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Tschechoslowakische Unabhängigkeitserklärung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Tomáš Garrigue Masaryk unterzeichnet in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung

Die Unabhängigkeitserklärung der tschechoslowakischen Nation durch ihre vorläufige Regierung (im englischen Original Declaration of Independence of the Czechoslovak Nation by its Provisional Government), auch Washingtoner Erklärung (tschechisch Washingtonská deklarace) genannt, wurde am 18. Oktober 1918 verfasst und trat am 28. Oktober 1918 in Kraft.

Als Folge der Erklärung wurde die Tschechoslowakei gegründet, das Königreich Böhmen am 31. Oktober 1918 offiziell aufgelöst und in den neuen Staat mit seiner vorläufigen Regierung eingegliedert.

Im Herbst 1918 war der Zerfall Österreich-Ungarns infolge der Auswirkungen des Ersten Weltkrieges in vollem Gange. US-Präsident Woodrow Wilson, der ein großer Unterstützer eines tschechoslowakischen Staates war, forderte das tschechoslowakische Volk und dessen Regierung auf, sich von der Habsburgermonarchie zu lösen. Am 14. Oktober 1918 verhandelte der österreichisch-ungarische Außenminister Baron István Burián von Rajecz über einen Waffenstillstand auf Grundlage von Wilsons 14-Punkte-Programm. Kaiser Karl I. reagierte mit dem Völkermanifest vom 16. Oktober 1918, um die Auflösung der Monarchie zu verhindern, die Struktur Cisleithaniens zu verändern und aus der österreichischen Monarchie eine Föderation zu schaffen. Um die Abspaltung der nach Unabhängigkeit strebenden Gebiete zu verhindern, wurde in Triest der zukünftige Status der Monarchie verhandelt und dem Gebiet der Tschechoslowakei eine gewisse Autonomie in Aussicht gestellt. Jedoch verhandelte die vorläufige tschechoslowakische Regierung mit Tomáš Garrigue Masaryk an der Spitze im selben Zeitraum schon mit den Alliierten über die Unabhängigkeit. Masaryk hatte bereits begonnen, die Unabhängigkeitserklärung zu verfassen, und er beendete diese Arbeiten am 16. Oktober. Unterzeichner waren Masaryk, Edvard Beneš und der Slowake Milan Rastislav Štefánik.

Verkündung der Unabhängigkeit der Tschechoslowaken in Philadelphia am 26. Oktober 1918

Am 17. Oktober präsentierte Masaryk das Dokument der US-Regierung. Es erschien in Paris am 18. Oktober 1918 und wurde noch am selben Tag dem US-Außenministerium in Washington überreicht, daher der Name Washingtoner Erklärung. Die US-Regierung akzeptierte die Erklärung und lehnte am selben Tag das Angebot von Karl I. ab[1][2], forderte aber für alle im Staat vertretenen Nationalitäten eine gewisse Autonomie.

Inhalte der Erklärung

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Ein großer Teil der Erklärung richtet sich gegen die Habsburger und den Adel. Sie erteilt den Ideen Kaiser Karls vom 16. Oktober eine Absage.[3] Der letzte Teil des Dokuments beschreibt den neuen Staat als eine freie und demokratische Republik, in der es Religions- und Pressefreiheit sowie eine unabhängige Justiz gibt. Die Kirche soll vom Staat getrennt werden. Ein allgemeines Wahlrecht und gleiche Rechte für Frauen sollen eingeführt werden. Die Erklärung fordert zusätzlich einen vom Tschechoslowakismus dominierten politischen Parlamentarismus. Die nationalen Minderheiten sollen die gleichen Rechte erhalten sowie wirtschaftlich und kulturell nicht unterdrückt werden.

Machtübernahme in Prag

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Ausrufung der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei am 28. Oktober 1918 auf dem Wenzelsplatz

Nach der österreichischen Niederlage unmittelbar nach der italienischen Offensive in der Schlacht von Vittorio Veneto übernahm in Prag eine Gruppe tschechischer Politiker der Geheimorganisation Maffie, die später den Beinamen Männer des 28. Oktober (muži 28. října) erhielten, das Kommando und erklärte am 28. Oktober 1918 die Tschechoslowakei für unabhängig. Diese Männer wollten am Vormittag zunächst vor allem verhindern, dass Lebensmittel – hauptsächlich Mehl – aus den böhmischen Ländern nach Österreich transportiert werden.[3] Als im Lauf des Tags in Prag bekannt wurde, dass die österreichisch-ungarische Regierung in der Andrássy-Note Wilsons Friedensbedingungen vom 18. Oktober angenommen und kapituliert hatte, reagierten die Vertreter im Nationalausschuss schnell mit der Übernahme der Macht und proklamierten den unabhängigen Staat.

