Roofing

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Ein Rooftopper auf der Spitze des Frankfurter Kaiserdoms.
Ein Rooftopper auf der Spitze des Frankfurter Kaiserdoms.
Ein Roofer auf einem Hochhaus in Frankfurt am Main.
Ein Roofer auf einem Hochhaus in Frankfurt am Main.

Roofing [ˈru:fɪŋ] (englisch für ‚Dacheindeckung, Überdachung‘), auch Rooftopping [ˈru:fˈtɒpɪŋ] (englisch etwa für ‚auf der Dachspitze sein‘) wird eine Tätigkeit genannt, bei dem meist Jugendliche und junge Erwachsene ohne Sicherung auf hohe Bauwerke oder Gebäude klettern, um sich dort zu fotografieren oder zu filmen. Solche Jugendliche werden als Roofer [ˈru:fəʳ] oder Roofr [ˈru:fʳ] bezeichnet. Rooftopping stellt in vielen Ländern eine Straftat dar.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Roofing ist eine Form von Urban Exploration – dem Erkunden der städtischen Infrastruktur aus ungewöhnlichen Blickwinkeln. Das Roofing hat sich aus zwei Kletterarten abgespalten, vom Lattice Climbing und vom Buildering (Fassadenklettern), wobei es im Gegensatz zu den anderen Kletterarten nicht zwingend um das Klettern gehen muss. Auch wenn meistens geklettert wird, werden neben dem Erkunden und Fotografieren waghalsige Balanceakte durchgeführt. Besonders beliebt ist Roofing in Russland, wobei in den letzten Jahren dieses Hobby in London, Hong Kong und anderen Großstädten stark an Beliebtheit gewann.

Die beim Roofing erstellten Fotos und Videos werden häufig auf entsprechenden Internetplattformen wie Youtube, Vimeo oder Instagram hochgeladen und erhalten teilweise mehrere Millionen Abrufe.[1][2][3][4] Durch die größer werdende Aufmerksamkeit gehen einige Roofer immer höhere Risiken ein, um immer spektakulärere Aufnahmen zu produzieren. Weiterhin gilt Roofing für einige als Mutprobe. Es ist durch riskantes Roofing wiederholt zu tödlichen Unfällen gekommen.

Bekannte Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Roofing wird vor allem in großen Städten praktiziert, da hier besonders hohe Gebäude zu finden sind, von denen aus man eine weite Aussicht hat.

Ein alter Langwellensendemast[5] in der Stadt Elektrostal bei Moskau ist ein beliebtes Kletterobjekt der Rooferszene.[6] Ein dort geschossenes Bild wurde 2011 zu einer der besten Aufnahmen Russlands gewählt.[7] Es waren insgesamt 6 Türme, diese sind mittlerweile gesprengt worden und eingestürzt.[8][9]

Im Mai 2012 kletterten zwei russische Roofer auf einen mehr als 300 Meter hohen Pylon der Russki-Brücke, der größten Schrägseilbrücke der Welt bei Wladiwostok. Die Brücke befand sich zu dieser Zeit in der Bauphase. Beide Roofer nutzten einen Baukran, um den Pylon zu erklimmen.[10]

Am 12. Februar 2014 wurde ein Video auf die Videoplattform YouTube hochgeladen, das die beiden russischen Roofer Wadim Machorow und Witali Raskalow bei der Besteigung vom Kranausleger des Shanghai Towers zeigt.[11][12]

Das am 9. Mai 2014 auf YouTube veröffentlichte und in Belgrad gedrehte Musikvideo zum Lied Netzwerk (Falls like rain) des österreichischen Duos Klangkarussell zeigt den ukrainischen Roofer Mustang Wanted u. a. beim Besteigen des Genex-Turms.[13]

Internationale Bekanntheit erlangten außerdem der Russe Kirill Oreshkin[14] und der Brite James Kingston[15] durch das Roofing und ihre Videos auf Youtube.

Im April 2015 bestiegen zwei Roofer den 363 m hohen stillgelegten Antennenmast des Langwellensenders Donebach in Baden-Württemberg.[16][17]

Ein Rooftopper sitzt an der Kante des Swissmill-Towers in Zürich.
Ein Rooftopper sitzt an der Kante des Swissmill-Towers in Zürich.

