Ulmer Hocker

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Ulmer Hocker. Frühes Exemplar, das in der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG) genutzt wurde

Der Ulmer Hocker ist ein einfaches, robustes, aus Holz gefertigtes Möbel, das auf vielfache Weise verwendbar ist.

Entwurf, Konstruktion und Fertigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drei Ulmer Hocker

Der Ulmer Hocker gehört zu den meistbeachteten Arbeiten des Schweizer Architekten, Künstlers und Formgestalters Max Bill im Produktdesign. Der Hocker wurde in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Architekten und Formgestalter Hans Gugelot 1954 an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm konstruiert. Max Bill war deren Rektor seit ihrer Gründung im Jahre 1953 bis 1955.

Formal entspricht der Ulmer Hocker dem traditionellen Tapezierhocker. »Zwei senkrechte Bretter, ein waagerechtes, die drei fest verzahnt, von einem runden Holzstab unten zusammengehalten« – so beschrieb Bernhard Rübenach in seinem Radio-Essay »der rechte winkel von ulm« das Konstruktionsprinzip des Möbelstücks.

Das Gestell besteht aus drei Brettern, die mit Hilfe von Fingerzinken an den schmalen Kanten miteinander verbunden sind. Der Hocker ist 395 mm breit, 440 mm hoch, 295 mm tief und wiegt 2,1 kg.[1] Die Sitzfläche und beide Seitenwände sind aus Fichtenholz gearbeitet. Aus Buchenholz bestehen der Querrundstab und je eine Standleiste an den freien Enden beider Seitenteile, ähnlich einer Kufe, die das Splittern verhindern und Gebrauchsspuren reduzieren soll. Sämtliche Holzoberflächen sind unbeschichtet.

Die maschinelle Herstellung erfolgte in der hochschuleigenen Tischlerei unter der Leitung des Werkstattmeisters Paul Hildinger.

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ulmer Hocker ist Sitz, Beistelltisch, Rednerpult, Teil eines Regals, Tablett und Tragehilfe in einem. Er diente zur Erstausstattung der Hochschule in Seminar-, Ess- und Wohnräumen und wurde daher zu ihrem Symbol.

Der Hocker befindet sich im Dauereinsatz für Besucher der Ausstellungshallen des Stadthauses am Ulmer Münsterplatz (Architekt: Richard Meier).

Ausstellung im Museum Ulm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Museum Ulm bewahrt und präsentiert verschiedene Ausführungen des Ulmer Hockers für die Öffentlichkeit. Die Schaustücke sind ein Teil des vom Museum Ulm verwalteten Nachlasses der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG), die 1968 geschlossen wurde.[2]

Heutige Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2011 wird der Ulmer Hocker in einer lizenzierten Re-Edition von der Zürcher Firma wb form analog zum Original[3] hergestellt, das Fichten- und Buchenholz stammt aus der Schweiz. Neuerdings hat der Hersteller sein Portfolio um sieben Varianten erweitert – Sitzfläche und beide Seitenwände in Birke, lasiert (in den sechs Farben Apfelgrün, Himmelblau, Dunkelblau, Feuerrot, Leuchtorange, Zitronengelb) oder in Nussbaum, farblos lackiert.

Die italienische Möbelfirma Zanotta in Mailand produziert das Modell 650 Sgabillo. Das Kunstwort ist zusammengesetzt aus dem italienischen sgabello für Hocker und Bill, dem Familiennamen des Formgestalters. 650 Sgabillo weist jedoch mehrere Unterschiede zum Original auf. Die Abweichungen bestehen in den Abmessungen, der Konstruktion, dem Material, der Oberflächenbeschaffenheit und Farbe: Breite 400 mm, Höhe 450 mm, Tiefe 275 mm, Seitenteile ohne Standleisten, Korpus in Birkensperrholz, naturholzfarben, oberflächenbehandelt oder wahlweise in MDF-Platte, gaufrierte Anti-Kratzer-Lackierung, schwarz.[4]

Der originale Ulmer Hocker wird von einer regionalen Werkstatt für Menschen mit Behinderung hergestellt und im Ulmer Museum angeboten.

Miniaturmodell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schweizer Möbelfirma vitra produzierte und vertrieb um die Jahrtausendwende ein Miniaturmodell im Maßstab 1:6, das in Konstruktion, Material, Oberflächenbeschaffenheit und Farbe dem Original entsprach (Breite 65 mm, Höhe 73 mm, Tiefe 49 mm).[5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ulmer Hocker – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anne-Sophie Levy Chambon: „Die kleine Geschichte“ des Ulmer Hockers. (Memento vom 24. September 2013 im Internet Archive). In: arte, November 2007.
  2. Jörg Niendorf: Karriere eines Möbels. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. August 2010.
  3. Ulmer Hocker. In: wbform.com, aufgerufen am 17. September 2020, mit Fotos.
  4. Sgabillo. In: zanotta.it, (englisch), aufgerufen am 17. September 2020, mit Fotos.
  5. Dirk Dowald: Miniatur „Ulmer Hocker“. In: miniaturstuhl.de, 22. Juni 2014, aufgerufen am 20. November 2018, mit Fotos.