Vier Edle Wahrheiten

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Die Vier Edlen Wahrheiten (pali cattāri ariyasaccāni, skt. चत्वारि आर्यसत्यानि, IAST-Transliteration catvāri āryasatyāni, tib. འཕགས་པའི་བདེན་པ་བཞི་, Wylie-Transliteration ’phags pa’i bden pa bzhi) bilden die Grundlage der buddhistischen Lehre. Sie sind Gegenstand von Buddha Siddhartha Gautamas erster Lehrrede (Sutta) in Sarnath, die als die „Rede vom Ingangsetzen des Rades der Lehre“ (dharmacakrapravartana sūtra) im Samyutta-Nikaya (S 56.11) des Pali-Kanon überliefert ist. Die Vier Edlen Wahrheiten werden noch an zahlreichen anderen Stellen der buddhistischen kanonischen Schriften genannt.

Die Vier Edlen Wahrheiten werden unterschiedlich aus dem Pali in die deutsche Sprache übersetzt. In der Formulierung der DBU lauten sie:[1]

  1. Die erste Wahrheit lehrt, dass alle Wesen dem Leiden unterworfen sind.
  2. Die zweite Wahrheit lehrt, dass das Leiden durch Begehren bedingt ist.
  3. Die dritte Wahrheit lehrt, dass durch Erlöschen der Ursache des Leidens, das Leiden selbst beendet werden kann.
  4. Die vierte Wahrheit lehrt, dass es einen Weg gibt, der zur Beendigung des Leidens führt. Dieser Weg wird Edler Achtfacher Pfad genannt.
Erklärung der vier edlen Wahrheiten
  1. Leben bedeutet Leiden, da weder die menschliche Natur selbst, noch die Welt in der wir leben, perfekt ist. Während unseres Lebens haben wir unweigerlich sowohl physische Leiden wie Schmerz, Krankheit, Verletzungen, Erschöpfung usw. zu erdulden, als auch psychische Leiden wie beispielsweise Trauer, Angst, Frustration oder Enttäuschung. Obwohl diese Leiden in unterschiedlicher Intensität vorkommen und wir auch positive Erfahrungen wie Wohlbefinden, Freude und Glück als das Gegenteil von Leiden durchleben, ist das Leben insgesamt nicht perfekt, da es durch Vergänglichkeit gekennzeichnet ist. Dies bedeutet, dass wir niemals in der Lage sein werden, etwas festzuhalten und so wie glückliche Momente verrinnen, werden auch wir selbst und unsere Familien eines Tages entschwinden.
  2. Die Ursache alles Leidens ist das Festhalten an vergänglichen Dingen und das nicht Wahrhaben wollen dieser Tatsache. Vergängliche Dinge sind nicht nur die physikalischen Objekte um uns herum, sondern auch Vorstellungen und Gedanken und darüber hinaus auch alle Objekte unserer Wahrnehmung. Unwissenheit ist das Fehlen der Erkenntnis, in welcher Weise unser Geist sich an Vergängliches klammert. Der Grund allen Leidens sind Verlangen, Leidenschaft, Streben nach Ansehen, Ruhm und Reichtum, mit anderen Worten: Gier und Anhaftung. Da jedoch die Objekte unserer Gier und Anhaftung vergänglich sind, ist ihr Verlust zwangsläufig, was wiederum neues Leiden verursacht. Objekte der Anhaftung beinhalten auch die Idee eines eigenständigen „Selbst“, was wiederum eine Täuschung ist, da es kein andauerndes, beständiges und eigenständiges Selbst gibt. Das, was wir „Selbst“ nennen, ist nur eine Vorstellung unseres Geistes, denn wir sind lediglich ein Teil des endlosen Werdens im Universum.
  3. Das Ende des Leidens kann durch nirodha erreicht werden. Nirodha meint die Aufhebung sinnlichen Verlangens und geistiger Anhaftung. Dies ist ein aktiv zu verfolgender Prozess, der über viele Stufen letztlich zum Zustand des Nirvana führt. Nirvana bedeutet Freiheit von allen Sorgen, Problemen, Wirrnissen und Vorstellungen. Nirvana kann nicht von denen verstanden werden, die es nicht erreicht haben.
  4. Dieser Weg, der zur Beendigung des Leidens führt, ist ein sukzessiver Prozess der Selbstverwirklichung. Er wird der Mittlere Weg genannt, da er zwischen einem Leben aus Verlangen und Materialismus und einem Leben aus Entbehrung und Peinigung von Körper und Geist verläuft. Er führt letztlich zur Beendigung des Zyklus der Wiedergeburt. Der Weg zur Beendigung des Leidens kann sich über mehrere Leben erstrecken, währenddessen jede Wiedergeburt durch ihr Karma beeinflusst wird. Auf diesem Weg werden beim Fortschreiten nach und nach Gier und Anhaftung aufgelöst.[2]

Die Hauptströme des heutigen Buddhismus bewerten die Vier Edlen Wahrheiten unterschiedlich. Im Theravada, der sich auf den frühen Buddhismus bezieht, gelten sie als die wesentliche Zusammenfassung von Buddhas Lehre. Im Mahayana, der „Zweiten Drehung des Rades der Lehre“, treten andere Aspekte in den Vordergrund, wie Leere (skt. Śūnyatā), Buddha-Natur und Bodhicitta. Im Vajrayana, der „Dritten Drehung des Rades der Lehre“, verschiebt sich der Schwerpunkt zu „Nur-Geist“- (skt. cittamatra) und erweiterten Bewusstseinslehren (skt. vijñānavāda).