Sie verlangten von der böhmischen Statthalterei die Übergabe der gesamten Landesverwaltung. Die Übernahme gelang ohne besondere Schwierigkeiten, da der Statthalter für Böhmen Graf Coudenhove in Wien und sein Stellvertreter Hofrat Johann Kosina Tscheche war.[4] Mit dem Gesetz über die Errichtung des selbstständigen tschechoslowakischen Staates wurde die staatliche Verwaltung dem Nationalausschuss unterstellt und die rechtliche Kontinuität gesichert. Die Frage der Staatsform blieb jedoch offen.[5]

Auch wenn die Verhandlungen mit den Militärbehörden nicht ganz so reibungslos verliefen, entfernten die erregten Volksmengen österreichische Hoheitszeichen und demonstrierten für die Selbständigkeit. Der Gegenumsturzversuch der Prager Militärbehörden in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober scheiterte, da die Soldaten sich zum einen Teil nun als Angehörige der neuen Nationalarmee fühlten oder einfach nach Hause wollten.[4] Die Soldaten aus Ungarn und Rumänen hatten angesichts der zerfallenden Donaumonarchie andere Sorgen als deren Machterhalt.[3] Vorläufiger Befehlshaber der neuen Truppen wurde der Sokolführer Josef Scheiner.[4]

Am 30. Oktober schlossen sich die Vertreter der slowakischen politischen Parteien in der Martiner Deklaration an und erklärten sich als Teil des Tschechoslowakischen Staates.

Viele Historiker sehen das Dokument der Unabhängigkeitserklärung entscheidend für dem Weg zum eigenen Staat – und nicht die Proklamation in Prag zehn Tage später.[3]

Nach der Unabhängigkeitserklärung wurde die Tschechoslowakei von Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten am 19. Oktober 1918 als eigener Staat anerkannt. Am 14. November wählte die Revolutionäre Nationalversammlung Masaryk zum ersten Staatspräsidenten. In der ersten regulären Regierung unter Karel Kramář waren Beneš als Außenminister und Štefánik als Kriegsminister vertreten. Am 31. Oktober wurde das Königreich Böhmen aufgelöst und in den neuen Staat eingegliedert. Wegen der Eingliederung der Slowakei kam es 1919 zu Grenzkonflikten mit Ungarn. Das Königreich Ungarn führte trotz der schlechten Lage bis 1920 Krieg gegen die Tschechoslowakei.

  • Robert William Seton-Watson: A history of the Czechs and Slowaks. Hutchinson & Co., London 1943, Reprint, Archon Books 1965.
  • C.a. Watson – Ungarn: eine kurze Geschichte Edinburgh University Press, 1966
  • Leo Valiani – das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie Secker & Warburg, 1973
  • Declaration of independence of the Czechoslovak nation by its provisional government digitalisiert in University of Pittsburgh Library System (englisch)
  • "Ungarische Außenminister von 1848 bis heute". MFA.gov.hu. Abgerufen am 24. März 2012.
  • Kowtun, g.j. (1985). Der tschechoslowakischen Unabhängigkeitserklärung: eine Geschichte des Dokuments. Washington, D.C. S. 46–8.
  • Herbert Francis Sherwood. "Eine neue Erklärung der Unabhängigkeit". Die Aussichten. 120 (Basisdepot 1918). S. 406.
  • Karel Pichlík: Die Entstehung der Tschechoslowakei. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 17, Nr. 2, 1969, S. 160–180 (ifz-muenchen.de [PDF]).
  • Preclík, Vratislav. Masaryk a legie (TGM and legions), váz. kniha, 219 str., vydalo nakladatelství Paris Karviná, Žižkova 2379 (734 01 Karviná) ve spolupráci s Masarykovým demokratickým hnutím (Masaryk democratic movement in Prague), 2019, ISBN 978-80-87173-47-3, page 110 - 112, 128, 132

Einzelnachweise

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  1. Till Janzer: Originale ausgestellt: 100 Jahre Staatsgründung Radio Prague 10. Mai 2018
  2. Erklärung von Washington Originaldokument (tschechisch)
  3. a b c d Till Janzer: Die improvisierte Staatsgründung Radio Prague vom 28. Oktober 2018
  4. a b c Gotthold Rhode: Die Tschechoslowakei von 1918 bis 1939 In: APuZ 48/1962
  5. Jan Wintr: Die Anfänge des tschechoslowakischen Parlamentarismus 1918–1920. In: Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs. Nr. 2, 2012, S. 397 (austriaca.at [PDF]).