Scheunenhofviertel

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Plan von Neudorf und den Scheunenhöfen 1813

Das Scheunenhofviertel ist ein Quartier im Stadtteil Leipziger Vorstadt in Dresden.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lage des Scheunenhofviertels und des Inneren Neustädter Friedhofs in Relation zum Leipziger und zum Schlesischen Bahnhof 1852

Das Scheunenhofviertel ist begrenzt von den Bahnanlagen der stark bogenförmig von Süden nach Norden verlaufenden und vom Bahnhof Dresden-Neustadt ausgehenden Leipzig-Dresdner Eisenbahn und der Hansastraße im Westen. Markante Straßen und Plätze begrenzen das Viertel im Osten mit Bischofsplatz und Dammweg sowie im Norden mit der Gutschmidstraße. Es enthält den Inneren Neustädter Friedhof und das sogenannte Drewag-Gelände. Im nördlichen Teil der Rudolfstraße befindet sich der topografisch tiefste Punkt der Neustadt, die sogenannte Telle (Senke), und ist als Teil eines ehemaligen alten Elbarms als grundwasserüberschwemmungsgefährdeter Bereich ausgewiesen.[1][2] Im Nordosten des Scheunenhofviertels existiert ein Kleingartengebiet mit Zugang von der Rudolfstr. 27 a.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Scheunenhofviertel entstand nach dem großen Brand von Altendresden 1685 im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts. Das Viertel befand sich während dieser Zeit jenseits der Dresdner (damals Altendresdner) Stadtmauern. Die leicht brennbaren Scheunen wurden aus Gründen des Brandschutzes aus dem Stadtgebiet etwa 1 km vor die Stadttore an die Radeburger Landstraße verlagert. Von diesen ersten Gebäuden des Viertels ist nichts mehr erhalten. Sie gruppierten sich um die spätere Rudolfstraße herum.[4] Im Jahr 1732 wurde der Innere Neustädter Friedhof im Rahmen des etwa 70 Jahre dauernden Wiederaufbaus der abgebrannten Stadt aus der Inneren Neustadt ausgelagert. Er musste genauso wie die Stadtkirche der Verbreiterung der Hauptstraße weichen, die zu einer Prachtstraße der Neuen Königsstadt (kurz Neustadt) ausgebaut wurde. Teilweise wurden ältere Grabstätten an den neuen Ort verbracht. Der Friedhof wird bis heute genutzt und enthält bedeutende Grabmale sowie Architekturdenkmale.[5][2][6][7]

„... Als Altendresden im August 1685 durch Brand fast gänzlich zerstört worden war, erhielten die in der Stadt wohnenden Feldbesitzer zum Wiederaufbau ihrer Scheunen einen weit außerhalb des Walles an der Großenhainer Straße gelegenen Platz angewiesen. Neben den Scheunen errichtete man bald auch Wohn- und Wirtschaftsgebäude, und so entstanden die Scheunenhöfe, die 1698 katastriert (in das Kataster eingetragen) wurden. 1874 finden sie sich im Adreßbuch zum letztenmal aufgeführt. Seitdem haben sie, bis auf wenige Häuser, neuentstandenen Straßen weichen müssen.“

Hantzsch: Namenbuch der Straßen und Plätze Dresdens: 1905, S. 126[8]

Dazu kam im 19. Jahrhundert das Städtische Gaswerk Dresden-Neustadt, das von 1865 bis 1923 betrieben wurde. Bis 2007 wurde es vom städtischen Energieversorger Drewag als Leitwarte Gas genutzt.[9]

