Josef Meisinger

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Josef Albert Meisinger (* 14. September 1899 in München; † 7. März 1947 in Warschau, Polen hingerichtet) war ein deutscher Oberst der Polizei, SS-Standartenführer und Kriegsverbrecher.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn von Josef Meisinger und seiner Ehefrau Berta Volk besuchte vier Klassen der Volksschule in München, um dann dort das Luitpold-Gymnasium und Realgymnasium zu absolvieren. Am 23. Dezember 1916 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger bei einem Minenwerfer-Ersatzbataillon. An die Westfront rückte er am 17. Juli 1917 aus, um dort im Reserve-Infanterie-Regiment 30 und in der Minenwerferkompanie 230 eingesetzt zu werden.

Mit einer schweren Verwundung zu 30 Prozent kriegsbeschädigt, wurde er mit dem Dienstgrad eines Vizefeldwebels am 18. Januar 1919 aus dem Heeresdienst entlassen. Als Auszeichnungen im Weltkrieg erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Bayrische Militärverdienstkreuz. In das Freikorps Epp wurde er am 19. April 1919 aufgenommen, in dem er die Münchner Räterepublik bekämpfte.

Von Juli 1919 bis zum 30. September 1920 war er bei der Bayrischen Handelsbank beschäftigt. An den Ruhrkämpfen beteiligte er sich als Freiwilliger bei der Reichswehr vom 13. März bis 20. April 1920, weswegen er nach eigener Aussage nicht weiter in seiner Bank arbeiten konnte.[1] Als Inspizient beim Landgericht München II war er vom 1. Oktober 1920 bis zum 30. September 1922 angestellt. Zur Polizeidirektion München wurde er am 1. Oktober 1922 versetzt. Als Führer des 3. Zuges der 2. Kompanie des Freikorps Oberland beteiligte er sich am 8./9. November 1923 am Hitlerputsch.

Aufstieg in SS und Polizeiapparat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als SS-Anwärter trat er am 5. März 1933 in die SS (SS-Nr. 36.134) ein und beantragte gleichzeitig die Aufnahme in die NSDAP. In die Bayerische Politische Polizei (BPP) wurde er am 9. März 1933 versetzt und kam somit mit Reinhard Heydrich in dienstliche Verbindung (ebenfalls um dieselbe Zeit erhielten von Epp und Himmler Führungspositionen bei der bayrischen Polizei). Vorher war Meisinger bei der Sitte gewesen. Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnr. 3.201.697) wurde er am 1. Mai 1933. Zum SS-Truppführer wurde er am 28. Juni 1933 befördert. Den Blutorden der NSDAP (Nr. 374) erhielt er am 9. November 1933. Mit Martha Zirngibl (geboren am 16. August 1904 in Fürth) ging er am 3. April 1934 die Ehe ein.

Die Beförderung zum SS-Obertruppführer erfolgte am 20. April 1934. Als Heydrich nach Berlin ging, nahm er von der BPP seine vertrauten Mitarbeiter mit: Heinrich Müller, Franz Josef Huber und Josef Meisinger, auch „Bajuwaren-Brigade“ genannt. Somit wechselte Meisinger am 1. Mai 1934 zum Geheimen Staatspolizeiamt (Gestapa) nach Berlin, um am gleichen Tag zum Kriminalrat ernannt zu werden. Er übernahm dort die Leitung des Dezernats II 1 H und II H 1 (NSDAP, Abtreibungen, § 175 und Rassenschande). Dieses Dezernat hatte folgende Aufgaben:

  • Aufdeckung von Gegnern von Adolf Hitler innerhalb der NSDAP (Dezernat II 1 H)
  • Verfolgung von Homosexuellen
  • Verfolgung von Fällen der Abtreibung und Verfolgung von Verstößen gegen das Verbot intimer Beziehungen von Juden zu Nicht-Juden

Rückwirkend zum 1. Mai wurde er am 9. Mai 1934 zum SS-Untersturmführer befördert. Während des Katholikentages in Berlin am 24. Juni 1934 hatte er den Führer der Katholischen Aktion Erich Klausener zu observieren. Er meldete Heydrich, dass Klausener „staatsfeindliche Äußerungen“ von sich gegeben habe, worauf Klausener von Heydrich auf eine Todesliste von NS-Gegnern gesetzt und am 30. Juni 1934 von einem SS-Mann vor seinem Büro erschossen wurde.

