STAP-Zelle

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STAP-Zellen (englisch stimulus-triggered acquisition of pluripotency, dt. "durch Stimulus angestoßener Erwerb von Pluripotenz") waren angeblich durch einfache äußere Reize induzierte pluripotente Stammzellen (iPS). Im Januar 2014 erschienen in Nature zwei experimentelle Arbeiten,[1][2] in denen Hauptautorin Haruko Obokata vom RIKEN-Zentrum für Entwicklungsbiologie und Senior-Autor Charles Vacanti behaupteten, eine solche Umwandlung von somatischen Zellen in Stammzellen durch einfache äußere Reize bewirkt zu haben. Die Ergebnisse waren Artefakte. Die Arbeiten wurden daher im Juli 2014 zurückgezogen.[3] Eine forensische Untersuchung,[4] im September 2015 zusammen mit dem Bericht über weitere erfolglose Replikationsversuche[5] in Nature veröffentlicht, ergab, dass mehrere “Kontaminationsereignisse” des vorgeblichen Zellmaterials mit gewöhnlichen embryonalen Stammzellen zu den Ergebnissen geführt haben, was schwer als bloßes Versehen zu erklären sei,[6] siehe Betrug und Fälschung in der Wissenschaft.

Angaben der Forscher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die STAP-Zellen seien durch kurzfristiges Absenken des pH-Werts im Kulturmedium mit Salzsäure (durch Verdünnung auf das pH-Niveau von Zitronensäure),[1] durch Zugabe eines schwachen bakteriellen Toxins oder durch sanftes Drücken erzeugt worden.[7][8] Dabei überlebten etwa 25 % der Zellen die Behandlung, von denen etwa 30 % zu Oct-4-positiven STAP-Zellen konvertiert seien. Die Absenkung des pH-Werts führe unter anderem zu einem Stress für die Zellen, welcher teilweise für die Veränderung der Zellen verantwortlich sei. Die Methode zur Erzeugung der STAP-Zellen sei von Obokata am Brigham and Women’s Hospital (BWH) in der Arbeitsgruppe von Charles Vacanti entwickelt und anschließend am RIKEN-Zentrum für Entwicklungsbiologie optimiert worden. 2008 testete Obokata Methoden zur Reprogrammierung durch Zellstress an der Harvard Medical School für Vacanti, unter anderem durch das Pressen der Zellen durch Mikrokapillaren.[7] Die ersten Ansätze einer Dedifferenzierung von Zelltypen zu STAP-Zellen seien mit Leukozyten erzielt worden, anschließend wurden Nerven-, Haut- und Muskelzellen untersucht.[9] Im Februar 2014 erklärte Vacanti, die Methode funktioniere auch mit menschlichen Zellen.[10]

Untersuchung der Forschungsergebnisse, Konsequenzen und Folgen der Affäre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da die Technik eine bedeutende Vereinfachung zur Erzeugung induzierter pluripotenter Stammzellen darstellen könnte, wurde von verschiedenen Arbeitsgruppen versucht, die Ergebnisse zu reproduzieren. Nachdem verschiedene Gruppen die Ergebnisse nicht nachstellen konnten, wurden Zweifel an der Richtigkeit der Publikation geäußert. Obokatas Arbeitgeber RIKEN leitete am 15. Februar 2014 eine Untersuchung ein.[11] Nature kündigte ebenfalls eine Untersuchung an. Einige Stammzellforscher verteidigten Obokata oder behielten sich ein Urteil vor, solange die Untersuchungen liefen.[12] Um das Problem der Reproduzierbarkeit anzugehen, veröffentlichte Obokata am 5. März einige technische Ratschläge zu den verwendeten Verfahrensprotokollen.[13] Am 11. März 2014 bat Teruhiko Wakayama seine Coautoren darum, die Veröffentlichung zurückzuziehen.[14] Vacanti widersprach der Aufforderung und veröffentlichte Details der Methode auf seiner Website.[15]

