Stefan Lehmann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Stefan Lehmann (* 13. November 1951 in Caputh), auch Stephan Lehmann, ist ein deutscher Klassischer Archäologe, Museumsleiter und Hochschullehrer.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stefan Lehmann studierte Klassische Archäologie, Alte Geschichte und Kunst- und Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Bonn. Im Jahr 1985 schloss er sein Studium mit dem Magisterexamen ab und wurde 1987 in Bonn bei Nikolaus Himmelmann mit einer Arbeit zum Thema Mythologische Prachtreliefs der Kaiserzeit promoviert. Im Anschluss war er Kurator der Ausstellung Antike Porträts aus Jugoslawien am Museum für Vor- und Frühgeschichte in Frankfurt am Main und Mitarbeiter am Akademischen Kunstmuseum Bonn. Zudem wirkte er an den Universitäten in Heidelberg, London (1991/1992: Honorary Research Fellow, Department of History, University College London) und Erlangen. Seit 1994 ist er in der deutschen Ausgrabung in Olympia tätig, wo er zunächst die archäologischen Funde und Befunde zu den Statuen der Olympioniken aufnahm und sich daran anschließend mit der Geschichte des Heiligtums in der Kaiserzeit und Spätantike beschäftigt. Seit 2002 erforscht Lehmann gemeinsam mit dem Althistoriker Andreas Gutsfeld (Universität Nancy) und in Verbindung mit dem Deutschen Archäologischen Institut im Rahmen eines Forschungsprojekts Olympia in der Spätantike. Zwischen 2002 und 2007 war er in Münster archäologischer Projektleiter des von der DFG geförderten Forschungsunternehmens Christlicher Staat und „panhellenische“ Heiligtümer. Zum Wandel paganer Kultstätten im spätantiken Griechenland. 2016 wurde er zum "Membre associé du Centre de recherche pour les Histoire et Cultures de l'Antiquité et du Moyen-Âge (HISCANT-MA) à l'Université de Lorraine" ernannt.

An der Universität Halle habilitierte Lehmann sich 1999/2000 mit einer Schrift zum Thema Siegerstatuen in Olympia. Lehrbefähigung und -berechtigung wurde ihm für das Fach Klassische Archäologie verliehen. In der Nachfolge Manfred Oppermanns leitet er das Archäologische Museum der Universität. Der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, ernannte Lehmann im Jahr 2009 zum außerplanmäßigen Professor für Klassische Archäologie.

Als Gastwissenschaftler arbeitete Lehmann am University College London (1991/92), am Archäologischen Seminar der Universität Münster (2000–2002), am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bremen (2002), am Winckelmann-Institut der Humboldt-Universität Berlin (2005), an der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen (2005), an der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel (2008) sowie den Staatlichen Museen zu Berlin (2011). Im Jahr 2004 vertrat er eine Professur am Archäologischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die vakante Professur für Klassische Archäologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verwaltete er von 2010 bis 2012 und vertrat diese 2014 und 2016.

Forschungsschwerpunkte in der Arbeit Lehmanns sind die Bildsprache der griechischen und römischen Plastik, die Kunst- und Kulturgeschichte des antiken Sports und seines Nachlebens, antike Religionsgeschichte, die Kulttopographie antiker Heiligtümer mit Schwerpunkten in der Kaiserzeit und Spätantike sowie Antikenrezeption und Wissenschaftsgeschichte.[1]