1935 übernahm Meisinger auch die Leitung des Sonderdezernats II S „Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“.[2] Am 16. Dezember 1935 erhielt er als Anerkennung den Julleuchter der SS. Ab 1936 übernahm Meisinger als Leiter die Referate PP II H (Angelegenheiten der NSDAP, ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände) und PP II S (Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung) im Hauptamt der Sicherheitspolizei. Am 23. April 1936 erfolgte die Beförderung zum SS-Sturmbannführer. Dabei wurde Meisinger als Mitarbeiter immer wieder schlecht beurteilt. Heydrich bezeichnete ihn als „Widerling“, Heinrich Müller beschwerte sich wiederholt über ihn, und Werner Best beurteilte ihn als einen primitiven Mann mit brutalen Methoden.[3]

Von 1936 bis 1938 leitete Meisinger die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“ im Gestapa. Zum SS-Obersturmbannführer wurde Meisinger am 30. Januar 1937 befördert. Im gleichen Jahr wurde er zum Regierungsrat ernannt. Als der Oberbefehlshaber des Heeres Werner von Fritsch im Juli 1936 in der Fritsch-Krise der Homosexualität bezichtigt wurde, war Meisinger für die entsprechenden Ermittlungen zuständig. Einige Ermittlungsrichtungen liefen ins Leere. So war Meisinger z. B. mit Kriminalkommissar Eberhard Schiele nach Ägypten gereist, um zu ermitteln, ob Fritsch dort während seines Urlaubs im November/Dezember 1937 homosexuelle Kontakte gehabt hatte.[4] Hauptbelastungszeuge wurde schließlich ein Otto Schmidt, der sich in der Berliner Halb- und Unterwelt bewegte. Meisinger leitete die Vernehmungen Schmidts. Er wollte die Gunst der Stunde nutzen und seinen Vorgesetzten eindeutige Ergebnisse liefern. Bei den Verhören ließ Meisinger Grundsätze polizeilicher Ermittlungsarbeit außer Acht, als er z. B. dem Belastungszeugen Fotos von Fritsch zur Identifizierung vorlegte, wobei dieser aus der Beschriftung der Fotos Daten entnehmen konnte, die er dann in seine Aussagen einflocht. Schließlich übermittelte Meisinger in Umgehung des Dienstweges die Ermittlungsakte direkt an Himmler, der sogleich bei Hitler vorstellig wurde. Vor Gericht jedoch brach die Anklage gegen Fritsch, der einer Verwechslung zum Opfer gefallen war, zusammen. Mit dem Fehlschlag gegen Fritsch war Meisingers Laufbahn im Gestapa beendet, er und andere seiner Dienststelle wurden abgelöst, strafversetzt oder entlassen. Von 1938 bis 1939 wurde er im Archiv des SD-Hauptamtes eingesetzt.

Einsatz in Polen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Kriegsbeginn wurde Meisinger im September 1939 Stellvertreter des Kommandeurs der SD-Einsatzgruppe IV in Polen. Vom 23. Oktober 1939 bis zum 1. März 1941 bekleidete er den Posten des Kommandeurs der Sicherheitspolizei und des SD im Distrikt Warschau. Am 1. Januar 1940 ernannte man ihn zum SS-Standartenführer.

