Scuola Grande di San Rocco

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Scuola Grande di San Rocco (Venice).jpg
Giovanni Antonio Canal: Fest auf dem Campo San Rocco
Tintoretto: Verkündigung, Sala terrena
Tintoretto: Beschneidung, Sala terrena

Die Scuola Grande di San Rocco ist die besterhaltene der sechs großen Scuole (wörtlich „Schulen“, gemeint sind die Bruderschaften, die sie tragen) Venedigs und befindet sich im Stadtteil (Sestiere) San Polo in der Nähe der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari. Sie ist vor allem berühmt für ihre reiche Ausstattung mit einem aus 56 Gemälden von Jacopo Tintoretto bestehenden Bilderzyklus, die der Maler zwischen 1564 und 1588 schuf und die zu dessen größten Meisterwerken gezählt werden. Er war der größte zeitgenössischen Konkurrent Tizians. Die Bilder dienten den Mitbrüdern als Katechese, seit 1565 war Tintoretto selbst Mitglied der Bruderschaft.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab dem 13. Jahrhundert entstanden in Venedig wohltätige Bruderschaften, deren größte, die Scuole grandi, palastartige Zunftgebäude zur Repräsentation und als soziale Einrichtungen errichteten.

Die Scuola wurde nach der Pest von 1477 aus zwei Bruderschaften gegründet und nach dem heiligen Rochus von Montpellier benannt, der sich der Pflege der Kranken und Pestkranken verschrieb und selbst von der Pest geheilt wurde. Die Bruderschaft des heiligen Rochus von Montpellier hatte ihren ersten Sitz zuerst in der Kirche San Zulian, später in Santa Maria Gloriosa dei Frari und wurde 1478 zur Ausübung der Krankenpflege offiziell anerkannt. 1485 gelangten die Reliquien des Heiligen Rochus, der in Montpellier begraben war, aus Südfrankreich in den Besitz der Bruderschaft.

Im 15. Jahrhundert wurde die Bruderschaft aufgrund der Reliquien die wohlhabendste Venedigs. Nach langem Hin und her erhielt die Scuola von den Franziskanern der Frari-Kirche ein hinter deren Kloster gelegenes Grundstück und verlegte die Scuola an den heutigen Standort. 1489 errichtete die Scuola zunächst ein kleines bescheidenes Gebäude. Diese alte Scuola (Scoletta) liegt versteckt zwischen der Scuola Grande, der Kirche San Rocco und dem Chor von Santa Maria Gloriosa die Frari am Campo di San Rocco, der von diesen Gebäuden begrenzt wird. Die Banca della Scuola beschloss den Bau eines würdigen Sitzes und dank des Wohlstandes der Bruderschaft wurde beschlossen, die Räume der Scuola angemessen auszuschmücken.

1489 wurde der Grundstein für die Kirche San Rocco gelegt. 1517 wurde der Bau des neuen Bruderschaftshauses unter Bartolomeo Bon II, Prokurator von San Marco, begonnen. Ihm folgte 1524 Sante Lombardo, Sohn Tullio Lombardos, als Bauleiter. Von 1527 bis zu seinem Tod übernahm Antonio Abbondi, genannt Scarpagnino, die Bauleitung und errichtete das Treppenhaus. 1550 erhielt Gian Giacomo de’ Grigi den Auftrag, die Fassade aufwendig zu gestalten, um mit der im Bau befindlichen Scuola Grande della Misericordia konkurrieren zu können. Die Fassaden beider Gebäude wurden zwischen 1765 und 1771 ein weiteres Mal von Macaruzzi umgestaltet.

Die Scuola grande di San Rocco entging nach inständigem Bitten der Bürger als einzige der von Napoleon angeordneten Auflösung aller Scuole. Sie hatte Ende des 18. Jahrhunderts ca. 350 Kapitularordensbrüder und ein Jahreseinkommen von ca. 60.000 Dukaten. Ihr Kapital, das zu dieser Zeit einen Wert von weit über einer Million Dukaten umfasste, war 1797 – wie alle anderen Venezianischen Kapitalien – von den Franzosen geraubt worden.

Fassade[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fassade ist mit kräftigen Säulen, Pilastern und Gesimsen strukturiert. Im unteren Teil befinden sich so genannte „Codussi-Fenster“ und im oberen eine lange Reihe von Zwillingsfenstern mit Dreiecksgiebeln. Die auch vom Palazzo Vendramin-Calerghi bekannten nach dem Architekten Mauro Codussi benannten Fenster zeigen die typisch venezianische Verbindung zwischen der traditionellen Rundbogenform und dem Renaissance-Ideal der rechteckigen Fensterumrahmung.

Die Säle der „Scuola“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Scuola Grande di San Rocco besitzt zwei Stockwerke, die durch ein zwischen 1544 und 1546 von Scarpagnino errichtetes prächtiges Treppenhaus mit dreirampiger Treppe miteinander verbunden sind. Das erste der beiden Stockwerke besteht ausschließlich aus der Sala terrena. Das zweite Stockwerk unterteilt sich in die große Sala Superiore und in die kleinere Sala dell’Albergo.

„Sala terrena“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der große durch zwei Säulenreihen unterteilte dreischiffige Saal im Erdgeschoss umfasst 700 Quadratmeter und diente sowohl als Eingangshalle als auch liturgischen Zwecken, mit seinem Altar mit der von Girolamo Campagna Anfang des 17. Jahrhunderts geschaffenen Statue des heiligen Rochus.

