Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung

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Geheimerlass zur Errichtung der Reichszentrale

Die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung war das zentrale Instrument der Nationalsozialisten zur Homosexuellenverfolgung im Deutschen Reich.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Letztendlich klarstellend mit der Vierten Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 18. Juli 1935 galt für alle Ärzte, Hebammen und sonstige Personen eine Anzeigepflicht für "Schwangerschaftsunterbrechung, Fehlgeburt und Frühgeburt" vor der 32. Schwangerschaftswoche. Die Gesundheitsämter hatten diese Anzeigen dem Reichsinnenministerium zu melden. Zusätzlich arbeiteten die Gesundheitsämter eng mit der Kriminalpolizei zusammen, um illegalen Abtreibungen auf die Spur zu kommen.[1]

Im Jahre 1934 wurde das Sonderdezernat Homosexualität beim Geheimen Staatspolizeiamt (Gestapa) eingerichtet.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Reichszentrale wurde am 10. Oktober 1936 durch geheimen Sondererlass des Reichsführers-SS, Heinrich Himmler, im Zuge der Neuorganisation Kriminalpolizei beim Reichskriminalpolizeiamt gegründet. Die Aufgabe der Reichszentrale bestand vorrangig in der Sammlung von Daten über Homosexuelle.[3]

1940 waren bereits Dateien von 41.000 als homosexuell bestrafter oder verdächtiger Männer gespeichert.

Die zentrale Datenspeicherung erlaubte es der Reichszentrale, Maßnahmen zur Verfolgung und Bestrafung von Homosexuellen einzuleiten und zu koordinieren. Dazu stand ihr der Einsatz von mobilen Sondereinheiten zur Verfügung, die auch vollzugsmäßig eingreifen konnten.

Erster Leiter war bis Frühjahr 1938 SS-Offizier Josef Meisinger, der auch Leiter des Sonderdezernats Homosexualität beim Gestapa war und es auch in Personalunion blieb.[2] Danach wurde Kriminalrat Erich Jacob Leiter. Ab Juli 1943 war Jacob kriminalistischer Leiter, ihm zur Seite stand als wissenschaftlicher Leiter der Psychiater und Neurologe Carl-Heinz Rodenberg.[4] Beiden stand 1943 ein Stab von 17 Mitarbeitern zur Verfügung. Die schätzungsweise 100.000 Karteikarten umfassende Sammlung ist wahrscheinlich in den letzten Kriegstagen vernichtet worden.

Die Kampagne der Nationalsozialisten gegen die römisch-katholische Kirche, oftmals wegen vermeintlicher oder wirklicher homosexueller Handlungen, begann 1936 schon vor Errichtung der Reichszentrale und wurde im Sommer 1937 abgebrochen, wohl weil die erhoffte propagandistische Wirkung in der Bevölkerung ausblieb. (→ Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche – NS-Zeit)

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Jürgen Simon: Kriminalbiologie und Zwangssterilisation: eugenischer Rassismus 1920–1945, Waxmann Verlag, 2001, ISBN 978-3-8309-1063-3, S. 221 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  2. a b Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933–1945, Josef Meisinger
  3. Stefan Heinz und Lukas Bergmann: Verfolgung von „Volksfeinden“ als Staatsauftrag. Die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“
  4. Burkhard Jellonnek: Homosexuelle unter dem Hakenkreuz. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich. Schöningh, Paderborn 1990, ISBN 3-506-77482-4, S. 128f.

Literatur[Bearbeiten]

  • Grau, Günter: Homosexualität in der NS-Zeit. Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung, Fischer, Frankfurt a.M. 2004, ISBN 359-61-59733.

Quellen[Bearbeiten]

  • Hutter, Jörg: "Die Rolle der Polizei bei der Schwulen- und Lesbenverfolgung im Nationalsozialismus" [1].

Weblinks[Bearbeiten]