Nibelungenwerk

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Das Nibelungenwerk (auch: Nibelungenwerke oder Ni-Werk) im niederösterreichischen St. Valentin war das größte und modernste Panzer-Montagewerk des Deutschen Reiches. In dem Werk, das damals dem Rüstungskonzern Steyr-Daimler-Puch gehörte, wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs über die Hälfte aller Panzerkampfwagen IV hergestellt. Darüber hinaus war es das einzige Werk in der deutschen Kampfpanzerproduktion, das über eine gut strukturierte Fließbandfertigung verfügte.

Geschichte[Bearbeiten]

Plan von 1943 des ausgebauten Werkes (schraffiert: noch bestehende Gebäude, Punkte: Brandwache-Bunker)

Im Rahmen des Vierjahresplanes entstand nach dem Anschluss Österreichs im Raum Linz ein Rüstungszentrum, das unter anderem aus dem für die Fertigung von Panzerplatten zuständigen Eisenwerk Oberdonau und aus dem für die Endmontage von Panzern zuständigen Nibelungenwerk bestand. Letzteres ging auf Pläne aus dem Jahre 1939 zurück, ein Rüstungswerk im Herzograder Wald in der Nähe der an einem Eisenbahnknotenpunkt liegenden niederösterreichischen Gemeinde Sankt Valentin für 65 Millionen Reichsmark zu bauen.[1] Als Auftraggeber fungierten die Reichswerke Hermann Göring. Der Raumbedarf und die technische Innenausstattung waren von vornherein äußerst großzügig dimensioniert. Die offizielle Eröffnung erfolgte im Jahre 1942. Im Endausbau sollte die monatliche Fertigungskapazität 320 Panzer umfassen, was jedoch zu keinem Zeitpunkt erreicht wurde.[2]

Obwohl beim Großteil der panzerfertigenden Industrie ein Baustopp für Neubauprojekte galt, hat es Beeinträchtigungen beim Nibelungenwerk nicht gegeben. Dies war der Tatsache geschuldet, dass Österreich – neben der Gegebenheit, dass es das Heimatland von Adolf Hitler war − als relativ luftsicher galt und Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan den Ausbau begünstigte.[3]

Ausbaustufen[Bearbeiten]

Das Werk bestand aus insgesamt vier Ausbaustufen und wurde im Laufe der Zeit dementsprechend erweitert. In der ersten Ausbaustufe übernahm das Werk bereits im September 1940 erste Reparaturarbeiten am Panzer III. Die zweite Stufe beinhaltete Lieferaufträge für eine Teileproduktion, in deren Rahmen unter anderem 5400 Laufrollen für das Grusonwerk in Magdeburg-Buckau hergestellt wurden. Mit der Ende 1941 fertiggestellten dritten Ausbaustufe begann neben dem Zusammenbau des Porsche-Tigers die Serienproduktion des Panzers IV ab 1942. Mit der letzten Ausbaustufe im Jahre 1943 wurde die Fertigungskapazität erhöht.

Das Werk bestand aus insgesamt neun Hallen. Sieben Stahlbetonhallen waren 120 m lang und 60 m breit; die beiden anderen Hallen waren Stahlrohrkonstruktionen und maßen 120 ×120 Meter. Um die Produktion auch nach Bombenangriffen aufrechterhalten zu können, wurde die Fabrik durch ein unterirdisches Ringsystem mit Strom, Pressluft, Heizung und Wasser versorgt. Das Werk wurde von zwei Eisenbahngleisen umlaufen; jede Halle besaß einen eigenen Gleisanschluss.[3]

Belegschaft[Bearbeiten]

