Völkerfreundschaft

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Das Kreuzfahrtschiff Völkerfreundschaft 1972 in Rostock

Völkerfreundschaft ist ein von Stalin geprägter Begriff, der in realsozialistischen Staaten einen hohen Rang in der Ideologie der führenden Parteien einnahm. Er beschreibt eine soziokulturelle Zielangabe für das angestrebte Verhältnis zwischen Völkern und Nationen. Völkerfreundschaft kann auch das Endergebnis einer verwirklichten Völkerverständigung sein.

Entwicklung vom Gedanken bis zum Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Völkerfreundschaft wurde – zwar noch nicht als Begriff, wohl aber als Hoffnung – durch die Vertreter der philosophischen Aufklärung als der Ruf nach Verständigung zwischen den Völkern und Nationen neu aufgegriffen. Vertreter dieser Auffassung war etwa der Theologe und Volksliedforscher Johann Gottfried Herder, der mit seiner Forschungs- und Sammlungstätigkeit den Gedanken transnationalen Verstehens und Begegnens herausgearbeitet hat. Er schrieb 1793:[1]

„Offenbar ist die Anlage der Natur, daß wie Ein Mensch, so auch Ein Geschlecht, also auch Ein Volk von und mit dem anderen lerne...bis alle endlich die schwere Lektion gefaßt haben: kein Volk ist ein von Gott einzig auserwähltes Volk der Erde; die Wahrheit müsse von allen gesucht, der Garten des gemeinen Besten von allen gebauet werden.“

Der „Garten des gemeinen Besten“, der „von allen gebauet wird“, kann als Interpretament für Völkerfreundschaft bezeichnet werden. Aktualisiert wurde diese Idee im Zeitalter der Entstehung von Industriegesellschaften durch die aufstrebende Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Der Philosoph Karl Marx schrieb 1870 in seiner Inauguraladresse an die Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) zum Problem des Deutsch-Französischen Krieges u. a.:[2]

„Mit Freuden ergreifen wir die uns von den französischen Arbeitern gebotene Bruderhand... Eingedenk der Losung der Internationalen Arbeiterassoziation: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘ werden wir nie vergessen, dass die Arbeiter aller Länder unsre Freunde und die Despoten aller Länder unsere Feinde sind. [...] Während das offizielle Frankreich und das offizielle Deutschland sich in einen brudermörderischen Kampf stürzen, senden die Arbeiter einander Botschaften des Friedens und der Freundschaft.“

Die Beförderung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Völkern wurde in Aufrufen und Erklärungen der Sozialdemokratie verwendet, ebenso wie sie von christlichen und pazifistischen Gruppen und Personen vertreten wird. Im 20. Jahrhundert durchzieht die Idee der Völkerfreundschaft das Denken, Reden und Schreiben der sozialistischen und kommunistischen Parteien und Gruppierungen. So heißt es – unter Verwendung des Synonyms Völkerverbrüderung – z. B. in einem Beschluss des Internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart zur Frage des Antimilitarismus 1907:[3]

„Der Kongress betrachtet es deshalb als Pflicht der arbeitenden Klasse [...] dahin zu wirken, dass die Jugend der Arbeiterklasse im Geiste der Völkerverbrüderung und des Sozialismus erzogen und mit Klassenbewusstsein erfüllt wird.“

Bereits von den Schrecknissen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges tief erschüttert, formulierte die Internationale Sozialistische Konferenz in Zimmerwald/Schweiz in ihrem Manifest zum Kampf gegen die Fortsetzung des Krieges 1915:[4]

„Dieser Kampf ist der Kampf für die Freiheit, für die Völkerverbrüderung, für den Sozialismus.“

Auch ein liberal denkender und sozial engagierter US-Präsident wie Franklin Delano Roosevelt, der die Gefahren eines neuerlichen, noch schrecklicheren Weltkrieges heraufziehen sah, benutzte in seiner politischen Philosophie den Begriff der Freundschaft zwischen den Völkern. In einer Rede, die er 1937 in Chicago hielt, warnte er vor diesem heraufziehenden Unheil:[5]