Die RIKEN-Untersuchung sollte sechs Kritikpunkte abklären.[16] Darunter waren ein vermutlich bearbeitetes Bild der genetischen Änderungen, ein aus ihren Veröffentlichungen kopierter methodischer Textabschnitt, eine unvollständige Methodenbeschreibung und ein aus ihrer Dissertation in anderem Zusammenhang wiederverwendetes Bild.[17] Vier der Kritikpunkte wurden fallengelassen. Es wurde eine Wiederverwendung eines Photos in einem anderen Zusammenhang aus ihrer drei Jahre zurückliegenden Dissertation und eine mangelhafte Datierung ihrer Laboraufzeichnungen festgestellt.[18] Das RIKEN wies die Ungereimtheiten am 1. April Haruko Obokata zu.[19] Obokata erwiderte auf den Bericht, dass sie „erstaunt und verärgert“ über den Bericht sei und wies darauf hin, dass die Ungereimtheiten nicht vorsätzlich entstanden seien.[11] RIKEN leitete auch eine interne Untersuchung zur Reproduzierbarkeit der Erzeugung von STAP-Zellen ein.[20] Die beiden Veröffentlichungen wurden am 2. Juli 2014 von der Zeitschrift Nature zurückgezogen. Obokata willigte in die Rücknahme der beiden Veröffentlichungen ein.[21][22][23] Im November 2015 wurde Obokata dann auch noch der Doktortitel aberkannt.[24]