Meisinger trat die Nachfolge von Lothar Beutel an, der wegen Korruption abgelöst wurde. Meisinger ging mit aller Gewalt gegen Polen und Juden vor. So ließ er im Wald von Palmiry Massenerschießungen an 1700 Menschen durchführen.[5] Als Vergeltung für den Mord an einem polnischen Polizisten ließ er am 22. November 1939 alle 55 jüdischen Einwohner eines Hauses erschießen und am 20. Dezember 1939 107 Polen als Vergeltung für den Tod zweier Deutscher. Heydrich bezeichnete die diesbezüglichen Anweisungen im Juli 1940 als „außerordentlich radikal“. Meisinger wurde so berüchtigt, dass man ihn den „Schlächter von Warschau“ nannte.[6] Walter Schellenberg schreibt in seinen Memoiren, er habe – als Entgegnung auf eine Intrige von Meisinger gegen ihn – den nunmehrigen Gestapochef Heinrich Müller Informationen über die (so Schellenberg) „bestialischen Taten“ von Meisinger in Warschau zukommen lassen.[7] Nach Ende der Untersuchungen habe Himmler laut Schellenberg entschieden, Meisinger vor ein Standgericht zu stellen und zu erschießen. Er wurde aber durch Heydrich gerettet, der ihn nach Japan schickte. In seinem späteren Prozess in Warschau behauptete er, im Oktober 1940 schon nicht mehr in Warschau gewesen zu sein, doch ist auch seine Beteiligung an der Errichtung des Warschauer Ghettos um diese Zeit wahrscheinlich.[8]

Im Februar 1941 heiratete er seine Sekretärin, die zuvor u. a. für Himmler gearbeitet hatte. Im März 1941 arbeitete er kurzzeitig im Reichssicherheitshauptamt.

In Fernost[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bespitzelung, Denunzierung und Verhaftung (ehemaliger) deutscher Staatsbürger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Heydrich aus der Schusslinie genommen, war Meisinger vom 1. April 1941 bis Mai 1945 als Polizeiverbindungsführer und Sonderbeauftragter des SD an der deutschen Botschaft in Tokio tätig. Weiterhin war er Verbindungsoffizier des SD zum japanischen Geheimdienst. Eine seiner Aufgaben in Japan war die Beobachtung des Korrespondenten (und Sowjetagenten) Richard Sorge,[9] gegen den man in Berlin einen ersten Verdacht hegte. Meisinger wurde jedoch dessen „Trinkkumpan“ und eine seiner besten Quellen.[10] Schellenberg bemerkte in seinen Erinnerungen, dass er, statt sich seiner Aufgabe zu widmen sich einem bequemen Leben hingab und plötzlich die Rolle des Biedermannes spielte.[11] Über Sorge hatte er nur Gutes an Schellenberg zu berichten. Nachdem Sorge im Oktober 1941 von den Japanern verhaftet worden war, versuchten Meisinger und der deutsche Botschafter Eugen Ott die Sache zu vertuschen. Als Ivar Lissner schließlich doch das Ausmaß des Verrats nach Berlin enthüllte, was zur Ablösung von Ott führte, war Meisinger eine der treibenden Kräfte, ihn seinerseits bei den Japanern anzuschwärzen und verhaften zu lassen. Seine rücksichtslosen Methoden, Gegner zu beseitigen, wurden auch schnell in den deutschen Gemeinden in Shanghai und Tokio bekannt. Er schickte sie beispielsweise auf Blockadebrecher von japanischen Häfen nach Deutschland, was hochriskant war, wobei er zusätzlich den Kapitänen einschärfte, die Delinquenten bei drohendem Verlust des Schiffes zu töten. Eine andere Methode von Meisinger war, unliebsame Gegner den japanischen Sicherheitsbehörden auszuliefern.[12] So wurde der in Japan lebende Deutsche Engels auf Veranlassung Meisingers monatelang inhaftiert und geprügelt. Bei seiner Entlassung wegen erwiesener Unschuld drohte ihm Meisinger mit erneuter Verhaftung. Daraufhin erhängte sich Engels auf offener Straße, wobei er ein Schild trug auf dem stand: „Ich schäme mich als Deutscher weiterzuleben“. Im Falle des während der Haft verstorbenen Juden Frank ließ Meisinger diesen durch seine Familie auf einem Karren heimschaffen.[13] Meisinger führte während seiner Tätigkeit in Japan eine umfangreiche Telegrammkorrespondenz mit dem Reichssicherheitshauptamt. Bei den meisten Telegrammen handelte es sich um Anfragen zu Deutschen in Japan, die kürzlich eingereist waren. Meisinger konnte zudem – laut dem ehemaligen deutschen Botschafter Heinrich Stahmer – ohne Genehmigung des Botschafters Anträge auf Ausbürgerung deutscher Staatsbürger stellen. Diese gingen direkt an die deutsche Sicherheitspolizei die dann das Prozedere zum Abschluss brachte.[14] Einer der wichtigsten Informanten Meisingers war der deutsche Generalkonsul in Yokohama Heinrich Seelheim.[15]

