Peshwa

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Der Peshwa Balaji Baji Rao, gen. Nanasaheb (1720–1761) mit Höflingen

Peshwa, aus dem Persischen پیشوا pēshwā oder pišwā, "Leiter, Führer", war ein Amts- und Herrschertitel in Nordwest-Indien. Er bezeichnet vor allem die Premierminister und Hausmeier des Marathenreichs, hindi पेशवा, marathi पेशवे.

Etymologie und Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peshwa lautete schon bei früheren, muslimischen Herrscherhäusern Indiens der Titel des Ersten Ministers; er kommt bereits 1152 bei dem muslimischen Ghuridenherrscher Ala-ud-din (1149–1161) vor.[1] Seit 1397 wird er im Bahmani-Sultanat für einen der Minister verwendet[2], vor allem aber seit Ende des 17. Jhs. für die mächtigen Premierminister des Marathenreichs.

Die Marathen-Peshwas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Marathenpeshwa Madhu Rao Narayan mit seinem Minister Nana Fadnavis in Pune; Gemälde von James Wales 1792

Das Peshwa-Amt wurde von den Marathenherrschern, den Rajas von Satara, seit der Zeit des Staatsgründers Shivaji (um 1630–1680) mit Brahmanen besetzt und bezeichnete zunächst den Vorsitzenden von Shivajis Achterrat (Ashtapradhan).

Der erste Peshwa unter Shivaji[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erster Peshwa der Marathen war Moropant Trimbak Pingle (1620–1683, Peshwa seit 1674). Mit dem Aufstieg der Citpavan-Brahmanen von der Küste, die zuerst als Finanzfachleute untergeordnete Verwaltungs- und Steuerämtern bekleidet hatten, in das Peshwa-Amt und nach ihrer Reorganisation des Steuer-, Verwaltungs- und Militärapparats verlor nicht nur die eigentliche Fürstendynastie der Bhonsle, sondern auch die sie umgebenden, bisher einflussreichen Adligen und eingesessenen Deshastha-Brahmanen immer mehr an Bedeutung.

Aufstieg zu Hausmeiern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Peshwas führten Krieg, eroberten als Feldherren ganze Regionen, schlossen Verträge und zogen Steuern ein, offiziell allerdings immer im Namen des Rajas von Satara, den sie dort in Gefangenschaft hielten. 1713 wurde ihr Amt unter Fürst Baji Rao I., gen. Nanasaheb, (1720–1761, siehe Abb. oben) in der Familie erblich[3]. Erstaunlicherweise scheint vor dieser, für das Fürstenhaus verhängnisvollen Entwicklung bereits 1716 der umsichtige Ramchandra Pant Amatya (1650–1716), selber Peshwa, die Herrscherfamilie in seiner Schrift Ajnya patra, einem Fürstenspiegel im Sinne von Kautilyas Arthashastra oder Machiavellis Il Principe, gewarnt zu haben.[4]

Niedergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der letzte Peshwa der Marathen, Baji Rao II. (1775–1851) mit britischen Offizieren, um 1800

Der Peshwa in Pune wurde gegen Ende des Jahrhunderts selbst zu einer Marionette mächtiger Minister wie Nana Fadnavis, des "indischen Machiavelli" (Grant Duff). Die Generäle gründeten eigene Nachfolgestaaten, so die Sindia von Gwalior, des Holkar von Indore und des Gaekwad von Baroda. Dem Peshwa bzw. seinem Minister gelang es zwar noch, von ihrer Residenz aus - seit 1749 das nahe gelegene Pune - die Staaten der Marathen von sich abhängig zu machen und in ein Vasallenverhältnis zu zwingen, doch die katastrophale Niederlage in der Schlacht von Panipat gegen die Afghanen 1761 bedeutete das Scheitern ihrer militärischen und politischen Strategie.

Die Peshwas als Pensionäre der Briten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1802 geriet der Peshwa bei den internen Auseinandersetzungen in Abhängigkeit von der Britischen Ostindien-Kompanie, die ihn – in Unkenntnis der Existenz des wahren Herrschers, des Raja von Satara aus dem Hause Bhonsle - irrtümlich für den eigentlichen König hielten[5].

Nach dem Dritten Marathenkrieg 1817–18 verlor der letzte Peshwa, Baji Rao II. (1775–1851), 1818 sein Amt, nahm von den Briten eine jährliche Rente an und verlebte seine letzten drei Lebensjahrzehnte als Pensionär der Ostindienkompanie unter den Augen der Briten in Bithur bei Kanpur[6]. Sein Adoptivsohn Nana Sahib (1824–1857) spielte im großen Aufstand von 1857 eine führende Rolle.

Das Fürstenhaus Bhonsle nach dem Wegfall der Peshwas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das eigentliche Fürstentum mit dem Hof der Bhonsle von Satara blieb als Protektorat bestehen, wurde aber nach dem Tod des letzten (adoptierten) Rajas, Appa Saheb Bhonsle III. (1802–1848, reg. 1839–1848), der keine männlichen Erben besaß, als erster Heimfall gemäß der Doctrine of Lapse von den Briten vereinnahmt.[7]

Liste der Peshwas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Balfour, Cyclopaedia Bd.III, S. 190
  2. Eaton, Deccan, S. 185; Wink, Peshwa, S. 300
  3. Wink, Peshwa
  4. Das Werk wird traditionell Ramchandra Pant Amatya zugeschrieben; Jan Gonda: History of Indian Literature. Wiesbaden : Harrassowitz 1974. S. 447
  5. Wink, Peshwa
  6. Mehra, Dictionary S. 64–66
  7. Die Nebenlinie der Bhonsle-Marathen von Kolhapur blieb dagegen bis zur indischen Unabhängigkeit bestehen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • James Grant Duff [ehemals politischer Resident in Satara]: A History of the Mahrattas. With Copious Notes. 3 Bde. London : Longman u. a. 1826 Online-Version.
  • Edward [Green] Balfour (Hrsg.): The Cyclopaedia of India and of Eastern and Southern Asia, Commercial, Industrial, and Scientific; Products of the Mineral, Vegetable, and Animal Kingdoms, Useful Arts and Manufactures. 3 Bde. 3. Aufl. London : Quaritch 1885 (ND Graz 1968). Bd.iii S. 190 s.v. Peshwa. – 1. Aufl. Madras 1857, 2. Aufl. 1871–1873.
  • Parshotam Mehra: A Dictionary of Modern Indian History 1707-1947. Delhi u. a. : Oxford University Press 1985 (reprinted 1987)
  • Richard M. Eaton: A Social History of the Deccan, 1300-1761. Cambridge u. a. : CUP 2005. (The New Cambridge History of India I, 8)
  • André Wink: Peshwa. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Leiden : Brill 1993. Bd. viii, S. 300 f.