OAIS

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

OAIS (Open Archival Information System bzw. Offenes Archiv-Informations-System) ist ein Referenzmodell für ein dynamisches, erweiterungsfähiges Archivinformationssystem und als ISO-Standard 14721:2012 im August 2012 veröffentlicht. Version 2 erweitert den ursprünglichen ISO Standard aus dem Jahr 2003. Das OAIS Referenzmodell gilt als der wichtigste Standard für die elektronische Archivierung.

Der Grund für die Entwicklung dieses Modells bestand in der Einsicht, dass digital archivierte Dokumente nach längerer Zeit aus vielfältigen Gründen nicht mehr lesbar sein könnten.

Probleme, die bei der Langzeitarchivierung zu beachten sind, entstehen u. a. durch

  • Schutzrechte
  • nicht mehr verfügbare Geräte und Anwendungen, um archivierte Medien lesen und interpretieren zu können
  • firmenspezifische oder generell veraltete, unzureichend dokumentierte Formate
  • Verlust des Layouts, wenn Inhalt vom Layout getrennt gespeichert wurde.

Die Entwicklung des Standards wurde von der NASA initiiert und gemeinsam mit der Raumfahrtorganisation ESA und Weltraumforschungszentren in Großbritannien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Brasilien, Japan und Russland vorangetrieben. Im Mai 1999 legte das Beratungskomitee für Weltraumdatensysteme (CCSDS) den ersten Entwurf "Referenzmodell für ein offenes Archiv-Informationssystem (OAIS)" vor, der 2003 in den ISO Standard 14721 überführt wurde. 2009 folgte dann eine überarbeitete Version, das CCSDS "pink book". Diese Version 2 von OAIS wurde im Juni 2012 von der CCSDS als "magenta book" veröffentlicht (kostenfreier Download) und bereits im August 2012 von der ISO als ISO 14721:2012 übernommen.

"Offen" bedeutet, dass die Entwicklung des OAIS sich in offenen Foren abspielt, und bezieht sich nicht auf den uneingeschränkten Zugang zu einem Archiv.

Das Referenzmodell beschreibt ein Archiv als Organisation, in dem Menschen und Systeme zusammenwirken, um einer definierten Nutzerschaft Archivgut verfügbar zu machen. Die Implementierung eines OAIS-konformen Archivs ist dabei jedoch nicht festgelegt.

OAIS geht aus Datensicht von sog. Informationspaketen aus, die neben dem eigentlich zu bewahrenden Inhalt noch beschreibende Information (z.B. zum Datenformat) beinhalten. Die vom Produzenten zur Archivierung eingelieferten Pakete (SIP - submission information package) werden bei der Übernahme zu Archiv-Informationspaketen (AIP - archival information package) umgewandelt. Diese beinhalten u.a. auch Informationen zur Historie der bisherigen Bearbeitungen bzw. Migrationen im Archiv sowie Attribute, die Integrität und Authentizität gewährleisten können. Auch Recherche und Zugriff durch die Endnutzer erfolgen über spezielle Informationspakete (DIP - dissemination information package), die entsprechend der Anfrage und den Zugriffsrechten unterschiedlich ausgeprägt sein können.

Funktionell definiert OAIS sechs Aufgabenbereiche, die nachfolgend kurz beschrieben werden.

a)    Datenübernahme (Ingest)

Neben der physischen Übernahme der Daten (SIPs) sind weitere Schritte erforderlich. Die Daten müssen auf Archivtauglichkeit, Vollständigkeit und Unversehrtheit geprüft werden. Es müssen sowohl die inhaltlich als auch die technisch beschreibenden Informationen extrahiert werden. Aus all diesen Informationen werden AIPs generiert und im Archiv gespeichert (→ Datenaufbewahrung). Zugleich wird die → Datenverwaltung über den Neuzugang informiert.

b)    Archivspeicher (Storage)

Der Archivspeicher sorgt dafür, dass die AIPs physisch erhalten bleiben. Dazu dienen vielfältige Maßnahmen der IT-Sicherheit, wie redundante Speicherung, Backup und Restore sowie regelmäßige Prüfungen der Datenintegrität. Auf Anfrage werden die AIPs ausgelesen und an den → Zugriff weitergegeben.

c)    Datenverwaltung (Management)

Die Datenverwaltung ist für die inhaltlich und technisch beschreibenden Informationen der AIPs zuständig. Über sie können Archivbestände identifiziert werden, sie nimmt Rechercheanfragen entgegen, bearbeitet diese und organisiert den → Zugriff. Die technischen Informationen sind für die → Erhaltungsplanung interessant und wichtig.

d)    Zugriff (Access)

Der Bereich Zugriff (Nutzung) unterstützt Endnutzer des Archivs bei der Recherche nach den gewünschten Informationen. Hier werden Anfragen entgegengenommen, verarbeitet und die Ergebnisse in DIPs umgewandelt und dem Endnutzer entsprechend seiner Berechtigungen zur Verfügung gestellt. Die DIPs können dabei, anders als in klassischen Archiven, in verschiedenen Ausprägungen generiert werden (z.B. als Bildschirm-Vorschau und als hochaufgelöste Druckversion).

e)    Erhaltungsplanung (Preservation Planning)

Die Erhaltungsplanung bezieht sich einerseits auf den technologischen Fortschritt im Bereich der digitalen Archivierung und damit auf das Archivsystem selbst. Andererseits dient die Erhaltungsplanung der Entwicklung und Umsetzung konkreter Erhaltungsmethoden. So muss z.B. die Erneuerung veralteter AIP-Datenformate organisiert werden, wobei Fragen der Format-Konvertierung sowie des Erhalts von Integrität und ggf. Rechtsverbindlichkeit bedeutsam sind. Damit kommt diesem Bereich konzeptionell eine zentrale Bedeutung zu.

OAIS ist stark auf die Migrationsmethode zugeschnitten, bleibt jedoch auch für andere Ansätze (z.B. Emulation) offen.

f)    Systemverwaltung (Administration)

Die Systemverwaltung betrifft das Archiv als Gesamtsystem. Es werden Konfigurationseinstellungen verwaltet, die Beziehungen der Komponenten untereinander organisiert und Zugriffsrechte überwacht.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]