„Wenn es jedoch dazu nicht kommen soll, wenn wir in einer Welt leben wollen, in der wir frei atmen können, in einer Welt der Freundschaft, frei von Furcht, dann müssen die friedliebenden Nationen gemeinsam alle ihre Kräfte anspannen, um dem Recht und dem Gesetz, auf denen allein der Frieden sicher ruhen kann, Geltung zu verschaffen.“

Selbst der innenpolitisch für seine irrationalen Säuberungskampagnen und Massendeportationen berüchtigte Diktator Stalin warb in seinen außenpolitischen Erklärungen für Beziehungen der Freundschaft unter den Nationen. Im Rechenschaftsbericht des ZK an den XVIII. Parteitag der KPdSU 1939 nannte er als Aufgaben der Außenpolitik u. a.:[6]

„Die Aufgaben der Partei auf dem Gebiet der Außenpolitik bestehen in folgendem: <...> 4. die internationalen Freundschaftsbeziehungen mit den Werktätigen aller Länder, die am Frieden und an der Freundschaft zwischen den Völkern interessiert sind, zu festigen.“

Nach der Niederwerfung des NS-Gewaltherrschaft durch die alliierte Staatengemeinschaft kam es zur Gründung der Organisation der Vereinten Nationen (UNO). Mit ihr ist für das Prinzip der internationalen Zusammenarbeit und eines global anerkannten Netzwerkes von Verhaltensregeln der Staatengemeinschaft, die sich auf eine friedliche Konfliktlösung statt militärischer Gewaltanwendung verständigt haben, inzwischen ein etabliertes Regelwerk geschaffen worden. Wenn hier auch in der Regel der Terminus „Völkerfreundschaft“ nicht gebräuchlich ist, so bedeutet doch die kooperative Orientierung auf die Durchsetzung des Völkerrechts und die Geltung der Menschenrechte eine tendenzielle Ausrichtung auf einen Weg zur Verwirklichung der Idee der Völkerfreundschaft. Bereits in ihrer Charta 1945 ist das Ziel der Völkerfreundschaft kodifiziert, wenn es in Kapitel I. Ziele und Grundsätze, Artikel I heißt:[7]

„Die Ziele der Vereinten Nationen sind: [...] 2. freundschaftliche Beziehungen zwischen den Nationen zu entwickeln, die auf der Achtung des Grundsatzes der Gleichberechtigung und der Selbstbestimmung der Völker beruhen, und andere geeignete Maßnahmen zur Festigung des Weltfriedens zu ergreifen...“

Ein Verfasserkollektiv der DDR schrieb in einem Pädagogischen Wörterbuch:[8]

„Analoge Merkmale wie die gereifte individuelle Freundschaft kennzeichnen auch die Völkerfreundschaft. Sie manifestiert sich im gemeinsamen Interesse, dem Kampf der Arbeiterklasse um Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung, in gegenseitiger Achtung und Anerkennung der nationalen Eigenständigkeit und Souveränität und schließt Solidarität, politische, ökonomische und kulturelle Zusammenarbeit ein. [...] Die Völkerfreundschaft wird vertieft durch die ständig zunehmenden Kontakte über Reisen, Kulturaustausch, die Tätigkeit der Massenmedien und persönliche Bekanntschaften.“

Zahlreiche blockfreie Staaten, besonders Asiens, Afrikas und des Vorderen Orients haben sich in der Zeit des Kalten Krieges von der Eingliederung in die zwei großen Militärbündnisse ferngehalten. Als sie auf ihrer Tagung im indonesischen Bandung 1955 eine Deklaration verabschiedeten, war darin zu lesen:[9]

„Frei von Misstrauen und Furcht und mit gegenseitigem Vertrauen und gutem Willen sollten die Nationen Toleranz üben und in Frieden als gute Nachbarn miteinander leben und eine freundschaftliche Zusammenarbeit... entwickeln.“

