Orangenpapier

Ein Orangenpapier ist ein meist dünnes, mit bunten Motiven bedrucktes Papier, in das Orangen eingewickelt zum Verkauf angeboten werden. Seine ursprüngliche Schutzfunktion hat es verloren, heutzutage dient es Werbezwecken und als Sammelobjekt.[1]
Da Orangen im Gegensatz zu anderem Obst wie Bananen ihren Reifeprozess unmittelbar nach der Ernte stoppen, war und ist es unabdingbar, sie vollreif zu ernten und rasch zu transportieren. Der zügige Transport von den mediterranen Anbaugebieten in weit entfernte Länder wurde erst mit dem Aufkommen von Eisenbahn und Schnelldampfern möglich. Um das durch die Reife empfindliche Obst vor Stößen, Feuchtigkeit und Transportschäden zu schützen und um zu verhindern, dass sich etwaiger Schimmel von einer Orange auf die daneben liegende ausbreitet, wurden die Früchte in das 1878 zum Patent angemeldete[2] Orangenpapier eingewickelt. Da dies ursprünglich der einzige Zweck des Orangenpapiers war, war dieses anfangs unbedruckt, bald wurde es allerdings als Träger für Werbung entdeckt. Durch automatisierte Vorgänge, Flugzeuge, möglich gewordenen schonenderen Transport und Kühleinrichtungen aller Art sowie durch die chemische Oberflächenbehandlung der Früchte ist die Schutzfunktion des Orangenpapiers weitgehend verloren gegangen.
Fand man auf frühen Orangenpapieren meist Zeichnungen und Werbesprüche, mit denen die Eigentümer der damals oft als Familienbetrieb geführten Orangenplantagen Italiens und Spaniens ihr Obst bewarben, so sind mit der Erfindung des Zwei-, Drei- und Vierfarbdrucks und später des Offsetdrucks die Motive und Texte äußerst mannigfaltig geworden. Es gibt Orangenpapiere mit Abbildungen von beispielsweise Struwwelpeter, Odysseus, Micky Maus und Ähnlichem; bildliche Darstellungen aus Märchen, Mythen und Sagen sind ebenso zu finden wie Porträts von Politikern und Sportlern, Tier- und Blumenmotive oder schlicht Ornamente.
Die Abbildungen auf Orangenpapieren hatten auch oftmals einen Bezug zu damals aktuellen Geschehnissen, Erfindungen oder Trends. So wurden etwa die Entwicklung des Telefons oder des Zeppelins auf Orangenpapieren verewigt, ebenso wie später die Vespa. Die Darstellungen wurden teilweise auch an das Zielland der Orangen angepasst. Für Orangen, die nach Großbritannien exportiert wurden, entwarf man etwa Papiere mit Robin-Hood- und Sherlock-Holmes-Motiven, Papiere für Deutschland zeigten unter vielem anderen Rotkäppchen, Martin Luther oder Max und Moritz, in die USA exportierte man Orangen mit dem Konterfei George Washingtons.[1] Orangenpapiere illustrieren so einerseits die Werbegeschichte, andererseits auch die Zeit und Umstände, aus der sie stammen. So verloren die spanischen Papiere Ende der 1930er-Jahre ihre Kunstfertigkeit, da viele der Grafiker Republikaner waren und nach dem Sieg Francos ins Exil gingen.[1] Diese Geschichtsträchtigkeit und die Vielfalt der Abbildungen haben Orangenpapiere zu Sammelobjekten werden lassen[3][4], sogar eigene Museen wurden eingerichtet.[2]
Bereits 1985 publizierte das Victoria and Albert Museum 21 Faksimiles spanischer und italienischer „fruit wrappers“.[5] Orangenpapiere aus der Sammlung von Lothar-Günther Buchheim wurden kurz nach dem Tod des Sammlers in der Villa Maffei, Dependance des Buchheim Museums, gezeigt.[6] Das Musée cantonal de design et d’arts appliqués contemporains in Lausanne widmete den Orangenpapieren 2008 eine eigene Ausstellung.[7][8] Das Historische Museum Regensburg zeigte 2015 die Ephemera-Sammlung Färber[9]. Deren Bestandskatalog verzeichnet. knapp 800 Einwickelpapiere für Zitrusfrüchte. Das Museum für angewandte Kunst (Wien) hat den mit der Sammlung Schwarz erworbenen Bestand 2016 veröffentlicht.[10]
