Produktionsschule

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Produktionsschulen sind Bildungseinrichtungen, die sich im Wesentlichen durch eine zielgerichtete Verschränkung systematisierter, beruflicher Qualifikation oder beruflicher Ausbildung mit erwerbsorientierter Produktion kennzeichnen. Sie enthalten ein Betriebsmodell, in dem Arbeits- oder Produktionsprozesse nach didaktischen Gesichtspunkten gestaltet und für die Lernenden fruchtbar gemacht werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die historischen Ursprünge des Produktionsschulansatzes lassen sich zum einen in den Konzepten der Reformpädagogen des Bundes Entschiedener Schulreformer – wie Paul Oestreich oder Georg Kerschensteiner – in den 1920er-Jahren entdecken, zum anderen geht die Idee auf die Gründung von Einrichtungen zur beruflichen Bildung in Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurück.

Modelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Je nach inhaltlicher Ausrichtung und Ausprägung lassen sich verschiedene Modelle von Produktionsschulen und die damit verbunden Zielgruppen unterscheiden. Dies sind zum einen Produktionsschulen „nach dänischem Vorbild“, die als vorrangige Zielgruppe „benachteiligte“ Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 Jahre ansprechen, die keine Berufsausbildung abgeschlossen haben, arbeitslos sind und entweder eine Schul- oder Berufsbildung abgebrochen haben oder nach Abschluss der Schulausbildung keine Berufsausbildungsstelle gefunden haben. Neben diesen Produktionsschulen, in denen es in erster Linie um die soziale Integration gesellschaftlicher Randgruppen und um die Förderung der persönlichen Entwicklung geht, existieren Produktionsschulen, die eine technologisch-ökonomische Qualifikation der Zielgruppe in den Vordergrund stellen. Im Wesentlichen wird diesen Produktionsschulen die Aufgabe zugeschrieben, technologische und berufspädagogische Innovationen hervorzubringen sowie mit einem hohen Qualifikationsniveau die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in der Region zu fördern. Ferner lassen sich noch Produktionsschulen unterscheiden, die eine Verbindung von allgemeiner und beruflicher Bildung anstreben. Bei diesen Typen von Produktionsschulkonzeptionen wird die Berufsbildung zu einem integralen Bestandteil eines umfassenden (allgemeinen) Bildungsansatzes.

Das Konzept der Produktionsschulen in Deutschland wurde in Dänemark entwickelt und beginnt sich durch die Gründung von bisher etwa 30 Produktionsschulen im deutschsprachigen Raum zu etablieren. Während es in Dänemark circa 100 Produktionsschulen gibt, wurden in Deutschland etwa 25 gegründet und in Österreich 17, wovon sich eine in Wien, je zwei in Kärnten und Tirol, zwei in Vorarlberg, vier in der Steiermark sowie sechs in Oberösterreich befinden. Die erste Einrichtung dieser Art entstand 2001 in Linz, die größte nahm im Herbst 2009 in Wien ihren Betrieb auf.[1][2]

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bislang fehlen rechtliche Grundlagen, um Produktionsschulen in das deutsche oder österreichische Schulsystem einzugliedern. So wurden in Hamburg nach der Produktionsschule Altona in mehreren Etappen bis 2010 zusätzlich sieben weitere Produktionsschulen als „ausbildungs- und berufsvorbereitende Bildungs-, Beratungs- und Betreuungsangebote“ in freier Trägerschaft eingerichtet. Sie sind keine Schulen im Sinne des Hamburger Schulgesetzes, ihr Besuch ersetzt aber die Erfüllung der Schulpflicht an Berufsvorbereitungsschulen für Jugendliche ohne Hauptschulabschluss.[3] Neben der öffentlichen Finanzierung decken Produktionsschulen einen Teil ihrer Kosten durch erwirtschaftete Eigenmittel wie den Verkauf der in den Werkstätten hergestellten Produkte.

Im Gegensatz zur Situation im deutschsprachigen Raum konnte sich das Konzept in Dänemark flächendeckend etablieren und ist seit 1985 mit Inkrafttreten des Produktionsschulgesetzes Teil des Regelschulsystems.[4]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Produktionsschulen in Deutschland sind im Bundesverband Produktionsschulen als Dachverband organisiert. Der Bundesverband wurde 2007 gegründet und legt die Prinzipien für die Produktionsschulen fest. Sein Ziel ist es, die Arbeit der Produktionsschulen zu fördern, die zugrunde liegende Idee zu verbreiten und die Einrichtungen gegenüber den Ministerien zu vertreten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Oestreich, Paul: Die elastische Einheitsschule: Lebens- und Produktionsschule. 2. durchges. Aufl. - Berlin: Schwetschke, 1923.
  • Johann Handke: Die Entwicklung der Arbeiterschule zur Produktionsschule. (=Entschiedene Schulreform Heft 8), Verlag Ernst Oldenburg, Leipzig 1923
  • Lechner, David: Produktionsschule Mattighofen. Jugendarbeitslosigkeit im Arbeitsmarktsbezirk Braunau. Linz 2006
  • Lechner, David und Scheiber, Gudrun: Produktionsschule Steyr. Chancen und Perspektiven. EQUAL-Projekt „EQ - Regionale Sozialwirtschaft als Chance für Frauen“, LIquA, Steyr 2005
  • Plank, Kurt: Historische, typologische und politische Dimensionen von Produktionsschulen in Österreich. Linz 2009, Akademikerverlag ISBN 3639841603
  • Roland Schöne (Hrsg.): Vergleichende Studie zum aktuellen Entwicklungsstand von Produktionsschulen in Dänemark, Österreich und Deutschland . 1. Auflage. TU Chemnitz, Chemnitz 2004 (Studie im Auftrag des BMBF), ISBN 3937487050.
  • Stephan Stomporowski, Martin Kipp: Zwischen Utopie und Realität - Ideengeschichtliche Aspekte der Produktionsschulentwicklung. (Festschrift für Willi Brand), Universität Hamburg, 2003

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Auszug einer Studie zu Produktionsschulen von Roland Schöne im Auftrag des BMBF (PDF, 174 KB)
  2. Fachvortrag zum Thema „Produktionsschule – der innovative Weg in die Arbeitswelt“ von David Lechner (LIquA) und Kurt Plank (VÖPS) (PDF, 100 KB)
  3. Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung: Informationen zu den Produktionsschulen in Hamburg, 28. Juni 2010 (PDF; 85 kB)
  4. Die Produktionsschule Altona (PSA). Mehr als eine Modellschule mit Vorbildcharakter, 12. September 2005