Ein Nature-Artikel, der die Kontroverse analysierte, kam zu dem Schluss, dass die Gutachter der Manuskripte vor deren Annahme die Probleme nicht eindeutig hätten feststellen können.[25] Im Zuge der Kontroverse haben Beobachter, Journalisten und ehemalige Mitglieder des RIKEN erklärt, dass die Organisation mit unprofessioneller und unzureichend wissenschaftlicher Strenge und Konsequenz durchsetzt sei, und dass dies ernsthafte Probleme mit der wissenschaftlichen Forschung in Japan im Allgemeinen reflektiere.[26][27] Am 4. August 2014 beging Yoshiki Sasai, der Koautor der umstrittenen Veröffentlichung und Vorgesetzter von Obokata war, im Zusammenhang mit der STAP-Affäre Selbstmord. Ihm war vom RIKEN eine Hauptschuld an dem Skandal zugewiesen worden, weil er seiner Überprüfungspflicht als Gutachter und Mitautor nicht ausreichend nachgekommen sei.[28][29]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kim Baumann: Stem cells: Reprogramming with low pH. In: Nature Reviews Molecular Cell Biology. 15, Nr. 3, 2014, ISSN 1471-0072, S. 149–149. doi:10.1038/nrm3754.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b H. Obokata, T. Wakayama, Y. Sasai, K. Kojima, M. P. Vacanti, H. Niwa, M. Yamato, C. A. Vacanti: Stimulus-triggered fate conversion of somatic cells into pluripotency. In: Nature. Band 505, Nummer 7485, Januar 2014, S. 641–647, ISSN 1476-4687. doi:10.1038/nature12968. PMID 24476887.
  2. H. Obokata, Y. Sasai, H. Niwa, M. Kadota, M. Andrabi, N. Takata, M. Tokoro, Y. Terashita, S. Yonemura, C. A. Vacanti, T. Wakayama: Bidirectional developmental potential in reprogrammed cells with acquired pluripotency. In: Nature. Band 505, Nummer 7485, Januar 2014, S. 676–680, ISSN 1476-4687. doi:10.1038/nature12969. PMID 24476891.
  3. David Cyranoski (Nature): Papers on ‘stress-induced’ stem cells are retracted – High-profile reports claiming an easy way to create pluripotent cells were flawed, Nature announces. Nature breaking news, 2. Juli 2014.
  4. Daijiro Konno et al.: STAP cells are derived from ES cells. Nature 525, 2015, E4–E5, doi:10.1038/nature15366.
  5. Alejandro De Los Angeles et al.: Failure to replicate the STAP cell phenomenon. Nature 525, 2015, E6–E9, doi:10.1038/nature15513.
  6. David Cyranoski: Failed replications put STAP stem-cell claims to rest. Nature News, 23. September 2015.
  7. a b David Cyranoski: Acid bath offers easy path to stem cells. In: Nature News, Nature Publishing Group, 29. Januar 2014. Abgerufen am 30. Januar 2014. 
  8. James Gallagher: Stem cell 'major discovery' claimed. In: BBC News, 29. Januar 2014. Abgerufen am 31. Januar 2014. 
  9. Ian Sample: Simple way to make stem cells in half an hour hailed as major discovery. In: The Guardian, 29. Januar 2014. Abgerufen am 31. Januar 2014. 
  10. Steve Connor: Exclusive: The miracle cure - scientists turn human skin into stem cells. independent.co.uk. 9. Februar 2014. Abgerufen am 9. Februar 2014.
  11. a b RIKEN panel puts all the blame on Obokata (Memento des Originals vom 4. April 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/the-japan-news.com. In: Japan News. Abgerufen am 4. April 2014.
  12. David Cyranoski: Acid-bath stem-cell study under investigation. In: Nature. 2014, doi:10.1038/nature.2014.14738.
  13. Haruko Obokata, Yoshiki Sasai and Hitoshi Niwa (March 2014). Essential technical tips for STAP cell conversion culture from somatic cells. Nature Protocols Discussion Forum.
  14. Prof. wants STAP findings withdrawn. In: The Yomiuri Shimbun, 11. März 2014. Archiviert vom Original am 17. März 2014  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.the-japan-news.com. Abgerufen am 17. März 2014. 
  15. Charles A Vacanti (2014)PROTOCOL FOR GENERATING STAP CELLS FROM MATURE SOMATIC CELLS (Memento des Originals vom 29. Juni 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/research.bwhanesthesia.org. Center for Tissue Engineering & Regenerative Medicine. PDF (Memento des Originals vom 22. März 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/research.bwhanesthesia.org.
  16. Review of Obokata stress reprogramming Nature papers. Knoepfler Lab Stem Cell Blog.
  17. T. Bond: STAP cells: stress-induced stem cells? In: Regenerative medicine. Band 9, Nummer 2, März 2014, S. 133–134, ISSN 1746-076X. doi:10.2217/rme.14.12. PMID 24750053.
  18. Haruko Obokata, Who Claimed Stem Cell Breakthrough, Found Guilty of Scientific Misconduct. In: Newsweek. Abgerufen am 4. April 2014.
  19. Masaaki Kameda, Tomoko Otake: Obokata falsified data in STAP papers: probe. In: The Japan Times, 1. April 2014. Abgerufen am 2. April 2014. 
  20. Press Release: Report on STAP Cell Research Paper Investigation. RIKEN. 1. April 2014. Abgerufen am 2. Juni 2014.
  21. Elaine Lies: Japan researcher agrees to withdraw disputed stem cell paper. In: Reuters, 4. Juni 2014. 
  22. H. Obokata, T. Wakayama, Y. Sasai, K. Kojima, M. P. Vacanti, H. Niwa, M. Yamato, C. A. Vacanti: Retraction: Stimulus-triggered fate conversion of somatic cells into pluripotency. In: Nature. Band 511, Nummer 7507, Juli 2014, S. 112, ISSN 1476-4687. doi:10.1038/nature13598. PMID 24990753.
  23. H. Obokata, Y. Sasai, H. Niwa, M. Kadota, M. Andrabi, N. Takata, M. Tokoro, Y. Terashita, S. Yonemura, C. A. Vacanti, T. Wakayama: Retraction: Bidirectional developmental potential in reprogrammed cells with acquired pluripotency. In: Nature. Band 511, Nummer 7507, Juli 2014, S. 112, ISSN 1476-4687. doi:10.1038/nature13599. PMID 24990752.
  24. Nicoletta Charolidi: Stem-cell scientist loses doctorate over STAP controversy. In: BioNews . Abgerufen am 6. Dezember 2015.
  25. David Cyranoski: Research integrity: Cell-induced stress. In: Nature . Abgerufen am 5. August 2014.
  26. Otake, Tomoko: ‘STAPgate’ shows Japan must get back to basics in science. In: Japan Times, 21. April 2014
  27. Schreiber, Mark, Ongoing Obokata story seeks out scandal. In: Japan Times, 5 July 2014, p. 19
  28. Staff Report: STAP paper co-author Sasai commits suicide. In: Japan Times, 5. August 2014.
  29. DIE WELT: Stammzellforscher begeht Suizid nach Forschungsskandal, 6. August 2014, abgerufen am 6. Dezember 2015.