Red Herring (Rhetorik)

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Unter einem Red Herring (engl. für „Roter Hering“) versteht man in Argumentationstheorie und Rhetorik nach dem amerikanischen Philosophen T. Edward Damer den Versuch, die Schwäche einer Position zu kaschieren, indem die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Thema auf ein Randthema gelenkt wird:

“In argument, using a red herring means steering a debate away from one issue to a different, perhaps related, issue in such a way as to make it appear that the related issue is relevant to the issue at hand, but primarily as a means of avoiding the obligation to address the main issue or criticism.”

„Beim Argumentieren bedeutet der Gebrauch eines Red Herring, dass eine Debatte von einem Thema auf ein anderes, damit eventuell in Beziehung stehendes Thema gelenkt wird, so, dass es aussieht, als sei das verwandte Thema für das erste relevant, aber in erster Linie doch, um vor der Notwendigkeit auszuweichen, sich mit der Hauptsache oder mit Kritik zu befassen.“

T. Edward Damer: Attacking Faulty Reasoning, S. 208[1]

Wie Damer aufgewiesen hat, werden Red Herrings oft nicht bewusst – und noch weniger geplant – eingesetzt. Viele Sprecher, die einen Red Herring in die Diskussion werfen, sind tatsächlich davon überzeugt, sich hart am Thema zu befinden.[1]

Red Herrings als Scheinargumente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alle Red Herrings sind Fehlschlüsse der Relevanz (engl. fallacies of relevance) insofern, als das vorgebrachte vermeintliche Argument die zu beweisende These tatsächlich überhaupt nicht untermauert, im Diskussionszusammenhang also keine logische Relevanz besitzt.

Jedoch lassen viele Prämissen sich leicht mit psychologischen Gesichtspunkten verknüpfen, etwa mit Emotionen, Stereotypen oder Vorurteilen. Wenn ein Red Herring an einem solchen psychologischen Ankerpunkt einhakt, kann – oft sogar für beide Seiten – auch dann ein (falscher) Anschein von Relevanz entstehen, wenn logische Relevanz fehlt.[2] Im Deutschen werden Red Herrings umgangssprachlich darum auch als „Scheinargumente“ bezeichnet. Weil in vielen Fällen leicht erkennbar ist, dass mit dem Red Herring die Diskussion gänzlich beendigt werden soll, spricht man im Deutschen seit etwa 1980 umgangssprachlich oft auch von „Totschlagargumenten“ bzw. „Killerphrasen“.

Der Gegenbegriff zu einem „Scheinargument“ bzw. Red Herring – also die Bezeichnung für ein Argument, mit dem ein Behauptetes tatsächlich bewiesen wird – lautet Argumentum ad veritatem („Wahrheitsbeweis“).

Abgrenzung und Einordnung des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von einem logischen Fehlschluss unterscheidet ein Red Herring sich insofern, als beim ersteren ein – wenn auch defekter – Syllogismus konstruiert wird, während beim Red Herring eine Kausalität behauptet wird.

Mit Ignoratio elenchi hat ein Red Herring gemein, dass nicht das bewiesen wird, was bewiesen werden sollte. Anders bei als Ignoratio elenchi steht beim Red Herring aber die Absicht ganz im Vordergrund, vom ursprünglichen Gegenstand der Argumentation abzulenken.

Damer klassifiziert den Red Herring als eine von vier weitverbreiteten Ablenkungstaktiken (fallacies of diversion):[3]

  • Strohmann-Argument: Verzerrung oder Entstellung der Kritik oder des Arguments
  • Triviale Beanstandungen (trivial objections): Angriff auf nur triviale Punkte der Kritik oder des Arguments
  • Red Herring: Versuch, Diskussionsteilnehmer auf ein Nebenthema abzulenken
  • Zuflucht zu Humor oder Spott: Scherzen oder Spotten über die Kritik oder das Argument

Das Hauptproblem der fallacies of diversion sieht Damer darin, dass solche Argumente den Grundsatz verletzen, dass ein gutes Argument das Argument, auf das es Bezug nimmt, wirkungsvoll widerlegt (rebuttal criterion). Infolgedessen sieht er eine starke Verwandtschaft der fallacies of diversion zu den Fehlschlüssen des Gegenbeweises (fallacies of counterevidence) und zur Gruppe der ad-hominem-Fehlschlüsse.[4]