Bunker des ehemaligen KZ-Nebenlagers

Im Spätherbst 1941 belief sich der Beschäftigtenstand auf 4800 Personen.[1] Die Belegschaft bestand zahlenmäßig hauptsächlich aus Österreichern, gefolgt von Deutschen. Im Verlaufe des Krieges wurden die an die Front berufenen Arbeiter durch ausländische Kriegsgefangene ersetzt. In der zahlenmäßigen Reihenfolge handelte es sich dabei um Franzosen, Italiener, Griechen, Jugoslawen, Russen und zum Schluss 600 KZ-Häftlinge. Die Zahl der Arbeiter belief sich Ende 1944 auf etwa 8500 Personen. Aufgrund des immer größer werdenden Fachkräftemangels und des zeitlich langwierigen Anlernens und Einweisens der ausländischen Arbeiter wurden den immer wichtiger werdenden Fremdarbeitern relativ weitreichende Zugeständnisse gemacht. So wurde neben der Duldung eines Bordells in der Lagersiedlung vor allem den französischen Facharbeitern Urlaub gestattet, was nach der erfolgreichen alliierten Invasion in der Normandie die Folge hatte, dass viele Franzosen in ihrer Heimat blieben und nicht mehr zurückkehrten. Im August 1944 wurde auf dem Gelände ein Außenlager des KZ Mauthausen errichtet, in dem 1500 Häftlinge untergebracht und zur Zwangsarbeit herangezogen wurden.[4]

Produktion[Bearbeiten]

Von rund 8500 PzKpfw IV wurden im Nibelungenwerk knapp 4800 Stück hergestellt

Nach Fertigstellung der vier Ausbaustufen war das Werk die größte Panzerfabrik der Achsenmächte. Von den 8500 Panzer IV wurden im Nibelungenwerk 4786 Stück hergestellt, dazu kamen noch – für Selbstfahrlafetten verwendete − 576 Fahrgestelle.[5] Das Nibelungenwerk war das einzige Werk der deutschen Panzerkampfwagenproduktion, das über eine gut strukturierte Fließbandfertigung mit Haupt- und Nebentaktstraßen verfügte.[6] Erstmals wurde von der bisherigen „Gruppenfertigung“ Abstand genommen. Die Taktstraße bestand aus einfachen Ladewagen, die mit Stangen gekoppelt und mit einem Seilzug vorwärts bewegt wurden. Die Taktzeit belief sich von vier Minuten bei der Laufradaufhängung bis zu mehreren Stunden bei der Endmontage. Lediglich ein Drittel der erforderlichen Einzelteile wurde im Werk selber hergestellt. Diese moderne Taktstraßenfertigung war dementsprechend von einem ungestörten Lieferungszufluss und von einer ungehinderten Transportlogistik abhängig, wodurch es vor allem im Jahre 1944 aufgrund der alliierten Luftangriffe des Öfteren zu Lieferverzögerungen kam.

Neben der Panzer-IV-Produktion erfolgte im Nibelungenwerk auch der Umbau der Porsche-Tiger zum Jagdpanzer Elefant. Am 17. Oktober 1944 nahm das Werk bei einem schweren Fliegerangriff erheblichen Schaden, infolgedessen fast die gesamte Produktion ausgelagert werden musste. Trotzdem konnten von 3125 Panzer IV im Jahre 1944 insgesamt 2845 Exemplare im Nibelungenwerk hergestellt werden.[5] Zum Ende des Jahres 1944 wurde mit der Produktion des Jagdtiger begonnen. Die Umstellung der Fertigung vollzog sich problemlos, da die Kräne und sonstige technische Einrichtungen stark überdimensioniert waren. In den letzten Tagen des Krieges wurden noch jeweils 65 Panther und Tiger instand gesetzt. Am 8. Mai 1945 besetzten Truppen von Generalmajor Stanley Eric Reinharts 259. Infanterie-Regiment die Stadt. Sie bewachten auch französische und sowjetische Kriegsgefangene sowie tschechische Zwangsarbeiter des „Nibelungenwerks“. Nachdem die Rote Armee das Werk am 9. Mai 1945 besetzt hatte, lief die Produktion in geringem Ausmaß weiter, damit einige Panzer IV für die Siegesparade in Moskau zur Verfügung gestellt werden konnten.[7]

Das Werk nach dem Krieg bis heute[Bearbeiten]

Der ehemalige Zulieferbetrieb „Eisenwerke Oberdonau“ ist heute die bedeutendste Stahlfabrik Österreichs und gehört zu Voestalpine.

