Rielingshausen

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Rielingshausen ist ein Ortsteil von Marbach am Neckar im Landkreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rielingshausen mit 2600 Einwohnern liegt etwa fünf Kilometer nordöstlich von Marbach auf einer Anhöhe zwischen der Murr und dem Hardtwald. Zu dem Ort gehört auch der anderthalb Kilometer weiter nördlich gelegene Weiler Hinterbirkenhof. Die Gemarkung wird durch mehrere Bachtäler gegliedert, die allesamt zur Murr führen. Der Dorfkern liegt in der flachen Mulde des Weidenbachs, während der Kaisersbach eine Vertiefung zwischen Rielingshausen und dem Hinterbirkenhof ausbildet. Die östliche Markungsgrenze bildet der Eichbach, der auf halbem Wege in einer Doline verschwindet. Der Sulzbach durchfließt südöstlich des Orts ein weites Tal. Nachdem er bei der Flurbereinigung in den 1970er Jahren begradigt worden war, wurde er Ende der 1980er Jahre wieder renaturiert. Diese Maßnahme wurde 1991 mit dem Kulturlandschaftspreis des Schwäbischen Heimatbunds ausgezeichnet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Spuren menschlicher Besiedlung auf Rielingshäuser Markung sind aus der Jungsteinzeit und aus römischer Zeit nachgewiesen. Die Römerstraße von Benningen nach Murrhardt verlief über Rielingshauser Gebiet; sie entsprach in etwa der heutigen Landesstraße, verlief jedoch ein wenig weiter nördlich und westlich.

Ortsansicht von Süden

Der heutige Ort Rielingshausen entstand vermutlich um 700 südlich der Römerstraße als fränkischer Adelssitz. Erstmals erwähnt wurde er 776 im Lorscher Codex als Reginherishusen. Ab 972 gehörte der Ort wie Marbach zum Bistum Speyer. Die weiteren Besitzverhältnisse bis ins frühe 14. Jahrhundert sind nicht überliefert, womöglich gehörte Rielingshausen später zur Herrschaft Wolfsölden. Spätestens mit deren Verkauf 1322, vielleicht auch schon zusammen mit Marbach, fiel Rielingshausen in den Besitz der Grafen von Württemberg. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts sind westlich Rielingshausens die zwei Siedlungen Sigebotsbuch und Kaisersberg bezeugt, die wohl wenig später abgingen. Durch die freiwerdende Fläche konnte sich die Rielingshauser Markung nach Westen ausdehnen.

Unter württembergischer Herrschaft gehörte der Ort zum Amt Asperg, ab dem 15. Jahrhundert zum Amt (später Oberamt) Marbach. Die etwa 500 Einwohner lebten von Landwirtschaft und Weinbau, um 1350 ist erstmals eine Kelter erwähnt.

1525 nahmen Rielingshäuser Bauern am Deutschen Bauernkrieg teil, dreizehn von ihnen wurden nach dem Scheitern des Aufstands zu Geldstrafen verurteilt und durften keine Waffen mehr tragen. Wie Marbach wurde auch Rielingshausen im Dreißigjährigen Krieg wiederholt Opfer von Pest, Hungersnöten und Übergriffen durchziehender Truppen, die den Ort schlimm trafen. Die Einwohnerzahl sank von 624 im Jahr 1622 auf 108 im Jahr 1648, und die Hälfte der Häuser wurden zerstört. Auch die nachfolgenden Kriege im 17. und 18. Jahrhundert bekam der Ort zu spüren, so wurde er 1674 und 1693 von den Franzosen geplündert. Im dadurch verursachten Hungerwinter 1693/94 ging die Einwohnerzahl von 319 auf unter 200 zurück.

1720 entstand nördlich des Dorfs auf damals wüstliegendem Gelände der Weiler Hinterbirkenhof, auf dem im Laufe der Zeit zwischen 20 und 40 Einwohner lebten. Die Einwohnerzahl der Gemeinde erreichte erst nach 1780 wieder den Stand von 1622. Bei der Neuordnung Württembergs 1810 verblieb Rielingshausen beim Oberamt Marbach. Neben zahlreichen Truppendurchzügen in den Koalitionskriegen belastete den Ort auch die Einziehung etlicher Männer zum Militärdienst. Sieben Rielingshäuser Soldaten fielen im Russlandfeldzug Napoleons.

Rathausplatz mit Kirche

Kurzzeitig errang Rielingshausen überregionale Bekanntheit, als dort der pietistische Theologe Ludwig Hofacker von 1826 bis zu seinem frühen Tod 1828 als Pfarrer wirkte. Zu seinen Sonntagspredigten strömten Gläubige aus weit entfernten Orten in das Dorf.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung zunächst an; 1849 war mit über 1.100 Einwohnern ein vorläufiger Höhepunkt erreicht. Zugleich wanderten aber viele Rielingshäuser aus, zunächst hauptsächlich nach Russland, später nach Nordamerika. Ursachen der Auswanderung waren Hungersnöte (1816/17 und 1846/47), religiöse Beweggründe und Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen. Infolgedessen sank die Einwohnerzahl bis 1900 wieder auf unter 800. Nach wie vor lebten die meisten Einwohner von Landwirtschaft und Weinbau, daneben entwickelte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Weberei zum größten Gewerbe am Ort und behielt diese Stellung bis zum Ende des Jahrhunderts.