Liste von Red Herrings[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Argument Definition Beispiel Anmerkungen
Argumentum a tuto Der Appell, sich einer unbelegten These allein schon darum anzuschließen, weil man damit auf jeden Fall „auf der sicheren Seite“ sei. „Wenn du an Gott glaubst, obwohl er nicht existiert, verlierst du nichts. Wenn er aber existiert, sicherst du dir mit deinem Glauben die Erlösung.“[5]
Argumentum ad antiquitatem (Traditionsargument) Der Anspruch, dass eine Aussage wahr ist, schon allein, weil sie in Bezug zu einer Tradition steht. „Homosexuelle hatten noch nie in der Geschichte das Recht zu heiraten; die gleichgeschlechtliche Ehe ist darum falsch und wir sollten sie nicht einführen.“
Argumentum ad baculum Der Appell, eine These als wahr zu akzeptieren, weil anderenfalls Nachteile drohen. Vgl. Drohung. „Wenn wir kapitulieren, werden wir niedergemetzelt.“
Argumentum ad consequentiam Die Behauptung, dass eine These wahr bzw. unwahr ist, weil dies mit erwünschten bzw. unerwünschten Konsequenzen verbunden wird.[6][7] „Ohne Glauben an Gott hätte das Leben überhaupt keinen Sinn.“
Argumentum ad crumenam Der Anspruch, dass eine Behauptung allein darum schon wahr (unwahr) ist, weil die Referenzperson (nicht) reich ist.[8] „Wenn deine Geschäftsidee so gut ist – warum bist du dann nicht reich?“
Argumentum ad hominem Ein Angriff auf eine Position oder These eines Streitgegners, der mit einem Aspekt seiner Person begründet wird. „Du sagst das nur, weil Ihr Euch kennt.“
Argumentum ad iudicium Die Behauptung, dass eine These wahr (unwahr) sei, weil sie dem gesunden Menschenverstand entspreche (widerspreche).[9] „Jedem denkenden Menschen sollte einleuchten, dass eine Spezies durch Evolution laufend immer besser wird.“
Argumentum ad lapidem Der Versuch, die Wahrheit einer Behauptung mit etwas dafür Untauglichem zu beweisen.

A: „Infektionskrankheiten werden von Mikroorganismen verursacht.“
B: „Was für eine lächerliche Idee!“
A: „Warum?“
B: „Es ist ganz offensichtlich lächerlich.“

Die Redewendung (wörtlich: „Argument zum Stein“) geht auf einen Disput zurück, den Samuel Johnson und James Boswell 1763 über George Berkeleys These geführt haben, dass nur unsere Wahrnehmung uns Dinge „wirklich“ erscheinen lasse. Johnson unternahm dabei den (untauglichen) Versuch, Berkeley zu widerlegen, indem er gegen einen Stein trat.[10]
Argumentum ad lazarum Der Anspruch, dass eine Behauptung allein darum schon wahr (unwahr) ist, weil die Referenzperson (nicht) arm ist.[11] „Alle in ihrem Dorf sind arm; wenn sie verspricht, den Generator, den wir ihr geben, mit allen zu teilen, muss sie also die Wahrheit sagen.“
Argumentum ad naturam Die Behauptung, dass eine Sache gut (schlecht) ist, nur weil sie (un-)natürlich ist.[12] „Flaschenmilch ist schlecht für dein Kind; du solltest stillen, denn das ist das einzig Natürliche.“
Argumentum ad novitatem Die Behauptung, dass eine Sache gut ist, nur weil sie neu und modern ist.[13] „Wenn du abnehmen willst, solltest den aktuellen Diät-Trends folgen. Die funktionieren immer am besten.“
Argumentum ad oculos Die Behauptung, dass eine These wahr sei, weil dies für jedermann offen zutage liege.[14] „Man muss sich nur die Schulhöfe ansehen, um zu erkennen, wie die Gewalttätigkeit auch bei Kindern zugenommen hat.“
Argumentum ad passiones (Emotionsappell) Ein Argument, mit dem an die Gefühle des Zuhörers appelliert wird, anstatt eine sachliche Begründung zu bieten. „Wenn wir die Banken nicht stützen, wird die Wirtschaft zusammenbrechen, mit verheerenden Folgen für alle.“ Formen (Auswahl):
Argumentum ad populum Die Behauptung, dass eine These wahr sei, weil sie der öffentlichen Meinung entspricht. „So viele Menschen kaufen eine Reisegepäckversicherung. Daran kann man sehen, dass die wirklich wichtig ist.“
Argumentum ad temperantiam Die Behauptung, dass eine Sache allein deshalb gut sei, weil sie den „goldenen Mittelweg“ markiere.[15] „Eine Frau sollte es mit der Emanzipation auch nicht übertreiben.“
Argumentum ad verecundiam Die Behauptung, dass eine These wahr sei, weil eine Autorität (z. B. ein Experte) sie ebenfalls unterstützt. „Vier von fünf Zahnärzten empfehlen diese Zahnpastamarke.“
Argumentum e consentium gentium/
argumentum e consensu
Die Behauptung, weil eine These wahr sei, weil sie einem Consensus gentium entspreche, also einer Auffassung, in der alle Menschen sich einig seien.[16] „Alle Kulturen kennen irgendeine Form von Schöpfungsgeschichte. Also ist die Welt nicht einfach da, sondern wurde geschaffen.“
Association Fallacy Der Versuch, ein Argument dadurch zu diskreditieren, dass auf eine Person oder Institution von schlechter Reputation hingewiesen wird, die das Argument ebenfalls vertreten hat (vertreten haben soll). „Der kommunistische kambodschanische Diktator Pol Pot war gegen Religion; er war ein sehr schlechter Mensch. Frankie ist gegen Religion. Also muss er ein schlechter Mensch sein.“[17] Auch der Nazi-Vergleich bzw. die Reductio ad Hitlerum zählt zu den Association Fallacies.
Bulverism Der Versuch, ein Argument des Diskussionsgegners dadurch zu diskreditieren, dass diesem verdeckte Motive zugeschrieben werden („Psychologisieren“). Dabei wird unterstellt, dass ein parteiischer Verstand keine wahre Aussage hervorbringen könne.[18][19]