Außerhalb des Faches wurde Lehmann als Kritiker einer Ausstellung der Winckelmann-Gesellschaft in Stendal, der er seit 1974 angehörte, bekannt. Dort wurde eine Bronzebüste Alexanders des Großen aus dem Besitz des Antikenhändlers Robin Symes gezeigt. Das Bildnis soll laut dem Ausstellungsorganisator Max Kunze ein antikes Original sein und das Wissen über das Porträt des makedonischen Herrschers erneuern. Lehmann bestritt die Echtheit und wies das Bronzebildnis der Fälscherwerkstatt des Spanischen Meisters zu und geriet damit in Konflikt mit Teilen der Winckelmann-Gesellschaft.[2] Am 12. Dezember 2009 wurde er wegen seiner öffentlich gemachten Zweifel an dem – der Fachwelt bislang unbekannten – Bronzewerk auf der Mitgliederversammlung der Gesellschaft ausgeschlossen. Bei der Büste handelt sich um eine moderne Antikenfälschung und um ein Objekt des illegalen Antikenhandels.[3] Im Anschluss daran versuchte der Stendaler Vereinsvorsitzende Max Kunze, den Kritiker auf gerichtlichem Wege zum Schweigen zu bringen.[4] Eine von Lehmann im Jahr 2014 in Halle organisierte Ausstellung „Der falsche Augustus. Ein fragliches Bronzebildnis des ersten römischen Kaisers“ samt Workshop, deren Ergebnisse im Jahr 2015 unter dem Titel Authentizität und Originalität antiker Bronzebildnisse publiziert wurden, vertieft die Fälschungsproblematik antiker Bronzebildnisse und bietet exemplarisch Lösungsansätze.[5] Auch diese Veröffentlichung wurde in der internationalen Fachwelt umgehend zur Kenntnis genommen und wie die Rezensionen zeigen können, wissenschaftlich lebhaft diskutiert. Fachintern liegen bislang keine wissenschaftlich begründeten Korrekturvorschlägen zum verdächtigen „Alexander Stendal“ oder zu eines der im Katalog als verdächtig aufgeführten Bronzewerke vor.[6]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Autor

  • Mythologische Prachtreliefs (= Studien zur Kunst der Antike und ihrem Nachleben. Band 1). Weiss, Bamberg 1996, ISBN 3-928591-80-0 (= Dissertation Universität Bonn 1988).
  • Alexander der Große – einst in Stendal. Original – Kopie – Fälschung? (= Kataloge und Schriften des Archäologischen Museums der Martin-Luther-Universität. Band 2). Halle (Saale) 2009, ISBN 978-3-941171-29-9.
  • Gestern. Heute! Morgen? Das Archäologische Museum der Martin-Luther-Universität in Halle auf der Suche nach seinem Platz zwischen Tradition und Moderne (= Kataloge und Schriften des Archäologischen Museums der Martin-Luther-Universität. Band 5). Halle 2013, ISBN 978-3-941171-83-1.
  • Goethes allerliebste Klytia – Metamorphosen einer Frauenbüste (= Kataloge und Schriften des Archäologischen Museums der Martin-Luther-Universität. Band 6). Halle 2016, ISBN 978-3-95741-046-7.