Nachdem die bedruckten Verpackungspapiere bei den Orangen Einzug gehalten hatten, folgten auch Fruchtverpackungspapiere für Zitronen, Grapefruits, Birnen, Mandarinen, Aprikosen, Tomaten und andere Produkte.[11]
Der Blick der Sammler weitete sich, und neben den klassischen Orangeneinwickelpapieren gelangten auch Orangenkistenschilder und entsprechende Plakate in den Fokus. Als Dirik von Oettingen nach 25jähriger Tätigkeit im Jahr 2025 seine persönliche Sammlung dem Gutenberg-Museum in Mainz überlies, bildeten diese Objektgruppen einen besonders attraktiven Teil der Sammlung, hatten sich doch einige führende Gebrauchsgrafiker der Region Valencia auf dieses Genre spezialisiert. Der Mainzen Bestand umfasst nun ca. 40.000 Objekte, darunter auch Beispiele aus Argentinien, Marokko oder Israel. Ein umfangreiches Katalogwerk ist dazu entstanden.[12]. Ein umfangreicher Katalog dokumentiert den Bestand.[13]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Dirik von Oettingen: Verhüllt um zu verführen. Die Welt auf der Orange. vacat Verlag. Potsdam. 2007. ISBN 978-3-930752-47-8
- Dirik von Oettingen: Opium bei Mutter Fourage. Katalog zur Ausstellung.Books on Demand, Norderstedt 2016. ISBN 9783739267975.
- Wolfgang Neiser (Hrsg.): Luxuspapier, Buntpapier und Ephemera. Die Sammlung Helmut und Dr. Juliane Färber im Historischen Museum der Stadt Regensburg. Bestandskatalog zur Ausstellung "Nicht nur für den Augenblick!" – Ephemera der Sammlung Helmut und Dr. Juliane Färber im Historischen Museum Regensburg vom 22. Februar bis 17. Mai 2015. Universitäts-Verlag Regensburg, Regensburg 2015. ISBN 978-3-86845-120-7. (Inhaltsverzeichnis PDF)
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Vortrag über Zitrusgewerbegrafik von Dirik von Oettingen (Video (28'34 Laufzeit)
- The Citrus Label Gallery Website
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ a b c Deutschlandfunk Zum Verführen verhüllt. Die Geschichte des Orangenpapiers. Von Antje Rávic Strubel
- ↑ a b Opium – Das Orangenpapiermuseum, siehe unter 02. Warum Orangenpapierchen?
- ↑ Bar Pacifico Grafik
- ↑ Orangenpapiersammler ( vom 12. März 2017 im Internet Archive)
- ↑ Oranges & lemons. Fruit wrappers from the Victoria & Albert Museum. A selection of twenty one original designs faithfully reproduced in full colour. Victoria and Albert Museum, London 1985. ISBN 978-0-905209-59-3.
- ↑ Pop Art mit Orangenduft. Orangenpapiere aus der Sammlung Buchheim. Villa Maffei, Dependance des Buchheim Museum. Konzept und Gestaltung der Ausstellung und Begleitheft: Clelia Segieth. Buchheim, Feldafing 2008. ISBN 978-3-7659-1064-7.
- ↑ Gitta Ebner: Geheimnisvolle Orangenpapiere. Der Welt grösste Sammlung in Zumikon. In: Neue Zürcher Zeitung 216 (1995), Nr. 58 (10. März), S. 57.
- ↑ Ephemera. Die Gebrauchsgrafik der MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung. Verlag für Moderne Kunst, Wien: 2017, S. 98
- ↑ Julia Rinck: Rariora und Ephemera. Die Sammlung Helmut und Dr. Juliane Färber im Historischen Museum Regensburg. In: Luxuspapier, Buntpapier und Ephemera, Regensburg 2015, S. 17–22.
- ↑ Ephemera. Die Gebrauchsgrafik der MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung. Verlag für Moderne Kunst, Wien: 2017, S. 100–103.
- ↑ Artikel Fruits wrapper. In: Maurice Rickards: The encyclopedia of ephemera. A guide to the fragmentary documents of everyday life for the collector, curator, and historian. Edited an completed by Michael Twyman. British Library, London 2000, S. 155.
- ↑ (Gutenberg-Museum: Grafik, Exlibris und Orangenpapiere Online)
- ↑ Dirik von Oettingen, Betina Müller (Hrsg.): Fröhlich, farbig, fantastisch. Die Welt auf der Orangenkiste, Glanzlicht historischer Gebrauchskunst. Vacat Verlag, Potsdam 2025. ISBN 978-3-930752-59-1.