Pädagogisches Institut der Stadt Wien

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Pädagogium, Fichtegasse 3, um 1870

Das Pädagogische Institut der Stadt Wien war eine Ausbildungsstätte für Lehrer in der Stadt Wien. Es wurde am 13. Jänner 1923 von Otto Glöckel eröffnet und 2007 abgeschafft.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wiener Lehrerbildungsanstalt, das Städtische Lehrer-Pädagogium, wurde am 12. Oktober 1868 eröffnet und erhielt durch das Reichsvolksschulgesetz vom 1. März 1869 die gesetzliche Grundlage. Das Pädagogium wurde an der Fichtegasse 3 errichtet und 1925 durch das Pädagogische Institut der Stadt Wien ersetzt.[1][2]

Das Pädagogische Institut führte Lehrerfortbildungen zur Vorbereitung auf die Lehrbefähigungsprüfung für Volksschulen und die Prüfung für die einzelnen Fachgruppen der Bürgerschulen durch und bot Kurse für die Ergänzungsprüfung an Mittelschulen an. Zu Beginn des Studienjahres 1925/26 wurden unter Direktor Viktor Fadrus, die drei bisherigen Standorte im Schulgebäude Burggasse 14–16 zusammengezogen, was eine Ausweitung des Studienbetriebs ermöglichte.

Burggasse 14–16, Wien

Von 1925 bis 1930 wurden in Zusammenarbeit mit der Universität Wien hochschulmäßige, akademische Lehrerbildungskurse durchgeführt. Zu den Dozenten gehörten Alfred Adler (1920 bis 1929), Max Adler, Charlotte Bühler, Karl Bühler, Wilhelm Jerusalem und Hans Kelsen (WS 1926/27). Am Institut wurden die Lehrer im Rahmen der Wiener Schulreform in die Theorie der Individualpsychologie eingeführt.

Bekannte Schüler des Instituts waren Ludwig Wittgenstein (1919/1920) und Karl Popper (1925 bis 1927), die sich dort zum Volksschullehrer ausbilden ließen.[3][4]

Zum Institut gehörten auch die Pädagogische Zentralbücherei mit der neuesten Reformliteratur und eine Institutsschule zur Erprobung und Fortentwicklung der pädagogischen Theorie und Praxis. Seit dem Umbau von 1959 verfügte das Schulgebäude über 14 kleinere und einen großen Hörsaal für 300 Personen, eine als Festsaal ausgestaltete Aula, mehrere Lehrwerkstätten, Laboratorien und einen Turnsaal.

Das Pädagogische Institut bestand bis 2007 und wurde im gleichen Jahr durch die Pädagogische Hochschule Wien ersetzt. Die Bestände der Zentralbücherei wurden von der Wienbibliothek im Rathaus übernommen.[5]

Lehrtätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Pädagogische Institut wurde von Glöckel mit dem Ziel einer hochschulmäßigen Lehreraus- und Lehrerfortbildung eingerichtet. Sie hatten unter anderem den Zweck die Anliegen der Wiener Schulreform voranzubringen und ihnen eine Breitenwirkung zu geben.

Ferdinand Birnbaum übernahm im Wintersemester 1929/30 die Vorlesung „Schwererziehbare Schulkinder“ von Alfred Adler, die er seit 1924 durchgeführt hatte. Mit weiteren Vorlesungen konnte er bis 1934 Lehrern die Theorie und Praxis der individualpsychologischen Schulführung vorstellen, wobei er den vielfältigen pädagogischen Alltag als Ausgangspunkt von Analysen nahm.

Diese Vorlesungstätigkeit wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1945 wieder aufgenommen und weiter ausgebaut. Nach der elf Jahre dauernden Abkehr von der Wiener Schulreform bestand ein großes Bedürfnis der Lehrerschaft sich mit psychologischen und pädagogischen Fragen auseinandersetzen zu können. Hunderte begeisterte Lehrer drängten sich zu den Vorlesungen, Seminaren und Übungen.

Besondere Beachtung fanden die bekannten Schulpraktiker aus der Zeit der Wiener Schulreform Oskar Spiel, Ferdinand Birnbaum, Karl Nowotny und Margarethe Hofbauer mit ihrem viersemestrigen „Individualspychologische Seminar“ von 1946 bis 1952 sowie das anschließende viersemestrige interdisziplinäre Seminar „Ausbildung für Erziehungsberater“, das unter anderen von Walter Spiel, Knut Baumgärtel, Lotte Schenk-Danzinger durchgeführt wurde. Das Seminar wurde gemeinsam mit der Universitätsklinik für Neurologie bis 1960 durchgeführt.

