Ulmer Hocker

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Drei Ulmer Hocker

Der Ulmer Hocker ist ein einfaches, kubisches, robustes, aus Holz gefertigtes Möbel, das auf vielfache Weise verwendbar ist.

Entwurf, Konstruktion und Fertigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ulmer Hocker. Frühes Exemplar, das in der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG) genutzt wurde

Der Ulmer Hocker gehört zu den meistbeachteten Arbeiten des schweizer Architekten, Künstlers und Formgestalters Max Bill im Produktdesign und wurde in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Architekten und Formgestalter Hans Gugelot 1954 an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm konstruiert, deren Rektor er seit ihrer Gründung im Jahre 1953 war. Da die erste Produktskizze auf einer Serviette aus Bills Hand stammt, wird das Möbel häufig auch als Bill Hocker bezeichnet.

Formal entspricht der Ulmer Hocker dem traditionellen Tapezierhocker. »Zwei senkrechte Bretter, ein waagerechtes, die drei fest verzahnt, von einem runden Holzstab unten zusammengehalten« – so beschrieb Bernhard Rübenach in seinem Radio-Essay »der rechte winkel von ulm« das Konstruktionsprinzip des Möbelstücks.

Das Gestell besteht aus drei Brettern, die mit Hilfe von Fingerzinken an den schmalen Kanten miteinander verbunden sind. Der Hocker ist 395 mm breit, 440 mm hoch, 295 mm tief und wiegt 2,1 kg.[1] Die Sitzfläche und beide Seitenwände sind aus Fichtenholz gearbeitet. Aus Buchenholz bestehen der Querrundstab und je eine Standleiste an den freien Enden beider Seitenteile, ähnlich einer Kufe, die das Splittern verhindern und Gebrauchsspuren reduzieren soll. Sämtliche Holzoberflächen sind unbeschichtet.

Die maschinelle Herstellung erfolgte in der hochschuleigenen Tischlerei unter der Leitung des deutschen Werkstattmeisters Paul Hildinger.

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ulmer Hocker ist Sitz, Beistelltisch, Rednerpult, Teil eines Regals, Tablett und Tragehilfe in einem. Er diente zur Erstausstattung der Hochschule in Seminar-, Ess- und Wohnräumen und wurde daher zu ihrem Symbol.

Im Dauereinsatz befindet er sich zur Benutzung für Besucher der Ausstellungshallen des von dem deutsch-amerikanischen Architekten Peter Richard Alan Meier gestalteten Stadthauses am Ulmer Münsterplatz.

Archivierung und Ausstellung von Originalstücken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ulmer Museum bewahrt und präsentiert verschiedene Ausführungen des Ulmer Hockers in dem von ihm verwalteten Nachlass der 1968 geschlossenen Hochschule für die Öffentlichkeit.[2]

Produktion in der Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2011 wird der Ulmer Hocker in einer lizenzierten Re-Edition von der Zürcher Firma WB Form analog zum Original hergestellt, das Fichten- und Buchenholz stammt aus der Schweiz. Neuerdings hat der Hersteller sein Portfolio um sieben Varianten erweitert – Sitzfläche und beide Seitenwände in Birke, lasiert (in den sechs Farben Apfelgrün, Himmelblau, Dunkelblau, Feuerrot, Leuchtorange, Zitronengelb) oder in Nussbaum, farblos lackiert. Die Nova Milaneser Firma Zanotta produziert das Modell 650 Sgabillo (zusammengesetztes Wort aus dem italienischen sgabello für Hocker und dem Familiennamen des Formgestalters, Bill) mit Unterschieden zum Original in Abmessungen, Konstruktion, Material, Oberflächenbeschaffenheit und Farbe (Breite 400 mm, Höhe 450 mm, Tiefe 275 mm, Seitenteile ohne Standleisten, Korpus in Birkensperrholz, naturholzfarben, oberflächenbehandelt oder wahlweise in MDF-Platte, gaufrierte Anti-Kratzer-Lackierung, schwarz). Auch von einer regionalen Werkstatt für Menschen mit Behinderung wird der Ulmer Hocker hergestellt und im Ulmer Museum angeboten.

Miniaturmodell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Birsfelder Firma Vitra vertreibt ein Miniaturmodell im Maßstab 1:6, das in Konstruktion, Material, Oberflächenbeschaffenheit und Farbe dem Original entspricht (Breite 65 mm, Höhe 73 mm, Tiefe 49 mm).[1]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Anne-Sophie Levy Chambon: "Die kleine Geschichte" des Ulmer Hockers. In: arte, November 2007.
  2. Jörg Niendorf: Karriere eines Möbels. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. August 2010.