Am 8. Juli 2019 bestieg der Brite George King-Thompson das höchste Gebäude in England The Shard mit 310 Metern Höhe. Er wurde deswegen zu sechs Monaten Haft verurteilt, wobei er nach drei Monaten wegen guter Führung entlassen wurde.[18]

Die Lattice-Kategorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lattice-Kategorie definiert die verschiedenen Formen vom Lattice Climbing und die dazu gehörigen Bauwerke sowie die Bezeichnungen verschiedener Kletterarten beim Gittersteigen.

Lattice Climbing[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lattice Climbing (deutsch: ‚Gittersteigen‘, Klettern in der sogenannten Lattice-Kategorie) ist eine Kletterart, die sich in Deutschland, Frankreich, England und Schottland bis in die Zeit der Industriellen Revolution zurück verfolgen lässt und beschreibt das Klettern auf Fachwerktürme wie Sendemasten, Freileitungsmasten, Gittermasttürme und bestimmte Brückenkonstruktionen. Es kann sowohl mit einer Sicherung (klassisches Gittersteigen) als auch ungesichert durchgeführt werden (Extremgittersteigen). Arbeiter, welche die ersten größeren Stahl- und Eisenbauten errichteten, stiegen ungesichert auf die Bauten, um zu arbeiten, und gelten als die ersten Lattice Climber. Aber schon damals gab es Hobby-Gittersteiger, die in ihrer Freizeit auf Konstruktionen kletterten; in Deutschland gab es die ersten Hobby-Gittersteiger schon im Jahr 1879. Im Zeitraum von 1889 bis in die 1930er Jahre gab es die meisten Gittersteiger in Europa u. a. am Eiffelturm, so hat der Fotograf Erick Blumenfeld Models beim Klettern und Posen auf dem Turm fotografiert.

Das Markante an dieser Kletterart ist, dass sich diese seit dem Bau der 110-kV-Leitung Lauchhammer Riesa mit dem Klettern auf Hochspannungsmasten beschäftigt. Von 1912 bis in die 1930er Jahre wurden in Deutschland einige Leitungen, aber auch große Kreuzungsmasten, errichtet, auf die schon damals neben den Erbauern auch einige wenige Extremgittersteiger stiegen. Im Jahr 1930 stieg ein Fotograf auf den nördlichen 138 Meter hohen Strommast der Freileitungskreuzung von Voerde und machte ein Bild, welches den kleinen Ort Götterswickerhamm zeigt.

Es existiert sogar ein spezielles Totenkopf-Logo mit gekreuzten Blitzen und der Aufschrift „Lattice Climbing Extremgittersteigen“, welches sowohl als Markenzeichen der gefährlichen Kletterart dient als auch eine Warnung darstellt.

Old Lattice Climbing Time (OLCT) und New Lattice Climbing Wave (NLCW)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die OLCT beschreibt den Zeitraum von 2004 bis 2010, in dem die ersten nennenswerten Gittersteiger-Videos im Internet auftauchten, sowohl aus Deutschland als auch aus anderen Teilen der Welt.

Die sogenannte New Wave bezeichnet die Zeit von 2011 bis 2016. In dieser Zeit wurden die meisten Gittersteiger-Videos in den sozialen Netzwerken veröffentlicht. Obwohl das Gittersteigen schon sehr lange in Deutschland existiert und die älteste Form des urbanen Kletterns ist, ging die NLCW neben dem Roofing-Trend von Russland aus, da die Videos und Bilder der russischen Kletterer schnell im Fernsehen und in der Zeitung bekannt wurden.

In Deutschland stiegen im gleichen Zeitraum verschiedene Kletterer auf inaktive Sendemasten, u. a. in Donebach, in Zehlendorf, Aholming, Frohnau, Mühlacker, Heusweiler und Horgenzell sowie auf weitere Masten.

Vergangenheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben dem Zeitraum zwischen 1879 und 1940 gab es auch in den 1960er und 1970er Jahren einige spektakuläre Aktionen von Kletterern. So stiegen zum 75. Geburtstag des Eiffelturms zwei Kletterer offiziell genehmigt den Eiffelturm empor. Dies war eine der ersten Lattice-Climbing-Touren, die weltweit für Schlagzeilen sorgte.

In den 1980er Jahren stieg der amerikanische Extremsportler Skip Stanley, der auch als Blue Bandit bekannt war, auf einen 580 Meter hohen Ivy Ices-Mast und sorgte mit dieser Aktion für Schlagzeilen im ganzen Land.