mutmaßlich ältestes Wohngebäude im Scheunenhofviertel Rudolfstraße 9

Die Architektur ist heute hauptsächlich von Wohnbauten aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts geprägt. Vereinzelt finden sich Gebäude mit Jugendstilelementen (z. B. auf der Rudolfstraße). Geplant wurde diese Bebauung um 1870. Neu entstand in diesem Zeitraum die Bebauung um die Helgolandstraße, Conradstraße, Gutschmidstraße und Fritz-Reuter-Straße, zwischen Fritz-Hoffman-Straße und Lößnitzstraße, an der Westseite der Friedensstraße sowie vereinzelt auf der Rudolfstraße. Der Zwickel zwischen der Fritz-Reuter-Straße und der Conradstraße nördlich des Inneren Neustädter Friedhofs wurde als Bischofsplatz angelegt. Die alten Scheunen wurden in dieser Zeit nach und nach abgerissen und durch mehrstöckige Wohngebäude ersetzt. Auffällig an neueren Bebauung speziell der Rudolfstraße ist, dass das Erdgeschossniveau sehr weit oben etwa auf Höhe des ersten Stocks liegt, und dass die Kellerräume ebenerdig sind. Auch die in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts hinzugekommenen Gebäude des genossenschaftlichen sozialen Wohnungsbaus weisen diese Struktur auf. Die Gründe dafür sind nicht mehr aus den Bauakten nachvollziehbar, die Anlage der Haustüren mit darüberliegendem Fenster lassen aber darauf schließen, dass das Verfüllen der Telle, des topografisch tiefsten Punktes der Neustadt, und die Höherlegung des Straßenniveaus geplant war.[10][2]

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An kulturellen Orten entstanden 1991 im Scheunenhofviertel das Kino Casablanca auf der Friedensstraße[11] und nach einer Hausbesetzung das Conni 18 auf der Conradstraße.[12] Das Conni 18 wurde Mitte der 1990er Jahre von Neonazis überfallen und durch Brandstiftung zerstört. Der Verein zog anschließend auf die Rudolf-Leonard-Straße 39 im Hechtviertel.[13] Das Kino Casablanca musste 2013 schließen.[14] Ein Veranstaltungsort für Lifemusik war der Club Sprungschanze auf der Rudolfstraße 13 b, der vom Afropa e.V. als Makino Club genutzt wird.[15][16] Ein weiterer Veranstaltungsort ist der Eckladen der Rudolfstraße 7. Die unmittelbar benachbarten Räume im selben Haus nutzte der Milan e.V. von 2013 bis 2017 als Begegnungszentrum.[17] Eine der wenigen Kneipen im Scheunenhofviertel war die seit der DDR-Zeit bestehende Gaststätte Goldener Pfeil. Über diese Lokalität und ihre Besucher drehten Julius Günzel und Konrad Hirsch, der Sohn von Ernst Hirsch, im Jahr 2006 einen 90-minütigen Dokumentarfilm.[18] Seit 2014 ist die Gaststätte geschlossen.

Zwischen 2008 und 2011 fand auf der Ottostraße das nichtkommerzielle Ottostraßenfest als einziges Stadtteilfest des Scheunenhofviertels statt.[19][20][21]

Rudolfstraße 7 mit Eckladen, Dresden

Das Scheunenhofviertel ist seit 2007 Objekt städtischer Aufwertungskampagnen, teilweise mit Bürgerbeteiligung. Im Rahmen dieser Aktivität wurden Freiflächen, Brachen und Plätze neugestaltet.[1][22][23][24] Nachdem die städtische Energieversorgung das Gelände auf der Lößnitzstraße 14 verlassen hatte, mieteten sich auf dem Drewag-Gelände Künstler und Akteure der Kreativwirtschaft ein, die als loser Verbund unter dem Namen LÖ14 auftreten. Sie veranstalten seit 2012 öffentliche Frühlings- und Herbstwerkstätten.[25][26] Seit 2011 wird geplant, das Areal in Wohneigentum und eine Schule umzuwandeln. Damit ist das Fortbestehen der LÖ14 bedroht.[27][9] Als erste Etappe der Durchführung dieser Planungen entstand im Oktober 2013 ein Spielplatz auf dem Drewag-Gelände.[28]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Richter: Die alten Scheunenhöfe : ein untergehender Stadtwinkel. In: Dresdner Volks-Zeitung, 1932. 43(1932), 183
  • Alfred Hahn: Straßen und Plätze in Dresden : Scheunenhöfe an d. Telle. In: Union / Bezirk Dresden, 1965. 20(1965), 145

