Ohnmacht (Psychologie)
Ohnmacht oder Machtlosigkeit (aus: mittelhochdeutsch āmaht (13. Jh.) und mittelniederdeutsch āmacht‘ mit der Bedeutung: Mangel an Kraft[1]) ist das Erfahren von Hilflosigkeit und mangelnden Einflussmöglichkeiten bis hin zum Kontrollverlust im Verhältnis zu etwa den eigenen Wünschen, subjektiv angenommenen und objektiven Notwendigkeiten.[2] Ohnmachtsgefühle können mit Angst, Wut und Frustration einhergehen.[3]
Es tritt sowohl als individuelles als auch als gesellschaftliches Gruppenphänomen auf.[4]
Klinische Psychologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In traumatischen Situationen (z. B. Unfälle, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen) können Menschen die Gefühle von Angst und Hilflosigkeit bzw. Ohnmacht erleben. Die Folge dieser Erlebnisse können posttraumatische Belastungsstörungen, andere psychische Störungen, Entwicklungsstörungen, psychosomatische Störungen bzw. körperliche Erkrankungen sein, welche mit verschiedenen therapeutischen Maßnahmen behandelt werden können (vgl. Psychotherapie, Traumatherapie).[5]
Die Folgen von Ohnmachtsgefühlen bzw. traumatischen Erlebnissen, die als Verlust von Kontrolle und Stress erlebt werden, können außerdem das (übersteigerte) Bedürfnis nach Kontrolle (vgl. auch Zwangsstörung) oder Macht und die Entwicklung von Allmachtsphantasien sein. Dies ist die Grundlage für einen Opfer-Täter- bzw. Gewaltkreislauf: Opfer, die die Gefühle von Angst, Machtlosigkeit und Ohnmacht erleben, können dazu neigen, sich Macht zu wünschen und Täter zu werden (vgl. Amoklauf).[3]
Allgemeine Psychologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ohne real erlebte Bedrohungen können Gefühle der Ohnmacht auch durch die Fokussierung auf gewisse Themen erlebt werden. Wenn man beispielsweise nach eigenem Medienkonsum beginnt, die Gedanken um Themen wie Klimawandel oder politischen Extremismus kreisen zu lassen, können Angst- und Ohnmachtsgefühle auftreten. Das Gefühl ist ein subjektives Erleben und kann – je nach Person – von der von Eltern verweigerten Süßigkeit bei Kindern bis zu den nicht erhaltenen Jobs nach Bewerbungen erlebt werden.[3]
Das Gefühl der Ohnmacht kann zahlreiche Begleitgefühle bis hin zu Krankheiten auslösen: Angst, Aggression, Trauer, Depressivität, Burnout, Stress und die Beeinträchtigung der körperlichen Gesundheit.[3]
Ohnmacht als Gesellschaftsproblem der Neuzeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bis ins 19. Jahrhundert hatte Ohnmacht nur die Bedeutung des vorübergehender Verlusts des Bewusstseins. Die erweiterte Bedeutung des gefühlten oder realen Kontrollverlusts bzw. der Machtlosigkeit kam erst danach auf.[3]
Seit den 2000ern nimmt laut dem Soziologen Richard Sennett und dem Psychologen und Psychotherapeuten Konrad Grossmann das Ohnmachtserleben zu. Da in aufgeklärten Gesellschaften weniger an lenkende Gottheiten und mehr an die Eigenverantwortung beim Erreichen von Zielen geglaubt wird, erlebt man eigenes (gefühltes) Scheitern als bedrohlicher, auch wenn Faktoren wie Gene, die Umwelt oder der Zufall eine Rolle spielen. So stellt sich beim Nichterreichen von Zielen Enttäuschung und häufig Ohnmacht ein.[3]
Auswirkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Schon in den 1930ern wurde über die Thematik gearbeitet. So stellt Erich Fromm fest, dass der Mensch seine Ohnmachtsgefühle nicht dauerhaft ausblenden kann und dass er dies durch Idealisierung des Ichs und Abwertung anderer in einer Art narzisstischen Dynamik zu kompensieren versucht. Wenn diese Person (auch nur vorgestellter) Teil einer Gruppe Gleichgesinnter werden kann, verstärken sich diese Impulse.[6]
Die Person übt laut Fromm real oder nur in Gedanken Macht gegen Schwächere aus anderen Gruppen aus, auch in der Familie oder gegen Tiere oder versucht, Machtpositionen zu erlangen, um wiederum seine Vorstellungen durchzusetzen. So fühlt sich die vorher ohnmächtige Person wieder wertvoller. Da der Machtausübende eine symbiotische Beziehung der Macht oder Gewalt zu der erlebenden Person oder Personengruppe (auch nur vorgestellt möglich) eingeht, kann das Handlungsmuster lange aufrecht gehalten werden,[6] besonders, da die Person oder Gruppe in der erduldenden oder erleidenden Opferrolle sich als moralisch hochwertig ansehen kann und einen stabilen und den Selbstwert steigernden Platz innerhalb der Opfergruppe erhalten kann.[7]