In den 1920er und 1930er Jahren gab es in Deutschland einige wenige Kletterer, die auf die großen Strommasten stiegen, welche damals am Rhein bei Voerde und Rheinhausen erbaut wurden.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch heute, nach der NLCW (bis 2016), gibt es neben den Roofern viele Lattice Climber, auch in Deutschland sind einige Kletterer bekannt.

Im Sommer 2019 stieg mindestens ein Kletterer illegal auf den Eiffelturm. Die untere Plattform wurde geräumt und es mussten mehr als 2000 Menschen evakuiert werden. Die Aktion sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Wildes Klettern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das unerlaubte Klettern in der Lattice-Kategorie wird als Wildes Gittersteigen bezeichnet, ob am Kran, am Mast oder an der Brücke. Hierbei spielt es keine Rolle, ob der Kletterer gesichert ist oder nicht.

Legales Gittersteigen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einigen Ländern, wie der Schweiz, Italien oder Australien, gibt es Anbieter, die Touristen zum gesicherten Klettern auf Brücken oder Masten nehmen, etwa auf Sizilien bei Torre Faro oder in Sydney an der Harbour Bridge.

In Deutschland hingegen kann nur mit einer Sondergenehmigung und unter bestimmten Voraussetzungen geklettert werden. So geschah es im Jahr 2015 für die ProSieben-Serie Mein bester Feind: Ein als King Kong verkleideter Teilnehmer stieg den Berliner Funkturm gesichert, aber von außen, hinauf.

Todesfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wahrscheinlichkeit, einen Sturz beim Rooftoppen zu überleben, ist sogar noch geringer als beim Bergsport: Während es Fälle von abgestürzten Bergsteigern gab, die sich in Wänden verfangen hatten und schwer verletzt gerettet werden konnten, stürzt ein Rooftopper fast immer ungebremst auf den Boden.

Genaue Angaben zur Zahl der zu Tode gekommenen Rooftopper gibt es nicht. Es ist jedoch bekannt, dass in den letzten 140 Jahren mindestens 500 Hobby-Gittersteiger beim Steigen umkamen. Arbeiter, die früher ungesichert kletterten, sind hierin nicht erfasst.

In der Londoner Rooftopping-Szene kam 2019 ein auf Instagram bekannterer Roofer in der Nähe der Waterloo-Station um, als er ein Baugerüst hochkletterte.[19]

Der chinesische Rooftopper Wu Yongning starb, als er sich in Changsha von einem 62-stöckigen Hochhaus runterhängen ließ und dabei abrutschte.[20]

Strafbarkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rooftopping stellt in vielen Ländern eine Straftat dar, da die Rooftopper sich unerlaubt Zutritt verschaffen. Rooftopper wenden zum Überwinden der Zugangssicherung öfters Techniken wie Lockpicking an, was je nach Land eine weitere Straftat darstellen kann.

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland erfüllt das Roofing bzw. Gittersteigen in der Regel den Tatbestand diverser Vergehen, z. B. Hausfriedensbruch oder Sachbeschädigung. Das Strafmaß kann von einer Geldstrafe bis hin zu zwei Jahren Haft reichen.[21]

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz erfüllt das Roofing normalerweise auch den Tatbestand des Hausfriedensbruchs, wobei es erst als Einbruch zählt, wenn etwas gestohlen wird. Das Strafmaß kann von Geldstrafe bis hin zu drei Jahren Haft reichen.[22]

Russland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Russland ist Roofing dagegen per se nicht strafbar. So gilt das Klettern auf Hausdächer im Allgemeinen nicht als Hausfriedensbruch.[6]

