hrsg. Hessisches Ministerium für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz, 2003, S. 48–49.
  • Herbert Hesmer: Naturwaldzellen. Der Deutsche Forstwirt 16 (1934) 133-135 und 141-143.
  • Peter Meyer, Anne Wevell von Krüger, Roland Steffens, Wilhelm Unkrig: Naturwälder in Niedersachsen. Schutz und Forschung. Band 1 - Niedersächsisches Tiefland. Göttingen/Braunschweig 2006, ISBN 978-3-00-019045-2.
  • Peter Meyer, Katja Lorenz, Andreas Mölder, Roland Steffens, Wolfgang Schmidt, Thomas Kompa, Anne Wevell von Krüger: Naturwälder in Niedersachsen. Schutz und Forschung. Band 2 - Niedersächsisches Bergland. Göttingen/Braunschweig 2015, ISBN 978-3-00-050091-6.
  • B. Althoff, R. Hocke, J. Willig: Naturwaldreservate in Hessen – Ein Überblick. (Mitteilungen der Hessischen Landesforstverwaltung, 24). Wiesbaden 1991, ISBN 3-89051-111-2. (pdf, nw-fva.de).
  • Rudolf Rösler, Anton Schmidt: Naturwaldreservate im Bezirk der Forstdirektion Niederbayern-Oberpfalz. In: Hoppea. Denkschriften der Regensburgischen Botanischen Gesellschaft. Bd. 61, Regensburg 2000.

Österreich:[15]

  • Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (Hrsg.): Naturwaldreservate in Österreich. Schätze der Natur. Broschüre, Wien o.D. (pdf, Weblink, beide lebensministerium.at).
  • G. Frank: Naturwaldreservate: international beachtete Einrichtung. In: Österreichische Forstzeitung. 114 (3), 2003, S. 18–19.
  • R. Türk: Naturwaldreservate - Notwendigkeit oder Luxus? In: Natur und Land. 97. Jg., Heft 3-2011.
  • Matthias Schickhofer: Urwald in Österreich. Die letzten wilden Waldparadiese. Brandstätter Verlag, 2013, ISBN 978-3-85033-697-0 (Besprechung, wien-vienna.at).

Schweiz:

  • Peter Brang (Red.), Caroline Heiri, Harald Bugmann: Waldreservate. 50 Jahre natürliche Waldentwicklung in der Schweiz. Haupt, Bern 2011, ISBN 978-3-258-07725-3.
  • Markus Bolliger, Nicole Imesch, Reinhard Schnidrig: Waldreservatspolitik der Schweiz: Zwischenbilanz und Perspektiven aus Sicht des Bundes (Essay). In: Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen. Bd. 163, 2012, S. 199–209.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Naturwaldzelle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Deutschland:

Österreich:

Schweiz:

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ernst Röhrig: Professor Dr. Hans Lamprecht im Ruhestand. In: Der Forst- und Holzwirt. 40. Jahrgang, Nr. 1, 1985, S. 19.
  2. About Us. In: efi.int. European Forest Institut, abgerufen am 29. März 2014.
  3. Convention on the European Forest Institute. Joensuu, 28. August 2003 (online, efi.int)
  4. Datenbank Naturwaldreservate in Deutschland. Abgerufen am 13. Dezember 2016.
  5. Dritte Bundeswaldinventur (2012). Abgerufen am 21. Dezember 2015.
  6. Naturwaldreservate des Bundeslandes Baden-Württemberg - [BW - Kennziffer: 08.] Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, abgerufen am 26. August 2015.
  7. Biologische Vielfalt im Wald. Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, abgerufen am 29. März 2014.
  8. Lit. Bundesministerium f.LFUW: Naturwaldreservate in Österreich. Grafik Naturwaldreservate je Bundesland – Mai 2010, S. 16.
    Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft – Institut für Waldwachstum und Waldbau: Das österreichische Naturwaldreservate-Programm – Ergebnisse, bfw.ac.at, Stand: 22. Mai 2003 (auch: Ergebnisse)
  9. Kurt Zukrigl: Naturwaldreservate in Österreich. In: ÖKOL 5/2 (1983), Tabelle 1 Naturwaldreservate in Österreich, S. 23 (ganzer Artikel S. 20–27, pdf, landesmuseum.at)
  10. Naturwaldreservate: Chance für Waldbesitzer, in Der fortschrittliche Landwirt, landwirt.com
  11. Die letzten Urwälder von Österreich. In: derStandard.at, 4. Juni 2011, Abschnitt Entschädigungen.
  12. Peter Weinfurter; Österreichische Bundesforste AG (Hrsg.): Chronik 1925-2005. 80 Jahre Bundesforste. Geschichte der Österreichischen Bundesforste. Purkersdorf 2005, Kapitel 7.6.7 Naturwaldreservate, S. 111 (pdf, bundesforste.at).
  13. Naturwaldreservate-Programm in Österreich, Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (bfw.ac.at)
  14. Lit. Bundesministerium f.LFUW: Naturwaldreservate in Österreich. 9. Ausblick. Über die Zukunft der Naturwaldreservate, S. 21.
  15. Übersicht: Ausgewählte Literatur über Naturwaldreservate, Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft.