Umkehrplastik

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Unter einer Umkehrplastik versteht man eine Alternative zur Vollamputation, bei der ein Körperteil eine Aufgabe übernimmt, für die er eigentlich nicht vorgesehen ist. Diese Operationstechnik wurde in den 1920er Jahren durch den Arzt Joseph Borggreve als Behandlungsoption nach Unfall entwickelt und später nach ihm benannt.

Borggreve-Umkehrplastik[Bearbeiten]

Als Alternative einer kompletten Amputation am Oberschenkel (wobei die aktive Steuerung und Stabilisierung durch das Kniegelenk verloren gehen würde) aufgrund einer Erkrankung im Knie oder Oberschenkel (zum Beispiel Osteosarkom), dient die Borggreve-Umkehrplastik. Hier wird der Unterschenkel mit Fuß um 180° verdreht am Oberschenkel fixiert. Das Sprunggelenk wird auf Höhe des vorhandenen Kniegelenks gesetzt, so dass es die Aufgabe des erkrankten Knies übernimmt.

So wird eine im Vergleich zur Vollamputation erhöhte Mobilität und Stabilität erreicht, die etwa der einer Unterschenkelamputation entspricht. Vor allem das Gehirn muss anschließend auf die neue Steuerung der Gliedmaßen trainiert werden, denn bewegt man jetzt das Sprunggelenk des Fußes, bewegt sich nun (durch den Fuß gesteuert) die prothetische Versorgung (also der Ersatz für Unterschenkel und Fuß). Nach entsprechendem Training ist ein Leben mit recht wenigen Einschränkungen möglich; nach einigen Jahren Lauftraining ist im Idealfall selbst für geschulte Therapeuten kaum noch ein Unterschied im Gangbild zu erkennen.

Außerdem treten im Vergleich zu einer normalen Amputation in der Regel keine Phantomschmerzen auf, da die Extremität nicht am Ende amputiert wird.

Eine Umkehrplastik kann in der Regel nur bei einer Erkrankung durchgeführt werden, da eine aufwendige Planung und Voruntersuchungen nötig sind, die sich etwa bei einem Unfall zeitlich nicht realisieren lassen. Außerdem ist eine derart umfangreiche Operation (Dauer 6-10 Stunden) nur von wenigen Experten durchführbar und in medizinisch hochentwickelten Ländern möglich, da eine erhöhte Infektionsgefahr besteht.

Die Borggreve-Umkehrplastik wurde weltweit erst einige hundert Male durchgeführt. Lange nach ihrer Entwicklung wurde diese Methode bis Mitte der 1980er-Jahre nicht mehr angewandt. Dann führten Salzer (Wien), Gersthof und Becker (Volmarstein) und Winkelmann (Düsseldorf) diese OP bei der Behandlung von Knochentumorpatienten wieder und erfolgreich in einigen Dutzend Fällen durch. Hauptindikation bestehen heute bei Kindern, bei denen aufgrund des Alters eine Endoprothese nicht in Frage kommt, oder Patienten, bei denen eine Endoprothese – z. B. bei einer Infektion – ausgebaut werden musste.

Literatur[Bearbeiten]

  • Agarwal M, Puri A, Anchan C, Shah M, Jambhekar N.: Rotationplasty for bone tumors: is there still a role? In: Clin Orthop Relat Res. 2007 Jun;459:76-81. Abstract online
  • Hardes J, Gebert C, Hillmann A, Winkelmann W, Gosheger G.: Umkehrplastik im operativen Behandlungsplan der primär malignen Knochentumoren. In: Der Orthopäde. 2003 Nov;32(11), S.965-70. abstract online

Weblinks[Bearbeiten]

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