England[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In England stellt Hausfriedensbruch keine Straftat dar, da aber insbesondere in London Rooftopping sehr beliebt wurde, beantragten viele Gebäudebesitzer eine sogenannte Injunction, welche dazu führt, dass Rooftopper mit Geldstrafen oder Haft bestraft werden können. Es ist nur ein Fall bekannt, in dem ein Gericht einen Rooftopper wegen einer Injunction verurteilte, nämlich den Engländer, der auf das höchste Gebäude Englands, The Shard, kletterte. Er wurde zu sechs Monaten Haft verurteilt.[23]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dannys Mutprobe (1998) | In diesem Film klettert der kleine Danny auf einen 100 Meter hohen Sendemast.[24]
  • Roof Culture Asia (2017) | Ein Film von der Parkour-Crew Storror, welche ihre Kletteraktionen in Asien zeigt.[25]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Rooftopping – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anna Skladmann, Benjamin Bidder: Extremkletterer Marat Dupri: Junger Roofer auf Moskaus Dächern. In: Spiegel Online. 24. April 2012, abgerufen am 6. Juni 2015.
  2. n-tv: Leichtsinn auf Moskaus Dächern: Roofer suchen den Höhenrausch. (Video 1m51s) In: n-tv. 8. Mai 2012, abgerufen am 6. Juni 2015.
  3. The Telegraph: Extreme urban climbing in Russia. (Fotostrecke) In: The Telegraph. Abgerufen am 6. Juni 2015 (englisch).
  4. France 24: Ain’t no building high enough for Russia’s „roofers“. In: observers.france24.com. The FRANCE 24 Observers, 12. Oktober 2011, abgerufen am 6. Juni 2015 (englisch).
  5. vgl. http://ratzer.at/archive/2012/msg10080.html. Die Mittelwellenmasten stehen an einer anderen Stelle.
  6. a b Redaktion: Russisch Roulette – Moskaus Jugend zwischen Leben und Tod. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Doku-Stream.Org. 13. Oktober 2012, archiviert vom Original am 1. Januar 2016; abgerufen am 6. Juni 2015.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.doku-stream.org
  7. SPON: Roofer in Moskau: Wie junge Russen Hochhäuser erklimmen. (Fotostrecke) In: SchulSPIEGEL. Spiegel Online, 24. April 2012, abgerufen am 6. Juni 2015.
  8. Василий Заика: Видео: В подмосковной Электростали взорвали знаменитые радиомачты. Abgerufen am 10. April 2020 (russisch).
  9. 9. Abgerufen am 10. April 2020.
  10. Freiklettern in 300 Metern Höhe: Brückentag extrem. In: Spiegel Online Video. Abgerufen am 10. Juni 2018.
  11. On The Roofs: Shanghai Tower (650 meters). (Video 5m19s) In: YouTube. on the roofs, 12. Februar 2014, abgerufen am 6. Juni 2015 (englisch).
  12. Dom-Kletterer auf Shanghai-Tower. In: Kölner Stadtanzeiger. 14. Februar 2014, abgerufen am 9. Januar 2016.
  13. https://www.youtube.com/watch?v=f2FjPxY8siA
  14. http://www.independent.co.uk/news/world/europe/daredevil-or-reckless-russias-spiderman-kirill-oreshkin-takes-extreme-selfies-from-moscows-tallest-buildings-9214540.html
  15. http://www.n-tv.de/leute/film/Nervenkitzel-bei-Outdoor-Filmtour-article15580821.html
  16. GRAVE YARD KIDZ: Climbing a 363m Radio Tower in Donebach-Germany. In: YouTube.com. 20. April 2015, abgerufen am 23. Juli 2015.
  17. Siehe auch: Roofer besteigen Sendemast Donebach. In: NOKZEIT, 22. Mai 2015, im Internet: http://www.nokzeit.de/2015/05/22/unbekannte-besteigen-sendemast-donebach/
  18. Amy Walker: Shard freeclimber jailed for 24 weeks for breaching injunction. In: The Guardian. 21. Oktober 2019, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 29. Februar 2020]).
  19. Man who fell from scaffolding 'may have climbed to enjoy London views'. 13. September 2019, abgerufen am 4. März 2020 (englisch).
  20. Famed Chinese ‘rooftopper’ falls to his death from 62-storey building in stunt gone wrong. Abgerufen am 4. März 2020 (englisch).
  21. Jenny Gödecker: Roofer: Klettern für den Kick. In: wuerzburgerleben.de. Würzburg erleben, 3. Februar 2014, abgerufen am 6. Juni 2015.
  22. SR 311.0 Schweizerisches Strafgesetzbuch vom 21. Dezember 1937. Abgerufen am 29. Februar 2020.
  23. Amy Walker: Shard freeclimber jailed for 24 weeks for breaching injunction. In: The Guardian. 21. Oktober 2019, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 4. März 2020]).
  24. Dannys Mutprobe | Film 1998. Abgerufen am 4. März 2020.
  25. Roof Culture Asia. Abgerufen am 4. März 2020.