Die Bilder Jacopo Tintorettos in diesem Saal haben Szenen aus dem Leben Marias und der Kindheit Jesu zum Gegenstand:

  • Verkündigung
  • Anbetung der Könige
  • Flucht nach Ägypten
  • Massaker der unschuldigen Kinder
  • Präsentation im Tempel
  • Mariae Himmelfahrt
  • Hl. Maria Magdalena
  • Hl. Maria von Ägypten

Ebenfalls befindet sich hier eine Statue des Hl. Rochus von Girolamo Campagna.

„Sala Superiore“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Salone Maggiore
Wasserwunder in der Wüste, Jacopo Tintoretto
Die eherne Schlange, Jacopo Tintoretto

Die Sala Superiore auch Sala Capitolare (Plenarsaal) ist einer der drei Säle und der größte der beiden Säle des ersten Stockwerks der Scuola Grande di San Rocco in Venedig.

Geschichte der Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich war die Sala Superiore mit Wandteppichen ausgestattet, die normalerweise zum Namensfest des Schutzpatrons ausgeliehen wurden, welche die Scuola Grande di San Rocco jedoch am 24. August 1542 "Zur Zierde der Sala" gekauft hatte. Doch stellte man schon 1559 fest, dass der Saal einer anderen Ausschmückung bedürfe.

Erst am 6. Mai 1575 beschloss man die Dekoration der Decke in Auftrag zu geben.

Am 2. Juli 1575 bot Jacopo Tintoretto die kostenlose Ausführung des zentralen Deckengemäldes die Errichtung der Ehernen Schlange und Abschluss der Arbeit bis zum 16. August 1576, dem Namensfest des Hl. Rochus an. Am 13. Januar 1577 nahm die Scuola Jacopo Tintorettos Angebot an, die beiden anderen zentralen Deckengemälde nur gegen Erstattung der Materialkosten fertigzustellen und seinen Lohn je nach Wertschätzung seiner Arbeiten in das Belieben der Scuola zu stellen. Am 25. März 1577 vor Abschluss der Arbeiten erweiterte Jacopo Tintoretto sein Angebot hinsichtlich der Fertigstellung der gesamten Decke, was ebenfalls akzeptiert wurde. Ende des Jahres erklärte Jacopo Tintoretto er wäre bereit sich fortan bis zum Ende seines Lebens ganz der Ausschmückung der Scuola zu widmen und 10 Bilder, das Altarbild für die Sala superiore, und Bilder für die Decke der Kirche San Rocco auszuführen. Weiter versprach er jedes Jahr zum Namensfest des Hl. Rochus drei große Leinwandbilder abzuliefern. Die Kosten für die Farben wollte er selbst übernehmen, sofern man ihm eine Leibrente von jährlich 100 Dukaten aussetzte, für den Fall, dass ihn nach Fertigstellung der Sala superiore eine Krankheit befiele. Diesen Vorschlag akzeptierte die Scuola und bestimmte eine drei-köpfige Kommission, um über Jacopo Tintorettos Werke zu befinden. Die Vereinbarungen wurde eingehalten und die Ausschmückung der Sala Superiore im Sommer 1581 vollendet.

Innenausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Raum ist mit einem dreiteiligen Altar ausgestattet, das Altarblatt stammt von Tintoretto. Der Altarraum wird von einer Balustrade mit Bronzegittern aus der Mitte des 18. Jahrhunderts abgegrenzt. Vor der Balustrade stehen auf Staffeleien zwei frühe Werke von Giovanni Battista Tiepolo: Hagar in der Einsamkeit, vom Engel getröstet und Abraham und die Engel.sowie das Bild Kreuztragender Christus, das entweder Tizian oder Giorgione zugeschrieben wird. Sie ist mit 24 Reliefs mit Szenen aus dem Leben des Heiligen Rochus von Montpellier ausgestattet.

Wände und Decke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunächst wurden die Bilder an der Decke – drei Hauptbilder und zehn ovale Begleitbilder – , die in die geschnitzte und vergoldete Kassettendecke eingespannt sind, fertiggestellt. Das Bildprogramm entstammt dem Alten Testaments. Erzählt werden in den drei großen Bildern Ereignisse aus der Mosesgeschichte: das Wasserwunder in der Wüste, die Errichtung der Ehernen Schlange als Praefiguration der Kreuzigung Christi und der Mannaregen. Auch die kleineren Begleitbilder zeigen Ereignisse aus dem Alten Testament, die alle als alttestamentliche Parallelen zu Leben und Tod Jesu gelesen werden können.
Die Bilder an den Wänden zeigen Ereignisse aus dem Leben Jesu, darunter die Anbetung der Hirten, die Taufe Jesu, die Auferstehung Christi, sowie das Gebet am Ölberg.

Wie die Sala dell' Albergo wird auch die Sala Superiore von einer prächtigen, vergoldeten Holzkassettendecke überspannt, deren Gemälde von Jacopo Tintoretto ausgeführt sind.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Reclams Kunstführer Italien. Bd 2. Oberitalien Ost. Stuttgart 1965.
  • Ulrich Willmes: Studien zur Scuola di San Rocco in Venedig. Verlag scaneg, München 1985.
  • Astrid Zenkert: Tintoretto in der Scuola di San Rocco. Ensemble und Wirkung. Tübingen 2003.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Scuola Grande di San Rocco – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 45° 26′ 12″ N, 12° 19′ 30″ O