Riesaufdruck

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Riesaufdruck, Riesdeckblatt, Riesumschlag bzw. Riesumschlagdruck sind Benennungen für die Warenkennzeichnung einer für den Verkauf konfektionierten, abgezählten und verpackten Papiermenge.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erzeugenden Papiermacher bzw. Papiermühlen zählten 20 „Buch“ zu einem Ries ab, die beim Schreibpapier jeweils 24 Bogen und beim Druckpapier 25 Bogen umfassten.[1]: S. 7 Bevor diese 480 bzw. 500 Bogen mit einem Bindfaden zu einem Paket verschnürt wurden, druckte man auf den obersten Papierbogen einen Holzstock ab, der wie das in den einzelnen Papierbogen enthaltene Wasserzeichen Auskunft über Papiersorte, Papierqualität und Herkunft gab. Als ältestes Beispiel aus der Zeit um 1445/1446 hat sich der Riesaufdruck einer Ravensburger Papiermühle auf dem Vorsatzblatt der Theologische Sammelhandschrift HB I 227 in der Württembergischen Landesbibliothek[2] in Stuttgart erhalten.[3]: S. 22–23 Dieser zeigt wie das schon seit 1430 nachweisbare Wasserzeichen des bedruckten Papierbogens[4] einen Ochsenkopf ohne Augen, aber mit Stange und Stern.[1]: S. 16–17 Um grundsätzlich zu klären, in welcher Beziehung die Aufdruckbogen zum gekennzeichneten Ries stehen, untersuchte Gerhard Piccard den Sammlungsbestand der Forschungsstelle Papiergeschichte und gelangte zu der Auffassung, dass „die Träger sämtlicher roten oder schwarzen Riesaufdrucke bis weit nach 1780, z.T. bis nach 1800, Papierbogen im gewöhnlichen Kanzleiformat sind und sich von dem mit der gleichen Marke gezeichneten Schreibpapiere in nichts unterscheiden.“[3]: S. 14 Zudem sah sich Piccard auch auf Grund der Leimung derselben zu dem zwingenden Schluss veranlasst, dass „sämtliche deutschen, österreichischen und schweizerischen, mit roten oder schwarzen Riesaufdrucken versehenen Papierbogen der (laufenden) Schreibpapierproduktion entnommen waren.“[3]: S. 15 Der Ausdruck „Riesdeckblatt“[5] wird von Piccard abgelehnt, da unter einem „Blatt stets die Hälfte eines Bogens“ zu verstehen ist, jedoch „alle bekannt gewordenen, mit Aufdrucken versehene Papiere ungeteilte, mit Büttenrand versehene Bogen“ sind.[3]: S. 15 In der Schweiz hat sich dennoch die Bezeichnung „Riesdeckblatt“ gehalten[6], zumal überliefert ist, dass der Berner Papiermühlenbesitzer Samuel Koch 1641 „1 Riss rot deckel zetrucken geben“.[7]:S. 80 Schlieder stellte klar, dass „über jedes Ries ein aufgefalteter Bogen gelegt“ wurde, „auf dem das Wasserzeichen abgebildet war“.[1]: S. 8

Mit dem Aufkommen von Rieskennzeichnungen in Kupferstichtechnik im 18. Jahrhundert und von Lithografien im 19. Jahrhundert wurden diese in entsprechenden Werkstätten gesondert hergestellt und den abgezählten Papierbündeln vor dem Verschnüren beigefügt. In den Niederlanden war es üblich, das Papier in entsprechend bedrucktes Packpapier einzuschlagen, weshalb dort von „Riesumschlägen“ die Rede ist.[1]: S. 11

In der modernen, industriell betriebenen Papierherstellung bzw. im Papiergroßhandel gibt es weiterhin das Ries als Papiermaß und das für die Verpackung verwendete Ries-Einschlagpapier.

Gestaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich erfolgte der Abdruck der Holzschnitte in schwarzer oder roter Farbe. In Basel wurde für die rote Druckfarbe bei den ältesten Riesaufdrucken rotes Bleioxid (Mennige), aber auch roter Ocker und später rotes Bleioxid und Zinnober verwendet.[8]: S. 236, note 26 Ein Beispiel für Rot-Schwarz-Druck findet sich vor 1674 bei dem Papiermacher Valentin Tischendorf in Greiz.[1]: S. 78–79 Im Lauf der Zeit machten die Initialen dem vollen Namen der Papiermacher Platz[7]: S. 83 und werden durch heraldische, religiöse und ornamentale Formen bereichert.[1]: S. 8–9. Auf bestimmten Papiermühlen werden die Holzschnitte auch mit Schablonen in mehreren Farben koloriert (z. B. braun, gelb, rot und grün).[7]:S. 87 Die Druckstöcke sind kostbar und werden über längere Zeit genutzt, zum Teil unter Änderung von Initialen oder Papiermachernamen.[1]: S. 11 Schlieder bezeichnete die Riesaufdrucke als „Zeugnisse der Gewerbegrafik“ und fasste deren Bildgehalt so zusammen: „Herrschafts- und Städtewappen, Tiere, Blumen und Bäume, Heilige und Handwerker, Gebäude und Werkzeuge.“[1]: S. 11 Papiermacher in den Vereinigten Staaten von Amerika versahen ihre Erzeugnisse gerne mit malerischen Ansichten ihrer Papiermühlen.[9]

Sammlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es sind nur wenige originalverpackte Riese bekannt, u. a. aus dem Basler Betrieb Marcus Heusler[10] und von der Firma Pannekoek (Veluwe) in der Koninklijke Bibliotheek in Den Haag. Die Überlieferung von Riesaufdrucken blieb überwiegend dem Zufall überlassen und verdankt sich einer sekundären Nutzung dieser eigentlich nicht mehr zu gebrauchenden Papierbogen z. B. als Akteneinschlag[11] oder Quittung für die bezahlte Papierrechnung.

Riesaufdrucke erregten seit dem 19. Jahrhundert das Interesse von Papierhistorikern und Wasserzeichensammlern. Im Lauf der Zeit gelangten private Kollektionen in die Bestände großer Kultureinrichtungen. Die von Alfred Schulte zusammengetragenen Riesaufdrucke sind in den Bestand der Forschungsstelle Papiergeschichte, die von 1938 bis 1973 in Mainz ansässig war, übergegangen und wurden dort von Gerhard Piccard ausgewertet, bevor das Deutsche Museum in München die Forschungsstelle übernahm. Von Karl Theodor Weiß gesammelte Riesaufdrucke gelangten mit dem von diesem begründeten Deutschen Papiermuseum in das Deutsche Buch- und Schriftmuseum, das 1981 auch die Privatsammlung von Karl Steinmüller übernahm.[12] Durch Anfragen bei Archiven und anderen Institutionen wurde zudem aktiv die Dokumentation von Riesaufdrucken durch den Erwerb von Nachdrucken und Fotokopien betrieben[7]:S. 80 und systematisch der Nachweis von Bildwiedergaben in der internationalen Fachliteratur in Form eines Zettelkatalogs geführt.

Die Koninklijke Bibliotheek in Den Haag verfügt über 81 Riesumschläge in der Collectie Laurentius (erworben 2015). Teilweise haben sich auch Druckstöcke und Druckplatten erhalten, die für die Anbringung verwendet wurden, so z. B. in Basel.[8]: S. 236, note 25