Als Herausgeber

  • mit Michael Wiemers: Andreas Puchta, Die deutsche evangelische Kirche in Rom. Planung, Baugeschichte, Ausstattung (= Studien zur Kunst der Antike und ihrem Nachleben. Band 2). Weiss, Bamberg 1997, ISBN 3-928591-81-9.
  • mit Andreas E. Furtwängler: Kataloge und Schriften des Archäologischen Museums der Martin-Luther-Universität. Halle an der Saale 2008ff.
  • mit Ralph Einicke u. a.: Festschrift für Andreas E. Furtwängler. Zurück zum Gegenstand (= Schriften des Zentrums für Archäologie und Kulturgeschichte des Schwarzmeerraume. Band 16). 2 Bände. Beier & Beran, Langenweißbach 2009, ISBN 978-3-941171-16-9.
  • mit Katja Schneider: Oskar Kokoschkas Antike. Eine europäische Vision der Moderne. Katalog der Stiftung Moritzburg Halle. Hirmer, München 2010, ISBN 978-3-7774-2581-8.
  • mit Andreas Gutsfeld: Der gymnische Agon in der Spätantike. Computus Druck, Gutenberg 2013, ISBN 978-3-940598-18-9.
  • Akademische Sammlungen und Museen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Martin-Luther-Universität, Halle 2013, ISBN 978-3-86829-597-9.
  • mit Hans-Werner Fischer-Elfert: Aegyptiaca und Papyri der Sammlung Julius Kurth. Archäologisches Museum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Bestandskatalog Band 1. Dresden 2014, ISBN 978-3-95498-134-2.
  • Authentizität und Originalität antiker Bronzebildnisse / Authenticity and Originality of Ancient Bronze Portraits: Ein gefälschtes Augustusbildnis, seine Voraussetzungen und sein Umfeld / A Forged Portrait of Augustus, Its Prerequisites, and Its Surroundings. Beiträge des Wissenschaftlichen Werkstattgesprächs im Archäologischen Museum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2014. Sandstein, Dresden 2015, ISBN 978-3-95498-183-0.
  • mit Michael Ruprecht: Die akademischen Sammlungen und Museen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sandstein, Dresden 2017, ISBN 978-3-95498-306-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stephan Lehmann: Mit dem Rücken zur Geschichte? Zum Verhältnis von Klassischer Archäologie und Geschichte im Lichte des Berliner Kolloquiums „Posthumanistische Klassische Archäologie“. In: Th. Brüggemann u.a. (Hrsg.): Studia hellenistica et historiographica. Festschrift für Andreas Mehl. Gutenberg 2010, S. 397–411.
  2. St. Lehmann, Alexander der Große – einst in Stendal: Original – Kopie – Fälschung?, Kataloge und Schriften des Archäologischen Museums der Martin-Luther-Universität, Bd. 2, Halle 2009; s. Rezension: B. Sismondo Ridgway, in: Bryn Mawr Classical Review, 26. May 2010 [Internet].
  3. Die Vorgänge in Stendal und um Max Kunze und Robin Symes sind jetzt im Kontext des globalen Handels mit illegalen Kulturgütern aufgearbeitet, s. Günther Wessel: Das schmutzige Geschäft mit der Antike. Der globale Handel mit illegalen Kulturgütern. Links, Berlin 2015, S. 130–140.
  4. Christoph Schmälzle: Wer kennt die wahren Antiken? Schießen sie nicht auf den Kritiker: Streit in Stendals Winckelmann-Gesellschaft. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Dezember 2010, S. 35. Christoph Schmälzle: Die Alexanderschlacht. Der Streit in der Winckelmann-Gesellschaft spitzt sich zu. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 7. Dezember 2010, S. 31. Patrick Bahners: Der König hat einen schweren Zacken. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Mai 2011, S. 27. M. Schulz: Schwindel am Schmelzofen. In: Der Spiegel. Nr. 47, 2011, S. 160–163 (online). Patrick Bahners: Verfluchter Hunger nach Bronzen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 2. Dezember 2011, S. 31. Aus juristischer Perspektive siehe: Simon A. Lück, Der wissenschaftliche Streit um die Fälschung einer Alexanderbüste und die juristische Beurteilung. In: Stefan Lehmann: Authentizität und Originalität antiker Bronzebildnisse: Ein gefälschtes Augustusbildnis, seine Voraussetzungen und sein Umfeld. Sandstein, Dresden 2015, S. 162–164, sowie zur publizistischen Beurteilung: Sönje Storm, Der wissenschaftliche Fälschungsverdacht im Spiegel der Medien. In: ebenda, S. 168–172.
  5. St. Lehmann (Hrsg.): Authentizität und Originalität antiker Bronzebildnisse: Ein gefälschtes Augustusbildnis, seine Voraussetzungen und sein Umfeld. Sandstein, Dresden 2015.
  6. Vgl. die Besprechungen von M. Szewcyk, Revue Archéologique Bd. 63, 2017, 216–219; C. C. Mattusch, American Journal of Archaeology Bd. 121, Nr. 2, 2017 (https://www.ajaonline.org/ (Mattusch, C.C.) mit H. Müllers „Rectifications“; E. M. Moormann, Bulletin antieke beschaving, Bd. 91, 2016, S. 286–287. Selbst S. Kansteiner vertritt nicht mehr die antike Entstehung des „Alexander Stendal“, obgleich er als Kunzes damaligen Ausstellungsmitarbeiter mit dem Alexanderbildnis vertraut ist, s. Sascha Kansteiner: Authentizität und Originalität. Auf: H-Soz-Kult vom 11. April 2016, abgerufen am 21. Mai 2017