Olivier Roy

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Dieser Artikel behandelt den französischen Politikwissenschaftler; für den kanadischen Eishockeytorwart siehe Olivier Roy (Eishockeytorwart).

Olivier Roy (* 30. August 1949 in La Rochelle) ist ein französischer Politikwissenschaftler, Berater, Diplomat und UNO-Gesandter, der sich besonders mit dem politischen Islam und Islamismus beschäftigt hat und Zentralasien gut kennt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Olivier Roy entstammt einer protestantischen Familie und studierte Philosophie, persische Sprache und Kultur sowie Politikwissenschaft in Paris, u.a. am Institut national des langues et civilisations orientales (INALCO). Seit 1984 ist er als Berater des französischen Außenministeriums tätig. 1988 war er ein Berater des Wiederaufbauprogramms UNOC(H)A der Vereinten Nationen in Afghanistan. 1993 war er der Repräsentant der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Tadschikistan und leitete 1994 die dortige OSZE-Mission.

Roy ist Forschungsdirektor am Nationalen Forschungszentrum (CNRS) in Paris. Er lehrt zudem an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS), am Institut d’études politiques (IEP, Sciences Po) in Paris und ist Professor am Robert Schuman Zentrum des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz.

Roy hat zahlreiche Bücher zum Islam und über Zentralasien, speziell Afghanistan, veröffentlicht. Eine seiner frühen Hauptthesen lautet, dass das Projekt des Islamismus als politische Ideologie gescheitert sei. Stattdessen gewinne in den islamischen Ländern der von Ibn Taimīya und Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb beeinflusste Neofundamentalismus immer mehr Raum, der allein danach strebe, eine puritanische Version des Islam durch Missionierung zu verbreiten. Neofundamentalismus ist hierbei ein Begriff, den Roy selbst neu geprägt hat, und zwar in seinem 1992 veröffentlichten Buch L’Échec de l’Islam politique. Dabei werde - ähnlich wie in anderen Religionen - die islamische Glaubensausübung idealistischer, individualistischer und von der vorherrschenden Kultur abgespalten. So wird der Islam auch für westliche Konvertiten attraktiver, fassbarer, lebbarer und kann von der IS leichter instrumentalisiert werden.[1][2]

Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Roy vertritt die These, dass diese Anschläge mit dem Islam gar nichts zu tun hätten, sie seien vielmehr als Jugendrevolte zu verstehen. Nicht ein radikaler Islamismus sei am Werk, sondern «islamisierte Radikalität». Die Terroristen seien junge Leute, ausnahmslos Angehörige der zweiten Einwanderergeneration oder aber Konvertiten einheimischer Herkunft, und sie suchten den gewaltsamen Bruch mit ihrer Gesellschaft, mit der westlichen Kultur und mit der Herkunfts-Kultur ihrer Eltern zugleich. In erster Linie motiviere Selbsthass diese Terroristen. Auffallend viele hätten eine Laufbahn als Kleinkriminelle hinter sich. Solchen gescheiterten Existenzen biete der Jihad die Illusion der Selbstläuterung, ein neues Selbstwertgefühl. Plötzlich erhalte ihr Leben (und ggf. Sterben) für sie einen höheren Sinn. Nur zufällig ziehen sie dabei, so Roys These, zur Rechtfertigung den Islam herbei. Der Islam biete sich gerade an; es könnte jedoch auch irgendeine andere Ideologie sein. Eine wirkliche religiöse Motivation kennten sie jedoch nicht, sie seien nicht fromm. Vielmehr seien sie Nihilisten, zu vergleichen mit Massenmördern in US-amerikanischen Schulhäusern oder auf einer norwegischen Ferieninsel.[3]

Ähnlich argumentierte Roy im Zusammenhang mit den Anschlägen von Brüssel. Eine Radikalisierung sei keine Folge gescheiterter Integration, sondern es handele sich vielmehr um junge Leute, die einen radikalen Bruch zur Elterngeneration vollzögen und sich aufgrund ihrer Radikalisierung als bessere Muslime sähen als ihre Eltern. Zudem bestehe eine „Faszination für Suizid und Gewaltphantasien“ unter jungen Menschen, die stärker berücksichtigt werden müsse.[4]

Indem er die Radikalisierung der Terroristen als ein individuell und psychologisch begründetes Entgleisen sieht, widerspricht Roy all jenen, die den Terrorismus als eine Folge religiösen Wahns oder religiöser Leere, historischer Traumata oder sozialer Missstände begreifen. Er wendet sich gegen Forderungen, den Bewohnern französischer Vorstädte wesentlich härter entgegenzutreten. Dort führten Millionen von Leuten ein unauffälliges Leben und es gehe nicht an, wegen einiger tausend Verbrecher ein ganzes Segment der Bevölkerung zu stigmatisieren und es dadurch noch weiter zu marginalisieren.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Leibniz et la Chine. Paris 1972
  • Afghanistan, Islam et modernité politique. Paris 1985
  • L’Échec de l’Islam politique. Paris 1992[5]
  • Généalogie de l’islamisme. Paris 1995
  • La Nouvelle Asie centrale ou la fabrication des nations, Paris 1997
  • Iran: comment sortir d’une révolution religieuse? (mit Farhad Khosrokhavar), Paris 1999
  • Les Illusions du 11 septembre. Le débat stratégique face au terrorisme. Paris 2002
  • L’Islam mondialisé. Paris 2002
    • deutsch: Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung. Pantheon, München 2006, ISBN 3-570-55000-1
  • Réseaux islamiques. La connexion afghano-pakistanaise. (mit Mariam Abou Zahab). Paris 2002
  • La Turquie aujourd’hui, un pays européen? (Hrsg.), Paris 2004
  • La Laïcité face à l’Islam. Paris 2005
  • Le Croissant et le chaos. Paris 2007
    • deutsch: Der falsche Krieg. Islamisten, Terroristen und die Irrtümer des Westens. Siedler, München 2008, ISBN 978-3-88680-884-7
  • La Sainte ignorance. Le temps de la religion sans culture. Paris 2008
    • deutsch: Heilige Einfalt: über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen. Übers. Ursel Schäfer. Siedler, München 2010, ISBN 978-3-88680-933-2

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Hesse: Der islamistische Terror ist wie die RAF. Gespräch mit dem Islamismus-Experten Olivier Roy. Berliner Zeitung, 11. Januar 2015
  2. Daniel Binswanger: Komm auch zum IS... das ist wie im Computerspiel Call of Duty - nur in echt. Warum hat sich der islamistische Terror zu einer globalen Bedrohung entwickelt - und was haben die jungen IS-Krieger mit den Amokschützen in amerikaniscne Schulen gemein? ein Gespräch mit Olivier Roy, dem führenden französischen Islamwissenschaftler. Das Magazin N° 12, 2015, Tamedia, Zürich
  3. Olivier Roy: « Le djihadisme est une révolte générationnelle et nihiliste ». In: Le Monde. 24. November 2015, ISSN 1950-6244 (online [abgerufen am 27. März 2016]).
  4. Islamforscher im Gespräch: „Radikalisierung ist keine Folge gescheiterter Integration“. FAZ, 26. März 2016, abgerufen am 19. Juli 2016.
  5. auf Deutsch etwa: "Das Scheitern des politischen Islam." Nicht auf Deutsch erschienen

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]