Das Menschheitsethos der Völkerfreundschaft hatte sich zwar mehr und mehr dort eingewurzelt, wo Bewegungen der antikolonialen Befreiung und der sozialistischen Gesellschaftsgestaltung politisch wirksam geworden waren, aber auch im Bereich der Weltreligionen, u. a. im Katholizismus gab es Perioden, in denen das Gut des Völkerfriedens in den Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit rückte, wie 1963 bei der Verkündung der Enzyklika Pacem in terris („Friede auf Erden“) durch den Reformpapst Johannes XXIII.:[10]

„Es erfordert aber, dass an die Stelle des obersten Gesetzes, worauf der Friede sich heute stützt, ein ganz anderes Gesetz gestellt werde, wodurch bestimmt wird, dass der wahre Friede unter den Völkern nicht durch die Gleichheit des militärischen Apparates, sondern nur durch gegenseitiges Vertrauen fest und sicher bestehen kann.“

Auch in Erklärungen von kommunistischen und Arbeiterparteien Europas bei ihren wiederkehrenden Tagungen ist es zu Bekenntnissen zum Streben nach Völkerfreundschaft gekommen, wie z. B. bei einer Tagung in Karlovy Vary 1967:[11]

„Der Platz der Jugend ist die erste Reihe des Kampfes gegen Krieg, Reaktion und Faschismus, für Freiheit, Fortschritt und für Völkerfreundschaft!“

Als Begriff ist die Vorstellung von der Freundschaft zwischen den Völkern auch in Verfassungen von realsozialistischen Staaten aufgenommen worden. In der Präambel der Verfassung der DDR vom 6. April 1968 heißt es beispielsweise:[12]

„Erfüllt von dem Willen, seine Geschicke frei zu bestimmen, unbeirrt auch weiter den Weg des Sozialismus und Kommunismus, des Friedens, der Demokratie und Völkerfreundschaft zu gehen, hat sich das Volk der Deutschen Demokratischen Republik diese sozialistische Verfassung gegeben.“

Das Bekenntnis zur Völkerfreundschaft gehörte in der DDR auch zu den Programmen der im Demokratischen Block versammelten Parteien und Massenorganisationen, ihren Statuten und Satzungen. Die inhaltliche Füllung und Verwendung des Begriffes richtete sich grundsätzlich gegen nationalistische Hybris, chauvinistische Feindbilder, rassenbiologische Theoriebildung, militaristisches Gebaren und jede kriegerische Außenpolitik. Nach den schrecklichen Verläufen der beiden Weltkriege, nach dem katastrophalen Ausgang des zweiten umso mehr, fand die Idee, freundschaftliche Beziehungen zwischen den Völkern herzustellen, eine Vielzahl von Anhängern in Ost und West. Freilich bewirkte der beginnende „Kalte Krieg“ zwischen den Großmächten inklusive der ihnen zugehörigen Staatengruppen eine deutliche Verringerung der ursprünglichen Strahlkraft des Begriffs. Während im westlich-atlantischen Denkhorizont Begriffe wie „freiheitliche Lebensweise“ oder „Freiheit des Unternehmertums“ die Sprache des Zeitgeistes prägten – und dies in offenkundiger Anfeindung jeder nichtkapitalistischen Lebensweise - , wurde die inflationäre Benutzung des Begriffs „Völkerfreundschaft“ durch kommunistische Parteien und Apparate angesichts ihrer antiwestlichen Rhetorik, aber auch ihres vielfach persönlichkeitsrechtsverletzenden Verhaltens gegenüber der eigenen Bevölkerung entwertet. Die restriktive Behinderung des Menschenrechts auf freie Wohnsitzwahl und Reisefreiheit hat die überstrapazierte Beschwörung von Völkerfreundschaft zudem desavouiert. So wurde aus einer Hoffnung vieler Menschen eine weithin leere Worthülse, hinter der sich keine Bevölkerungsmehrheiten mehr versammeln.