A: „Aus den Gründen xyz funktioniert der Sozialismus nicht so gut wie der Kapitalismus.“
B: „Das glaubst du nur, weil du reich bist. Im Grunde willst du keinen Sozialismus, weil du dadurch Geld und Privilegien verlieren würdest.“

Den Ausdruck „Bulverism“ hat der britische Schriftsteller C. S. Lewis geprägt.[20]

Bulverism weist Überschneidungen sowohl mit Argumenten ad hominem als auch mit genetischen Fehlschlüssen auf.

Dammbruchargument Die Bekräftigung der Kritik an einer kleinen Sache nicht durch sachliche Begründung, sondern durch die Prognose, dass die Sache trotz ihrer Geringfügigkeit große und unaufhaltsam eskalierende unerwünschte Folgen haben werde. „Reich jemandem den kleinen Finger, so wird er die ganze Hand nehmen.“
Genetischer Fehlschluss Die Behauptung, dass eine Sache gut (schlecht) sei, weil ihr (tatsächlicher oder unterstellter) historischer Ursprung gut (schlecht) war. „Du wirst nach der Heirat doch wohl nicht einen Ehering tragen wollen! Weißt du nicht, dass dieser Brauch darauf zurückgeht, dass Frauen von ihren Männern in Ketten gehalten wurden?“
I'm entitled to my opinion Das Ablehnen eines gegnerischen Arguments nur mit der Begründung: „Ich habe ein Recht auf meine eigene Meinung.“[21] „Ich habe ein Recht auf meine Meinung, darum ist jeder Widerspruch, den Sie hier erheben, falsch.“
Moralistischer Fehlschluss Die Behauptung, dass eine Aussage nur darum wahr (unwahr) sei, weil die damit bezeichnete Sache moralisch gut (schlecht) sei. „Ehebruch und Frauen nachzustellen ist unrecht. Darum haben wir von Natur aus kein Begehren nach mehreren Sexualpartnern.“
Pooh-pooh Der Versuch, ein Argument durch herablassende Nichtbeachtung oder Bagatellisierung als lächerlich und einer ernsthaften Beachtung nicht würdig zu diskreditieren.[22] „Wir sollten nicht unsere Zeit damit verplempern, zu dieser Frage die Frauenbeauftragte anzuhören. Sie wird uns nur ihr übliches feministisches Gewäsch geben.“ Engl. poo poo bzw. pooh pooh entspricht im Deutschen dem Wort „Aa“ und bedeutet als Verb auch das Verhöhnen einer Sache.
Strohmann-Argument Die falsche Annahme oder Unterstellung, eine Äußerung des Gesprächspartners sei Ausdruck einer extremen Position und bedürfe darum einer entsprechend zugespitzten Kritik. Person A: „Unsere Schule wird ins Winterkonzert auch einige Lieder aufnehmen, die keine Weihnachtslieder sind.“ Person B: „Ihr werdet keine Ruhe geben, bis Weihnachtslieder auch im Radio nicht mehr gespielt werden dürfen!“
Whataboutism Der Versuch, eine Kritik, die der Diskussionsgegner an einer Sache übt, dadurch zu diskreditieren, dass an eine andere Sache, die dem Diskussionsgegner (erklärtermaßen oder vermutlich) lieb ist, derselbe Vorwurf gerichtet wird. Person A: „In Russland werden immer wieder die Menschenrechte verletzt.“ Person B: „Und was ist mit Guantanamo? Da lässt die amerikanische Regierung foltern.“