Meisinger war auch eine treibende Kraft bei der Diskreditierung und späteren Verhaftung des in Tokio lebenden Industriellen Willy Rudolf Foerster. Dieser hatte zusammen mit dem jüdischen Hilfskomitee einer Vielzahl von Juden zur Flucht nach Japan verholfen und sie in seinem Unternehmen beschäftigt.[16] Hierdurch hatte er sich die Feindschaft der örtlichen NS-Auslandsvertretungen und Parteistellen zugezogen.[17] Insbesondere beim Generalkonsul in Yokohama, Heinrich Seelheim, dem NS-Parteischlichter Alois Tichy und dem Polizeiattaché Meisinger galt er als „persona non grata“.[18] U. a. Meisinger verbreitete über Foerster die falschen Gerüchte dieser sei vorbestraft, Komintern-Agent und Jude, um seine Geschäfte zu sabotieren.[19] Im Mai 1943 sorgte er für Foersters Verhaftung als angeblicher sowjetischer Spion. So hoffte er dessen antinationalsozialistisches Engagement endgültig zu beenden.[20] Meisinger war auch persönlich an der Folter Foersters im Gefängnis beteiligt.[21] Nachdem die japanischen Behörden Foerster 1944 wegen erwiesener Unschuld in Bezug auf Spionage aus dem Gefängnis entließen, sorgte Meisinger Anfang 1945 für dessen erneute Verhaftung. Dies gelang ihm durch Übergabe einer Namensliste von „Anti-Nazis“ an die Japaner, auf der auch Foersters Name vermerkt war.[22]

Meisinger war in Tokio auch als passionierter Pokerspieler bekannt, allerdings pflegte er seine Mitspieler auch schon einmal mit der Pistole zum Weiterspielen zu zwingen. Bei einem solchen Spiel erschoss er einen deutschen Handelsmarinekapitän, was er allerdings durch Bestechung des untersuchenden japanischen Geheimdienstoffiziers (Hauptmann der Kempeitai) vertuschen konnte. Als dies später bekannt wurde, nahm sich der Offizier das Leben (Seppuku).[23]

Versuche der Außenpolitik, Judenverfolgung und Intervention zur Errichtung des Ghettos Shanghai[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Auswärtigen Amt hatte Meisinger gleich nach seiner Ankunft in Tokio so offenbar seine Unfähigkeit demonstriert, dass dies von Joachim von Ribbentrop genutzt wurde, um den Einfluss des SD an den Botschaften zurückzudrängen. Besonders die Polizeiattachées waren ihm ein Dorn im Auge.

