Sagen von Unirdischen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Sagen von Unirdischen ist eine Erzählung von Anna Seghers aus dem Jahr 1970, die 1972 in der Sammlung Sonderbare Begegnungen erschien.[1]

Ebenso wie in der Reisebegegnung wird in dem Text nichts Geringeres als das Wesen der Kunst beleuchtet.[2]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

I

Deutschland im 16. Jahrhundert, Bauernkrieg[3]: Dreiundzwanzig Außerirdische sind gelandet. Marie, die Tochter des Bildschnitzers, kommt vorbei und vermutet, sie begegne Michael. Der Sternengast nimmt den genannten Namen an und zeigt dem Mädchen am Himmel seinen Stern. Marie führt Michael in die Werkstatt ihres Vaters, des Meisters Matthias. Man kommt ins Gespräch. Michael bewundert die Kunst des Meisters; seine fertigen und halbfertigen Bildwerke. Aber es ist Krieg. Wieder Krieg, wie vor tausend Erdjahren schon, als die letzte Abordnung vom andern Stern zur Erde gefunden hatte, wundert sich Michael.

Die anderen zweiundzwanzig fordern Michael der Morde und des vergossenen Blutes wegen zur Heimreise auf. Michael bleibt wegen Marie und der Altarschnitzerei; also der Kunst wegen, die die Erdenmenschen haben; die Kunst, eine Kraft, die auf dem Heimatstern keiner hat. Zuhause gibt es nur Nichtkünstler.

Die Außerirdischen bringen Matthias und Marie während des wütenden Angriffskrieges aus der Gefahrenzone auf eine Luftinsel.

Das Kriegsopfer Marie stirbt, ist aber nicht ganz tot, sondern fliegt, wie eben Engel fliegen, durch das Weltall, diesen „einzigen Wirbel goldner Luft“[4]. Matthias lässt sich mit seiner Tochter bestatten.

II

Da bricht der nächste Trupp zum Erdstern auf. Dort tobt der Dreißigjährige Krieg.[5] Einer der Reisenden will erforschen, was Kunst ist. Als er glücklich gelandet ist und ihn Katrin nach seinem Namen fragt, erwidert er „Melchior“, weil er diesen Namen gerade gehört hat. Melchior wird als Hexenmeister beschimpft, weil er einen Fotoapparat mitgebracht hat. Katrin gilt als Hexe, weil sie bei Melchior bleibt. Immer noch ist Krieg. Wieder rückt ein Heer an. Erneut rettet ein Flugapparat der Frau des Außerirdischen das Leben. Melchior begreift die Verwüstung nicht. Katrin hat die Erklärung. Katholik und Evangelischer können sich nie im Leben vertragen. Das Paar heiratet. Der handwerklich begabte Melchior avanciert zum gut besuchten Müller, aber er bekommt Heimweh nach seinem Stern und stirbt, weil ihm keiner auf seine Nachricht antwortet. Katrin schlägt sich durchs Leben. Die Tochter heiratet einen Bauern. Das Paar bekommt zwei Töchter und drei Söhne.

III

Einmal kramt einer der Nachfahren auf dem Speicher in den seltsamen Erbstücken und hält endlich das Funkgerät ans Ohr, mit dem Melchior zu Lebzeiten seinen Stern kontaktieren wollte. Da hört der junge Erbe ein paar Töne. Dann ist Ruhe. Anna Seghers schließt im Märchenton: „Wenn das Ding nicht längst zerbrochen ist, wird es sich vielleicht noch einmal hörbar machen, bei dem, an den es inzwischen geraten ist.“[6]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Raumfahrer vom fernen Stern können die Menschen, insbesondere die an den Erdbewohnern beobachtete Koexistenz von Kunst- und Zerstörungswillen, partout nicht begreifen.[7]
  • DDR-Autoren – zum Beispiel Fühmann, Sarah Kirsch, Irmtraud Morgner und Christa Wolf – hätten sich die in den „Sonderbaren Begegnungen“ artikulierte Kunstauffassung der Seghers zu Herzen genommen. So ist zum Beispiel Seghers' Hexe Katrin als Vorbild für Morgners Hexen denkbar.[8] Und in dem Text Sagen von Unirdischen sehne sich die Autorin nach der Verquickung von Ratio und Ars.[9]
  • Historisches wird mit so etwas wie Science fiction durchaus reizvoll verknüpft. Bei Matthias denkt Schrade an Matthias Grünewald.[10] In diesem gewichtigen kleinen Spätwerk begegne dem Leser nicht mehr die Klassenkämpferin Seghers[11], sondern die Künstlerin mit der Botschaft: „Große Kunst kommt aus einer tiefen Gläubigkeit.“[12]
  • Der irdische Bildhauer Matthias gibt dem außerirdischen Intellektuellen eine Vorstellung von Kunst.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinz Neugebauer: Anna Seghers. Leben und Werk. Mit Abbildungen (Wissenschaftliche Mitarbeit: Irmgard Neugebauer, Redaktionsschluss 20. September 1977). 238 Seiten. Reihe „Schriftsteller der Gegenwart“ (Hrsg. Kurt Böttcher). Volk und Wissen, Berlin 1980, ohne ISBN
  • Ute Brandes: Anna Seghers. Colloquium Verlag, Berlin 1992. Bd. 117 der Reihe „Köpfe des 20. Jahrhunderts“, ISBN 3-7678-0803-X.
  • Andreas Schrade: Anna Seghers. Metzler, Stuttgart 1993 (Sammlung Metzler Bd. 275 (Autoren und Autorinnen)), ISBN 3-476-10275-0.
  • Sonja Hilzinger: Anna Seghers. Mit 12 Abbildungen. Reihe Literaturstudium. Reclam, Stuttgart 2000, RUB 17623, ISBN 3-15-017623-9.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verwendete Ausgabe, S. 5
  2. Schrade, S. 145, 15. Z.v.o.
  3. Brandes, S. 85, 11. Z.v.u. und auch Schrade, S. 146 oben
  4. Verwendete Ausgabe, S. 26, 16. Z.v.o.
  5. Brandes, S. 85, 11. Z.v.u.
  6. Verwendete Ausgabe, S. 26, 16. Z.v.o.
  7. Neugebauer, S. 199, 15. Z.v.u. bis S. 202, 10. Z.v.o.
  8. Hilzinger, S. 159, 14. Z.v.u.
  9. Brandes, S. 85–86
  10. Schrade, S. 145
  11. Schrade, S. 146, 5. Z.v.u.
  12. Schrade, S. 146, 20. Z.v.o.
  13. Hilzinger, S. 159, 5. Z.v.o.