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b EFRE (2007 – 2013) Nördliche Vorstadt Dresden. Wohnumfeldverbesserung Südlicher Hecht, in: Website der Stadt Dresden
  2. a b c Die Rudolfstraße. Baugeschichte. In: Dresden Neustadt Online
  3. Website des Stadtverbands Dresdner Gartenfreunde
  4. Interaktiver Stadtplan Dresdens, Hintergrundkarte Berliner Meilenblätter 1781-1810, in: Website der Stadt Dresden
  5. Interaktiver Stadtplan Dresdens, Hintergrundkarte Berliner Meilenblätter 1781-1810, in: Website der Stadt Dresden
  6. Bebauungsplan für Dresden Neustadt nach dem großen Brande. Ca. 1:800, Dresden, um 1700, getuschte Handzeichng, 115 x 93 cm
  7. Ansicht der Scheunenhöfe auf der Lithografie von R. Bürger, "Dresden, von der Königsbrücker Straße", 1840, rechts im Bild, links davon die Bäume des Neustädter Friedhofs
  8. Eintrag zur Scheunenhofstr., in: HANTZSCH, 1905, S. 126
  9. a b h.e.i.z.Haus: Ein Boulevard für den Hecht. Revitalisierung DREWAG-Areal „Lößnitzstraße“. Auftraggeber: DREWAG-Stadtwerke Dresden GmbH. September 2012 (Memento des Originals vom 19. April 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/bilder.anton-launer.de
  10. Bauplan zwischen der Leipziger und Königsbrücker Straße in Dresden: N.Allgem.12 / Städtisches Vermessungsamt – 1:5 000. Um 1870
  11. Website des Kinos Casablanca
  12. veralteter Eintrag für das Alternative Zentrum Conni e.V. als Cafe im Branchenbuch Dresden
  13. Website des AZ Conni e.V.
  14. Zum Tod verurteilt – Ex-Betreiber Wolfhard Pröhl über das Ende des Dresdner Kinos Casablanca (Memento des Originals vom 19. April 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.dnn-online.de. In: Dresdner Neueste Nachrichten, 17. September 2013.
  15. Makino Club, in: Dresden Nightlife
  16. Website der Sprungschanze (Memento des Originals vom 13. August 2007 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.sprungschanze-dd.de
  17. Website des Milan e.V.
  18. Gaststätte Goldener Pfeil. In: Website der Hirsch Film Produktion (Memento des Originals vom 20. April 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.dresden-film.de
  19. Magazinredaktion: Interview zum Straßenfest zum 24. April 2010 in Dresden, in: coloRadio, 14. April 2010
  20. Das Ottostraßenfest, in: Neustadtgeflüster
  21. 18-4-09 Ottostraßenfest. Das Paradies-Experiment. Die Daily-Doku-Soap von und für Selbstverbesserer und sonstige Spaßilluminaten, in: Youtube, hochgeladen am 29. April 2009
  22. Projektgebiet Nördliche Vorstadt Dresden, in: Website der Stadt Dresden (Memento des Originals vom 19. April 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.dresden.de
  23. Anton Launer: Bürgerversammlung in der Leipziger Vorstadt. In: Neustadtgeflüster, 25. Mai 2010
  24. Anton Launer: Bogenviertel soll schöner werden. In: Neustadtgeflüster, 1. Juni 2010
  25. Lily Vostry: Uriges Knusperhaus. Adventswerkstatt Junge Kreativfirmen stellen sich vor. In: Sächsischer Bote, 8. Dezember 2012
  26. Website der Interessengemeinschaft LÖ14
  27. Silvio Werner: LÖ 14 – Vom alten Gaswerk zum Hotspot der Dresdner Kreativwirtschaft. Und nun vor dem Aus? In: Dresdner, April 2014
  28. dresdner: Neuer Spielplatz im Hechtviertel. In: Neustadt Zeitung, 28. Oktober 2013 (Memento des Originals vom 19. April 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.dresdner-stadtteilzeitungen.de