Meisinger blieb stets bemüht, die eigene Karriere voranzutreiben, auch durch Aktivitäten, die seine Kompetenzen weit überschritten. Nachdem er in Shanghai Kontakt zu dem buddhistischen „Abt“ Ignaz Trebitsch-Lincoln aufgebaut hatte, regte er in Berlin an, einen Volksaufstand in Tibet anzustacheln. Meisinger wusste möglicherweise, dass solche Überlegungen auch in Himmlers Umkreis, beim Ahnenerbe, angestellt wurden. Ihm entging jedoch, dass Trebitsch-Lincoln als „politischer Abenteurer“ mit Geltungsbedürfnis bekannt war und keineswegs über Einfluss verfügte. Meisinger war daraufhin beim Auswärtigen Amt, das sich bei Himmler beschwerte, diskreditiert.[24] Neben seinem Fehler bei der Einschätzung Trebitsch-Lincolns, hatte Meisinger mit seinem Alleingang in Shanghai auch den deutschen Botschafter Eugen Ott in Tokio übergangen.[25] Telegramme Meisingers aus Tokio an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin gingen grundsätzlich über den Schreibtisch des deutschen Botschafters. Dieser erhielt von jedem Schreiben eine Kopie und musste die Telegramme Meisingers vor Übermittlung an das Reichssicherheitshauptamt abzeichnen. Dieses Prozedere diente der Information des Botschafters.[26] Eine Abberufung Meisingers blieb aber aus. Anmaßende Versuche, Außenpolitik betreiben zu wollen, wird er – laut Freyeisen – „wohl nicht mehr“ über die diplomatischen Vertretungen nach Deutschland übermittelt haben.[27] Tatsächlich konnte Meisinger auch über Radio-Telefon mit dem Reichssicherheitshauptamt Kontakt aufnehmen. Diese Telefonate wurden nicht von Mitgliedern der Botschaft überwacht und richteten sich wohl an General Müller und nicht direkt an Heinrich Himmler. Zudem Bestand die Möglichkeit mittels Blockadebrecher und U-Boot direkt mit Berlin zu kommunizieren.[28]

Daneben widmete sich Meisinger auch in Japan der Judenverfolgung. So intervenierte er 1941 bei den japanischen Dienststellen und forderte sie auf, die etwa 18.000 jüdischen Flüchtlinge aus Österreich und Deutschland im von den Japanern besetzten Shanghai zu ermorden. Seine Vorschläge beinhalteten unter anderem die Errichtung eines Vernichtungslagers auf der Insel Chongming Dao im Yangtse-Delta oder das Töten durch Aushungern auf Frachtern vor der chinesischen Küste. Die japanische Admiralität, von der Shanghai verwaltet wurde, gab den Vernichtungsplänen der deutschen Verbündeten aber nicht nach.[29] Die Japaner errichteten allerdings ein Ghetto im Stadtteil Hongkou für staatenlose (also deutsche, österreichische, tschechische und baltische) Juden.

Meisinger berichtete Fritz Wiedemann, er habe von Himmler den Auftrag gehabt, die Japaner zur Einführung von Maßnahmen gegen die Juden zu bewegen. Wiedemann bemerkte hierzu später vor Gericht, dass Meisinger dies jedoch selbstverständlich „bei dem selbstbewussten Volk der Japaner“ nicht in Form eines Befehls hätte tun können. Wie er es „im einzelnen getan“ habe, wisse er jedoch nicht.[30] Zum Erreichen seines Ziels nutzte Meisinger die Spionagefurcht der Japaner, die bis auf wenige Ausnahmen nicht antisemitisch eingestellt waren. So führte er im Herbst 1942 Gespräche mit dem Chef der Auslandssektion des japanischen Heimatministeriums und erklärte diesem, er habe von Berlin den Auftrag, den japanischen Behörden die Namen aller „Anti-Nazis“ unter den Deutschen zu melden. „Anti-Nazis“ seien in erster Linie deutsche Juden, von denen 20.000 nach Shanghai emigriert seien. Diese „Anti-Nazis“ seien auch immer „Anti-Japaner“.[31] Die Japaner schenkten dieser These nach einigem Überlegen glauben. Dies habe – so der ehemalige Dolmetscher Meisingers Hamel – zu einer regelrechten Jagd auf „Anti-Nazis“ geführt.[32] So hätten die Japaner als Reaktion auf Meisingers Behauptung die Erstellung einer Liste aller „Anti-Nazis“ verlangt.[33] Diese hatte Meisinger, wie seine Sekretärin später bestätigte, bereits seit 1941 vorliegen.[34] Nach Rücksprache mit General Müller wurde sie von Meisinger Ende 1942 sowohl an das Heimatministerium, als auch an die Kempeitai übergeben.[35] Die Liste enthielt u. a. die Namen aller Juden mit deutschem Pass in Japan.[36] Für die Japaner wurde somit klar, dass insbesondere die ab 1937 in großer Zahl vor den Nationalsozialisten nach Shanghai Geflüchteten das höchste „Gefahrenpotential“ darstellten. Die Proklamation eines Ghettos war somit eine logische Folge von Meisingers Interventionen. Für diese „Leistung“ wurde er offenbar trotz der Sorge-Affaire am 6. Februar 1943 zum Oberst der Polizei befördert.[37]