1899 wird an der Eisenbahnstrecke Backnang–Marbach ein Haltepunkt Erdmannhausen-Rielingshausen eingerichtet. Dieser befand sich allerdings (von Rielingshausen gesehen) jenseits der Murr, drei Kilometer vom Ort entfernt. 1912/13 erhielt der Ort Anschluss an die elektrische Stromversorgung.

Aus dem Ersten Weltkrieg kehrten 43 Rielingshäuser nicht mehr zurück. Während der Weimarer Republik war zunächst der Württembergische Bauern- und Weingärtnerbund die bestimmende politische Kraft im Ort; er erhielt 1920 über zwei Drittel der Stimmen. In den 1920ern veränderte sich die Arbeitsstruktur im Ort, immer mehr Einwohner pendelten als Industriearbeiter in die benachbarten Orte bis hin nach Stuttgart. Während der Weltwirtschaftskrise war diese Gruppe stark von Arbeitslosigkeit betroffen, 1931 gab es 60 Arbeitslose bei 760 Einwohnern. Die damit einhergehende Not führte zu einer Veränderung der politischen Mehrheitsverhältnisse. Bei der Reichstagswahl 1933 wurde die NSDAP mit 47 % der Stimmen stärkste Kraft.

Hinterbirkenhof

Die Errichtung des Dritten Reichs ging auch in Rielingshausen mit der Gleichschaltung des Gemeinderats und der übrigen Organe des gesellschaftlichen Lebens einher. 1937 wurde der Zeuge Jehovas Adolf Stirm verhaftet, der später im KZ Mauthausen ums Leben kam. 1938, bei der Auflösung des Oberamts Marbach, wurde Rielingshausen entgegen den gewachsenen Strukturen dem Landkreis Backnang zugeteilt. Im Zweiten Weltkrieg nahm der Ort zeitweise Evakuierte aus anderen Orten auf. In der Landwirtschaft wurden etwa 20 französische Kriegsgefangene eingesetzt sowie einige Angehörige anderer Nationen. Am Ende des Krieges waren 37 Rielingshäuser gefallen oder vermisst.

Nach dem Krieg siedelten sich am Ort über 200 Heimatvertriebene an, viele davon aus Bessarabien. Der Bevölkerungszuwachs führte ab 1948 zur Errichtung einer Reihe von Neubaugebieten, durch die sich der Ort hauptsächlich nach Norden und Osten ausdehnte. 1959 überschritt die Einwohnerzahl erneut die Grenze von 1.000 Einwohnern und stieg in der Folge weiter, da der Ort durch weitere Neubaugebiete zu einer Wohngemeinde im Umland Stuttgarts wurde.

Die Gemeindereform beendete 1972 die kommunale Selbständigkeit Rielingshausens. Die Bürger gaben bei einer Abstimmung einer Vereinigung mit Marbach deutlich den Vorzug gegenüber einer solchen mit Steinheim an der Murr. Die Eingemeindung nach Marbach wurde daraufhin am 1. Juli 1972 durchgeführt[1], wodurch der Ort zugleich zum Landkreis Ludwigsburg kam. Rielingshausen behielt nach der Eingemeindung einen eigenen Ortschaftsrat.

Die Eingemeindung wurde vom Land Baden-Württemberg finanziell gefördert, wodurch die Infrastruktur des Orts in den folgenden Jahren stark ausgebaut werden konnte (Schule, Kindergarten, Wegenetz u. a.). Ab 1979 entstand im Nordwesten des Orts noch das Neubaugebiet Egelsee und ab 2007 eine neue kleine Siedlung Richtung Kirchberg.

Für die Kulturdenkmäler des Ortes siehe die Liste der Kulturdenkmale in Rielingshausen.

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen des Marbacher Ortsteils Rielingshausen

Das Wappen Rielingshausens zeigt in Gold einen aufrecht stehenden schwarzen Schlüssel. Der Schlüssel weist auf den Kirchenheiligen St. Peter hin, die Farben wurden vermutlich als Hinweis auf die württembergischen Wappenfarben gewählt. Der Schlüssel als Gemeindesymbol ist erstmals im Fleckensiegel von 1794 überliefert.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludwig Hofacker (1798–1828), Pfarrer, wirkte in seinen letzten Lebensjahren in Rielingshausen
  • Gottfried Traub (1869–1956, geboren in Rielingshausen), Theologe und Politiker (DNVP)
  • Oskar Jenner, Fabrikant (1968 zum Ehrenbürger Rielingshausens ernannt)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27.5.1970 bis 31.12.1982. W. Kohlhammer, Stuttgart/Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 453.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Albrecht Gühring u. a.: Geschichte der Stadt Marbach am Neckar Bd. 1 (bis 1871), Marbach am Neckar, 2002, ISBN 3-89735-189-7
  • Hermann Schick: Geschichte der Stadt Marbach am Neckar Bd. 2 (1871–1959), Marbach am Neckar, 1992
  • Albrecht Gühring: Marbach am Neckar. Ein Führer durch die Schillerstadt und ihre Stadtteile, Marbach am Neckar, 2. Auflage, 2004, ISBN 3-923107-13-7
  • Albrecht Gühring u. a.: Rielingshausen. Vom fränkischen Adelssitz zum Marbacher Stadtteil. Marbach am Neckar, 1996
  • Ulrich Hartmann (Hrsg.): Der Kreis Ludwigsburg. 2. Auflage, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 1994, ISBN 3-8062-1055-1

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Rielingshausen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 48° 58′ N, 9° 20′ O