Nach dem Staatsvertrag im Jahr 1955 übernahm die Republik Österreich das Werk. Im Jahr 1957 wurde das Werk in die ehemalige Steyr-Daimler-Puch eingegliedert. Zu Beginn wurden Motoren erzeugt. Im Jahr 1974 wurde die gesamte Traktormontage des Konzerns von Steyr auf dieses Gelände transferiert.[8]

Heute gehört das ehemalige Nibelungenwerk sowie das dazugehörende Gelände dem kanadischen Autozulieferkonzern MAGNA. Der Landmaschinenhersteller CNH Global ist auf dem Areal eingemietet. CNH hat seinen Europasitz in St. Valentin[9] und verwendet drei Hallen zur Produktion von Traktorkabinen und für die Endmontage der mittleren Klassen. Das Eingangsgebäude und die Kantine werden nach wie vor verwendet. Die östlich gelegene Halle wird von MAGNA für die Kfz-Komponentenfertigung in Klein- und Kleinstserie verwendet. Auch das Erprobungsgelände gehört MAGNA International.

Literatur[Bearbeiten]

  • Josef Reisinger: Codename: Spielwarenfabrik. Die Nibelungenwerke in St. Valentin und die deutsche Panzerfertigung. Edition Mauthausen, Wien 2010, ISBN 978-3-902605-15-3.
  • Michael Winninger: Das Nibelungenwerk. Die Panzerfabrik in St. Valentin. Verlag Müller History Facts, Andelfingen 2011, ISBN 978-3-905944-04-4.
  • Michael Winninger: Das Nibelungenwerk 1939 bis 1945 – Panzerfahrzeuge aus St. Valentin. Sutton Verlag, Erfurt 2009, ISBN 978-3866804906
  • Hartmut Knittel: Panzerfertigung im Zweiten Weltkrieg. Industrieproduktion für die deutsche Wehrmacht. Mittler Verlag, Herford 1988, ISBN 3-8132-0291-7.
  • Karl-Heinz Rauscher: Steyr im Nationalsozialismus – Industrielle Strukturen. Weishaupt-Verlag, Gnas 2003, ISBN 978-3-7059-0178-0, Seite 180.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b 65 Mio. RM: Walter Spielberger: Der Panzerkampfwagen IV und seine Abarten. Motorbuch Verlag 1975, ISBN 3-87943-402-6, S. 47.
  2. Das Nibelungenwerk und seine Ausbaustufen. → Knittel: Panzerfertigung im Zweiten Weltkrieg. S. 95–97.
  3. a b Das Nibelungenwerk und seine Ausbaustufen. → Knittel: Panzerfertigung im Zweiten Weltkrieg. S. 96.
  4. Das Nibelungenwerk und seine Ausbaustufen. → Knittel: Panzerfertigung im Zweiten Weltkrieg. S. 96−98.
  5. a b Walter Spielberger: Der Panzerkampfwagen IV und seine Abarten. Motorbuch Verlag 1975, ISBN 3-87943-402-6, S. 86.
  6. Knittel: Panzerfertigung im Zweiten Weltkrieg. S. 130.
  7. Das Nibelungenwerk und seine Ausbaustufen. → Knittel: Panzerfertigung im Zweiten Weltkrieg. S. 99.
  8. Die Entwicklung des Unternehmens abgerufen am 17. Oktober 2010
  9. St. Valentin präsentiert sich stärker denn je abgerufen am 17. Oktober 2010

48.15802777777814.495138888889Koordinaten: 48° 9′ 29″ N, 14° 29′ 43″ O