Die Bevölkerungsdichte im Ghetto war höher als im damaligen Manhattan. Durch japanische Soldaten unter dem sadistischen Befehlshaber Ghoya streng abgeschottet, durften Juden das Ghetto nur mit spezieller Erlaubnis verlassen. Etwa 2.000 Juden starben im Ghetto von Shanghai.[38]

Trotz seiner Verwicklung in die Sorge-Affäre (für deren mangelnde Aufklärung ihm Botschafter Ott einen großen Teil der Schuld zuschob) wurde er am 25. Januar 1943 zum Oberst der Polizei ernannt.[39] Von einer US-Dienststelle am 6. September 1945 in Yokohama verhaftet, wurde er 1946 an Polen ausgeliefert. Am 17. Dezember 1946 wurde er gemeinsam mit Ludwig Fischer, Ludwig Leist und Max Daume in Warschau wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Das Oberste Nationale Tribunal verurteilte Meisinger am 3. März 1947 zum Tode, worauf er am 7. März 1947 im Warschauer Gefängnis Mokotów durch den Strang hingerichtet wurde.

Postume „Ehre“ widerfuhr Meisinger durch den Roman Die Wohlgesinnten des amerikanisch-französischen Literaten Jonathan Littell.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Astrid Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. Königshausen und Neumann, Würzburg 2000, ISBN 3-8260-1690-4 (zugleich: Würzburg, Universität, Dissertation, 1998).
  • Karl-Heinz Janßen, Fritz Tobias: Der Sturz der Generäle. Hitler und die Blomberg-Fritsch-Krise 1938. Beck, München 1994, ISBN 3-406-38109-X.
  • Josef Meisinger: Die Bekämpfung der Abtreibung als politische Aufgabe, In: Deutsche Zeitschrift für die Gesamte Gerichtliche Medizin [0367-0031], 1940 vol: 32, iss: 4, pg: 226-244.
  • Janusz Piekałkiewicz: Weltgeschichte der Spionage, Agenten – Systeme – Aktionen. Weltbild, Augsburg 1993, ISBN 3-89350-568-7.
  • Walter Schellenberg: Aufzeichnungen des letzten Geheimdienstchefs unter Hitler (= Moewig 4112 Memoiren). Herausgegeben von Gita Petersen. Vorwort Klaus Harpprecht. Im Anhang unter Verwendung bislang unveröffentlichter Dokumente neu kommentiert von Gerald Fleming. Moewig, Rastatt 1981, ISBN 3-8118-4112-2.
  • History of the United Nations War Crimes Commission and the Development of the Laws of War. H. M. Stationery Office, London 1948, S. 532.
  • Dienstaltersliste der Schutzstaffel der NSDAP (SS-Oberst-Gruppenführer – SS-Standartenführer). Stand vom 9. November 1944. SS-Personalhauptamt, Berlin 1944.
  • Clemens Jochem: Der Fall Foerster: Die deutsch-japanische Maschinenfabrik in Tokio und das Jüdische Hilfskomitee Hentrich und Hentrich, Berlin 2017, ISBN 978-3-95565-225-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. 2000, S. 463.
  2. Schaubild der Aufgliederung des Geheimen Staatspolizeiamts (Gestapa).
  3. Janßen: Der Sturz der Generäle. 1994, S. 95.
  4. Janßen: Der Sturz der Generäle. 1994, S. 160.
  5. Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führerkorps des Reichssicherheitshauptamtes. Aktualisierte Neuausgabe der Ausgabe 2002. Hamburg 2003, ISBN 3-930908-87-5, S. 478 (zugleich Habilitationsschrift, Universität Hannover 2001).
  6. Nach den Memoiren der Musikerin Eta Harich-Schneider: Charaktere und Katastrophen. Augenzeugenberichte einer reisenden Musikerin. Ullstein, Berlin u. a. 1978, ISBN 3-550-07481-6, bezeichnete man ihn in Tokio insgeheim als „Henker von Warschau“. Sie charakterisiert ihn weiter als „Zwei-Zentner Mann mit bleichen Augen im fetten Gesicht“ und schreibt, dass er sich mit Ott ausgezeichnet verstand (S. 203).