Parallel zur Erziehungsberaterausbildung lehrten Oskar Spiel und Franz Scharmer schulpraktische und individualpsychologische Inhalte. Die nach dem Zweiten Weltkrieg viel diskutierte Erziehung zur Demokratie behandelte Spiel in Vorlesungen über die „Schülerselbstverwaltung“ von 1945 bis 1947. Diese erweiterte er danach in Lehrveranstaltungen über „Die Klasse als Verwaltungs-, Aussprache- und Hilfeleistungsgemeinschaft“. Daneben führte er bis 1956 Vorlesungen zu Themen wie „Erfassung der Schülerpersönlichkeiten“ und „Lern- und verhaltensschwierige Kinder“ durch.[6] Nach dem Oskar Spiel 1957 in den Ruhestand getreten war, bot das Institut keine individualpsychologischen Vorlesungen mehr an.

Direktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Dozenten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehemalige Studenten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Dittes: Das Lehrer-Pädagogium der Stadt Wien, Verlag von A. Pichlers Witwe und Sohn, Wien 1873.[7]
  • Adolf Kolatschek: Das Wiener Pädagogium 1868-1881. Verlag Reichardt, Leipzig 1886.
  • Hermann Schnell: 100 Jahre Pädagogisches Institut der Stadt Wien. Festschrift. Verlag Jugend und Volk, Wien 1968.
  • Johanna Juna: Konzentration ist lernbar: die Auswirkungen spezieller Fördermaßnahmen auf die Konzentrationsfähigkeit von Grundschülern und Sonderschülern. Eine Untersuchung der Tatsachenforschung des Pädagogischen Instituts der Stadt Wien, Wien 1968.
  • Peter Schneck, Karl Sretenovic: Zeitgeschichte als Auftrag politischer Bildung: Lehren aus der Vergangenheit. Pädagogisches Institut der Stadt Wien. Verlag Jugend und Volk, 1979
  • Pädagogisch-psychologische Arbeiten des Pädagogischen Instituts der Stadt Wien. Pädagogisches Institut der Stadt Wien, Wien 1980
  • Wolfgang Mayer: VII. Neubau. Wien [u. a.]: Verlag Jugend & Volk, Wien 1983 (Wiener Bezirkskulturführer, 7)
  • Johanna Juna: Schule verändern durch Aktionsforschung. Tagungsband zur Veranstaltung vom 29. Mai bis 2. Juni 1995 des Pädagogischen Instituts der Stadt Wien gemeinsam mit der Universität Klagenfurt und der Universität Innsbruck, Institut für Wirtschaftspädagogik und Personalwirtschaft. Studienverlag 1995, ISBN 978-3-7065-1162-9.
  • Lesen in den Schulen der Zehn- bis Vierzehnjährigen. Pädagogisches Institut der Stadt Wien.
  • Lutz Wittenberg: Lehrtätigkeit am Pädagogischen Institut. In: Geschichte der individualpsychologischen Versuchsschule in Wien. Eine Synthese aus Reformpädagogik und Individualpsychologie. Dissertation der Universität Wien, Universitätsverlag Wien 2002, ISBN 3-85114-739-1
  • Oskar Achs, Rupert Corazza, Wolfgang Gröpel, Eva Tesar (Hrsg.): Bildung – Promotor von Gleichheit oder Ungleichheit?: Protokollband zum 10. Glöckel-Symposion. Veranstalter: Stadtschulrat für Wien, Pädagogisches Institut der Stadt Wien, Pädagogisches Institut des Bundes in Wien, Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien. Lit Verlag Wien 2006, ISBN 3-7000-0564-4
  • Renate Seebauer: Lehrerbildung in Porträts. Von der Normalschule bis zur Gegenwart. Wien LIT Verlag, Münster 2011, ISBN 978-3-643-50317-6

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geschichte Wien Wiki: Lehrerbildungsanstalt
  2. City ABC: Fichtegasse 3
  3. Karl Popper: Einige Bemerkungen über die Wiener Schulreform und ihr Einfluss auf mich. In: Frühe Schriften. Mohr Siebeck, Tübingen 2006, ISBN 978-3-16-147631-0
  4. William Warren Bartley: Die österreichische Schulreform als die Wiege der modernen Philosophie. In: Club Voltaire IV, Gerhard Szczesny, Hamburg 1970, ISBN 3-499-65086-X
  5. Stadt Wien, Geschichte Wiki: Pädagogisches Institut der Stadt Wien
  6. Lutz Wittenberg: Lehrtätigkeit am Pädagogischen Institut. In: Geschichte der individualpsychologischen Versuchsschule in Wien. Eine Synthese aus Reformpädagogik und Individualpsychologie.
  7. Bayerische Staatsbibliothek, Reader: Friedrich Dittes: Das Lehrer-Pädagogium der Stadt Wien, 1873

Koordinaten: 48° 12′ 15,2″ N, 16° 21′ 15,3″ O