Auch in den 2000ern wird die Gefahr von Gewaltausübung gesehen, da das Gefühl der Ohnmacht laut dem Soziologen Sutterlüty dauerhaft nicht auszuhalten ist. Gelegentlich werden auch frühere Opfer zu Tätern der Gewalt. Letztere kann zunächst nur sporadisch, dann auch systematisch ausgeübt werden.[3]
Weitere, Mitte der 2020er gefundene Reaktionen auf Ohnmacht, sind laut dem Soziologen Quent vereinfachte Welterklärungsmodelle im Sinne des Populismus oder der Radikalisierung. Verunsicherte Personen werden selbst aktiv oder wählen Personen zu Anführern des Landes, die ihnen die Verbesserung ihrer Lebenssituation und das damit einhergehende Ende der Gefühle des Nicht-Handeln-Könnens und der gefühlten Wertlosigkeit versprechen.[8]
Als gegensätzliches Phänomen wird in den 1970ern von dem Psychologen Seligman Depressivität genannt. Sie führt zu Passivität und wird mit dem Begriff der erlernten Hilflosigkeit gekennzeichnet.[3]
Lösungsansätze
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Grossmann plädiert für einen realistischeren Umgang mit den individuell erreichbaren Möglichkeiten, da nicht jede Person alles erreichen kann. Sennett setzt auf Selbstwirksamkeitserleben im beeinflussbaren Rahmen, wie auf die Gestaltung des Arbeitsplatzes.[3]
Schon in den 1990ern bestätigten Forschungsarbeiten des Psychologen Bandura, dass der Fokus auf das, was man selbst regulieren kann, einen aus depressiven Verstimmungen befreien kann.[3]
Im Bedarfsfall können kognitives Verhaltenstraining, (Beratungs-)Gespräche, Trainings für Fertigkeiten oder zur Entspannung, soziale Unterstützung nützen.[3]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Marie-Luise Althoff: Macht und Ohnmacht mentalisieren: Konstruktive und destruktive Machtausübung in der Psychotherapie (Psychotherapie: Praxis). Springer Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-662-50328-7.
- Matthias Quent: Keine Macht der Ohnmacht: Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren – Strategien gegen Resignation und Rechtsruck. Piper Verlag, München 2026, ISBN 978-3-492-07470-4.
- Bernd Rieken: Macht und Ohnmacht aus individualpsychologischer Sicht. Psychodynamische und gesellschaftliche Zugänge. In: Manfred Gehringer (Hrsg.): Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur. Band 37. Waxmann Verlag, Münster 2022, ISBN 978-3-8309-4593-2.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Ohnmacht – Schreibung, Definition, Bedeutung, Etymologie, Synonyme, Beispiele. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, 1974, abgerufen am 26. Juni 2026.
- ↑ Ohnmacht. In: Spektrum der Wissenschaft. Spektrum Akademischer Verlag, 2020, abgerufen am 26. Juni 2026.
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Esther Kühn: Ohnmacht – Über das Gefühl, das Leben nicht im Griff zu haben. In: In-Mind.org. Stichting In-Mind Foundation, 27. März 2018, abgerufen am 26. Juni 2026.
- ↑ Bernd Rieken: Macht und Ohnmacht aus individualpsychologischer Sicht. Psychodynamische und gesellschaftliche Zugänge. Hrsg.: Manfred Gehringer (= Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur. Band 37). Waxmann, Münster, New York 2022, ISBN 978-3-8309-4593-2.
- ↑ Archivierte Kopie ( vom 13. Dezember 2009 im Internet Archive)
- 1 2 Rainer Funk: Workshop zu Autoritarismus und Antifeminismus – Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft e.V. In: Workshop zu Autoritarismus und Antifeminismus. Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft e.V., 10. Mai 2025, abgerufen am 26. Juni 2026.
- ↑ Marie-Luise Althoff: Macht und Ohnmacht mentalisieren: konstruktive und destruktive Machtausübung in der Psychotherapie (= Psychotherapie: Praxis). Springer, Berlin Heidelberg 2017, ISBN 978-3-662-50328-7.
- ↑ Matthias Quent: Keine Macht der Ohnmacht: wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren. Piper, München 2026, ISBN 978-3-492-07470-4.