  7. Walter Schellenberg: Aufzeichnungen. 1981, S. 182 f.
  8. Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. 2000, S. 466.
  9. Piekalkiewicz: Weltgeschichte der Spionage. 1993, S. 369.
  10. Erinnerungen Schellenbergs, zitiert bei Piekalkiewicz: Weltgeschichte der Spionage. 1993, S. 369.
  11. Schellenberg: Aufzeichnungen. 1981, S. 183.
  12. Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. 2000, S. 469.
  13. Clemens Jochem: Der Fall Foerster: Die deutsch-japanische Maschinenfabrik in Tokio und das Jüdische Hilfskomitee Hentrich und Hentrich, Berlin 2017, S. 74, ISBN 978-3-95565-225-8.
  14. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 256, Anmerkung Nr. 336.
  15. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 169.
  16. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 16.
  17. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 107 f.
  18. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 19.
  19. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 224, Anmerkung Nr. 122.
  20. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 183.
  21. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 75.
  22. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 82.
  23. Heinz Höhne, Nachwort zu Ivar Lissner: Mein gefährlicher Weg. Vergessen, aber nicht vergeben (= Knaur 396). Vollständige und neubearbeitete Taschenbuchausgabe. Droemer-Knaur, München u. a. 1975, ISBN 3-426-00396-1, S. 253.
  24. Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. 2000, S. 467.
  25. Heinz Eberhard Maul: Japan und die Juden. Studie über die Judenpolitik des Kaiserreiches Japan während der Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945 Bonn 2000, S. 205, Fußnote Nr. 9, PDF (12,2 MB).
  26. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 255, Anmerkung Nr. 332.
  27. Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. 2000, S. 474.
  28. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 255 f., Anmerkung Nr. 333.
  29. Heinz Eberhard Maul: Warum Japan keine Juden verfolgte. Die Judenpolitik des Kaiserreiches Japan während der Zeit des Nationalsozialismus, Iudicium, München 2007. ISBN 978-3-89129-535-9.
  30. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 88.
  31. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 85 f.
  32. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 86.
  33. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 86 f.
  34. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 232–233, Anmerkung Nr. 164.
  35. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 86 f. und S. 232–233, Anmerkung Nr. 164.
  36. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 87.
  37. Jochem: Der Fall Foerster, Berlin 2017, S. 88.
  38. Ernest G. Heppner: Shanghai Refuge. A Memoir of the World War II Jewish Ghetto. University of Nebraska Press, Lincoln u. a. 1995, ISBN 0-8032-2368-4.
  39. Freyeisen vermutet, dass Meisinger die Errichtung von Ghettos in Shanghai, die wenig später erfolgte, in Berlin als eigenen Erfolg darstellen konnte. Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches. 2000, S. 475.