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alfred Schulte: Die Riesumschlagdrucke der Papiermacher. In: Alfred Schulte: Wir machen die Sachen, die nimmer vergehen. Zur Geschichte der Papiermacherei. Bearb. von Toni Schulte. Das Betriebliche Leben Industrie-Verlag, Wiesbaden 1955, S. 123–130. Erstpublikation in: Gutenberg-Jahrbuch 1936, S. 14–22.
  • Walter F. Tschudin: The oldest Basle ream-wrapper marks. In: Walter F. Tschudin: The ancient Paper-Mills of Basle and their marks. The Paper Publications Society, Hilversum 1958 (Monumenta chartae papyraceae historiam illustrantia. 7), S. 49–99; Notes S. 235–241.
  • Gerhard Piccard: Riesaufdrucke und Riesumschläge. Eine historische Untersuchung über die Verpackung des Papiers bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In: Papiergeschichte 18 (1968), Nr. 1/2, S. 1–26.
  • Henk Voorn: Old Ream Wrappers. An essay on early ream wrappers of antiquarian interest. Bird & Bull Press, North Hills, Pa. 1969.
  • Alfred Nadler: Kunst auf Riesdeckblättern verschiedener Papiermühlen in den Niederlanden aus der Zeit 1600-1820. In: IPH yearbook 1 (1980), S. 131–150.
  • Wolfgang Schlieder: Riesaufdrucke. Volkstümliche Grafik im alten Papiermachergewerbe., 1. Aufl. Fachbuchverlag, Leipzig 1988, ISBN 3-343-00401-4.
  • Robert Fuchs: Art. Riesaufdruck. In: Lexikon des gesamten Buchwesens, Bd. 6, 2003, S. 311.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Wolfgang Schlieder: Riesaufdrucke. Volkstümliche Grafik im alten Papiermachergewerbe. 1. Aufl. Fachbuchverlag, Leipzig 1988, ISBN 3-343-00401-4.
  2. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Nachlass Gerhard Piccard, J 40/12 Bü 58, Datierung von Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart[1]
  3. a b c d Gerhard Piccard: Riesaufdrucke und Riesumschläge. Eine historische Untersuchung über die Verpackung des Papiers bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In: Papiergeschichte 18 (1968), Nr. 1/2, S. 1–26.
  4. Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Nachlass Gerhard Piccard, J 40/12 Bü 43, Originalpausen von Wasserzeichen in Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart[2]
  5. Johann Lindt: Riesdeckblätter aus dem 17. und 18. Jahrhundert. In: Schweizerisches Gutenbergmuseum 45 (1959), Nr. 3, S. 128–139
  6. Hans B. Kälin: Wappen in Schweizer Wasserzeichen. Ein heraldischer Rundgang durch schweizerische Papiermühlen. Schweizer Papierhistoriker, Basel 1986, S. 5.
  7. a b c d Gertraude Spoer: Zur Problematik der Riesaufdrucke alter Papiermühlen. In: Jahrbuch der Deutschen Bücherei 11 (1975), S. 79–91.
  8. a b Walter F. Tschudin: The ancient Paper-Mills of Basle and their marks. The Paper Publications Society, Hilversum 1958 (Monumenta chartae papyraceae historiam illustrantia. 7).
  9. John Bidwell: American Paper Mills, 1690–1832. A directory of the paper trade with notes on products, watermarks, distribution methods, and manufacturing techniques. In association with the American Antiquarian Society, Worcester, Massachusetts. Dartmouth College Press, Hanover, NH 2013, S. xl.
  10. Peter F. Tschudin: Die Papierhistorische Sammlung im Schweizerischen Museum für Volkskunde in Basel. In: Librarium. Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft. 6 (1963), S. 79–84, 3 Taf. Abb. Online-Version [3]
  11. G. A. de Graaf; Edo G. Loeber: Riesaufdrucke als Sammelobjekte. In: IPH-Information 11 (1977), Nr. 2, S. 51–54.
  12. Wolfgang Schlieder: Der papierhistorische Nachlaß von Dr. Karl Steinmüller im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei Leipzig. In: Zellstoff & Papier 32 (1983), Nr. 4, S. 177–179.