Dafür nahm die Schlussakte der Helsinki-Konferenz 1975 in ihren Texten mehrfach den Begriff der Völkerfreundschaft in der Form ihrer kursiven Verwirklichung auf, indem über die „stetige Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen“ gesprochen wird: in den Abschnitten I.a, VII., VIII., IX. und X.[13]

Materialisierungen des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedensglocke von Frankfurt (Oder) mahnt zu Frieden und Freundschaft zwischen den Völkern (Alter Standort)
Gaststättenschild in Berlin-Schöneweide

In der DDR erhielten zahlreiche Straßen, Plätze und öffentliche Einrichtungen den Namen „Völkerfreundschaft“. Auch Lieder und Musikstücke wurden mit der Begrifflichkeit identifiziert. Kunstwerke wie Plastiken oder baugebundene Kunstobjekte widmeten sich diesem Thema.

Lieder zum Thema Völkerfreundschaft (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Politische Organisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Internationale Festivals[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orden und Abzeichen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pioniergruß[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der DDR begrüßte der Pionierleiter die Jungen Pioniere mit dem Ruf: „Für Frieden und Völkerfreundschaft: Seid bereit!“ In dieser Grußformel wurde später der Begriff „Völkerfreundschaft“ durch den Begriff „Sozialismus“ ersetzt.

Griefstedt, Kriegerdenkmal aus DDR-Zeiten

Soziale, Bildungs- und Kultureinrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Brunnen der Völkerfreundschaft“ in Moskau
„Brunnen der Völkerfreundschaft“ in Erfurt, Plastiken von Eberhard Heiland
„Brunnen der Völkerfreundschaft“ in Berlin, gestaltet von Künstlerkollektiv um Walter Womacka

Kunstwerke der Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kreuzfahrtschiff „Völkerfreundschaft“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Stockholm (Schiff, 1948)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siegfried H. Sunnus (Hrsg.), Frankfurt am Main/Leipzig 1994, S. 268f.
  2. Karl Marx / Friedrich Engels: Werke, Band 17, S. 4.
  3. Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band IV, S. 208.
  4. Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Reihe II, Band 1, Juli 1914 bis Oktober 1917. Berlin 1958, S. 226.
  5. Präsident Roosevelt: Amerika und Deutschland 1936–1945. Auszüge aus Reden und Dokumenten. Hg. im Auftrage der Regierung der Vereinigten Staaten, o. O. u. J., S. 11.
  6. Josef Stalin: Fragen des Leninismus. Moskau 1946, S. 690.
  7. Die Entstehung der UNO. Zusammengestellt und eingeleitet von Harry Wünsche. Berlin 1974, S. 198.
  8. Hrsg. Hans-Joachim Laabs u. a. (Hrsg.): Pädagogisches Wörterbuch. Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1987, ISBN 3-06-202719-3, S. 141.
  9. Handbuch der Verträge 1871–1964. Verträge und andere Dokumente aus der Geschichte der internationalen Beziehungen. Hg. von Helmuth Stoecker unter Mitarbeit von Adolf Rüger. Berlin 1968, S. 594.
  10. Rundschreiben „Pacem in terris“. Über den Frieden unter allen Völkern in Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit. (Sonderdruck der Begegnung, Monatsschrift deutscher Katholiken, Berlin 1963, S. 15.)
  11. Für den Frieden und die Sicherheit in Europa. Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas zu Fragen der europäischen Sicherheit. Karlovy Vary 24. bis 26. April 1967, Berlin 1967, S. 16.
  12. Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Staatsverlag der DDR, 8. Auflage 1989, ISBN 3-329-00381-2, S. 5.
  13. Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Helsinki. In: Neues Deutschland, 2./3. August 1975, S. 5,6.
  14. http://www.voelle.de/impressum.php
  15. http://www.ms-voelkerfreundschaft.de/