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b T. Edward Damer: Attacking Faulty Reasoning. A Practical Guide to Fallacy-Free Arguments. 6. Auflage. Wadsworth, Belmont, CA 2009, ISBN 978-0-495-09506-4, S. 208 (PDF).
  2. Patrick J. Hurley: A Concise Introduction to Logic. 11. Auflage. Wadsworth, Boston 2012, ISBN 978-0-8400-3417-5, S. 122 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. T. Edward Damer: Attacking Faulty Reasoning. A Practical Guide to Fallacy-Free Arguments. 6. Auflage. Wadsworth, Belmont, CA 2009, ISBN 978-0-495-09506-4, S. 204 (PDF).
  4. T. Edward Damer: Attacking Faulty Reasoning. A Practical Guide to Fallacy-Free Arguments. 6. Auflage. Wadsworth, Belmont, CA 2009, ISBN 978-0-495-09506-4, S. 193 (PDF).
  5. Tuto (Argumentum a). In: Zedler-Lexikon, S. 2089. Abgerufen am 24. Juli 2020.
  6. Appeal to Consequences. Abgerufen am 22. Juli 2020.
  7. Franz Graf-Stuhlhofer: Christliche Bücher kritisch lesen. Ein Lehr- und Arbeitsbuch zum Trainieren der eigenen Urteilsfähigkeit anhand von Auszügen aus konservativen evangelischen Sachbüchern. VKW, Bonn 2008, S. 70–73: „Pragmatismus: wahr ist, was uns nützt“.
  8. Argument to the Purse. Abgerufen am 22. Juli 2020.
  9. William Stanley Jevons: Elementary Lessons in Logic: Deductive and Inductive; with Copious Questions and Examples, and a Vocabulary of Logical Terms. Macmillan and Co., London, New York 1877, S. 332 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. Ziya Tong: The Reality Bubble: Blind Spots, Hidden Truths, and the Dangerous Illusions. Allen Lane, 2019, ISBN 978-0-7352-3556-4, S. 51 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. Argument from Poverty. Abgerufen am 22. Juli 2020.
  12. Appeal to Nature. Abgerufen am 22. Juli 2020.
  13. Appeal to Novelty. Abgerufen am 22. Juli 2020.
  14. Argumentationsformen. Abgerufen am 24. Juli 2020.
  15. Argument to Moderation. Abgerufen am 24. Juli 2020.
  16. Argument. Abgerufen am 25. Juli 2020.
  17. Ad hominem (Guilt by Association). Abgerufen am 25. Juli 2020.
  18. Bulverism. Abgerufen am 25. Juli 2020.
  19. Franz Graf-Stuhlhofer: Christliche Bücher kritisch lesen. Ein Lehr- und Arbeitsbuch zum Trainieren der eigenen Urteilsfähigkeit anhand von Auszügen aus konservativen evangelischen Sachbüchern. VKW, Bonn 2008, S. 36–38: „Ursachenforschung oder Psychologisieren“.
  20. Clive Staples Lewis: Undeceptions: Essays on Theology and Ethics. Hrsg.: Walter Hooper. Geoffrey Bles, London 1971.
  21. No, you’re not entitled to your opinion. Abgerufen am 23. Juli 2020.
  22. Pooh-pooh fallacy example. Abgerufen am 25. Juli 2020.