Erste Edle Wahrheit (dukkha)[Bearbeiten]

Hauptartikel: Dukkha

Quelltext im Pali-Kanon[3]: „Das (unerleuchtete) Leben im Daseinskreislauf ist leidvoll: Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden; Kummer, Lamentieren, Schmerz und Verzweiflung sind Leiden. Gesellschaft mit dem Ungeliebten ist Leiden, das Gewünschte nicht zu bekommen ist Leiden. Kurz, die fünf Aneignungen (skandha, khandhah) sind Leiden.“

Dukkha wird meist mit „Leiden“ übersetzt. Da der Begriff „Dukkha“ jedoch umfassender ist als der deutsche Begriff „Leid(en)“, werden in der deutschsprachigen Literatur zusätzliche Umschreibungen wie „unbefriedigend“, „unvollkommen“ und „ungenügend“ verwendet. Der Religionswissenschaftler Michael von Brück vergleicht ausführlich buddhistische und christliche Glaubensvorstellungen. Im Gegensatz zum christlichen Missverständnis sei „nicht das Dasein als solches, sondern die verfehlte Haltung des Menschen zum Dasein dukkha“.[4] Dukkha sei also nicht einfach „Leiden“, sondern „die Frustration daran, dass die eigenen begrifflichen Projektionen nicht stimmen."

Als ursprünglichen Leidensgrund führt ein Großteil buddhistischer Schulen das Nichtwissen (skt. avidyā, p. avijjā) an, welches auch Teil der zwölfgliedrigen Kette des bedingten Entstehens ist. Nichtwissen um die Verbundenheit aller Dinge führe zu falschen Wahrnehmungen und falschem Handeln, was nach den kausalen Gesetzen des Karma zu leidvollen Erfahrungen führe. Eine dieser falschen Wahrnehmungen ist die Identifikation eines Egos bzw. Selbsts mit Gegenständen der materiellen Welt.

Zweite Edle Wahrheit (samudaya)[Bearbeiten]

Quelltext im Pali-Kanon[5]: „Die Ursachen des Leidens sind Begehren, Abneigung (negatives Begehren) und Unwissenheit (über die Natur des Leidens): Das Verlangen/Durst (pali: tanhā), – begleitet von Leidenschaft bzw. Wonne, genossen eben hier und eben da – nämlich das Verlangen nach Sinneslust, das Verlangen nach Werden, das Verlangen nach Nicht-Werden.“

Die bekannteste und allgemeinverständlichste Definition, wie man sie in zahlreichen Sanskrittexten findet, lautet wie folgt: "Es ist dieser „Durst“ (tanha), der neues Dasein und Wiedergeburt erzeugt und mit leidenschaftlicher Gier verbunden ist, der hier und da sich ergötzt in Form von:

  1. Durst nach den Lüsten der sechs Sinne (kāma-tanhā, im Buddhismus werden 6 Sinne betrachtet)
  2. Durst nach Dasein und Werden (bhava-tanhā)
  3. Durst nach Nicht-Dasein, Selbstvernichtung (vibhava-tanhā)

Dieser „Durst“, dieses Verlangen, Sucht, diese Gier offenbart sich in verschiedenster Weise und sind der ausschließliche Anlass für die Entstehung von dukkha und für die Fortdauer der Wesen. Tanhā ist nicht die erste oder einzige Ursache der Entstehung von dukkha. Es ist aber die unmittelbarste. Der „Durst“ entsteht durch die falsche Vorstellung des Selbst, das aus Universen entspringt.

Der Durst schließt also hier nicht nur das Verlangen nach und Hängen an Vergnügen sowie Reichtum und Macht ein, es beinhaltet zusätzlich das Hängen an Vorstellungen und Idealen, Ansichten, Meinungen, Lehren, Begriffen, und Glaubensvorstellungen (dhamma-tanhā). Laut Buddha entsteht alle Unruhe und Streit auf dieser Welt durch persönliche kleine Zankereien in Familien bis zu großen Kriegen zwischen Völkern und Ländern und zwar nur aufgrund dieses selbstsüchtigen „Durstes“.

Dritte Edle Wahrheit (nirodha)[Bearbeiten]

Quelltext im Pali-Kanon[5]: „Durch das Erlöschen (nirodha) der Ursachen erlischt das Leiden: Das restlose Vergehen bzw. Enden, Abkehren, Abtreten, Aufgeben und Loslassen genau dieses Verlangens (tanha).“

Vierte Edle Wahrheit (magga)[Bearbeiten]

Hauptartikel: Edler Achtfacher Pfad

Quelltext im Pali-Kanon[5]: „Erlöschen des Begehrens (und damit des Leidens) ist möglich. Zu diesem Erwachen führt der „Edle Achtfache Pfad“: Rechte Sicht, rechte Entschlossenheit, rechtes Reden, rechtes Handeln, rechter Lebensunterhalt/-erwerb, rechtes Bemühen, rechte Aufmerksamkeit/Achtsamkeit, rechte Konzentration.“

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Klaus Mylius (Hrsg.): Die Vier Edlen Wahrheiten. Texte des ursprünglichen Buddhismus. Bechtermünz Verlag, Augsburg 2000, ISBN 3-8289-4843-X.
  •  Dalai Lama: Die Vier Edlen Wahrheiten. Die Grundlagen des Buddhismus. Krüger Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3810511374.
  •  Alfred Weil: Morgenröte und heller Tag. Die vier befreienden Wahrheiten des Buddha. Verlag Beyerlein & Steinschulte, 2006, ISBN 9783931095611.
  •  Gen Atem: Die Vier Edlen Wahrheiten. Eine Einführung in den Buddhismus. Vier Jahreszeiten Verlag, 2006, ISBN 978-3033006102.
  •  Geshe Gyatso Kelsang: Wie wir unsere Probleme lösen. Die Vier Edlen Wahrheiten. Tharpa, 2005 (übersetzt von Andrea Schumacher), ISBN 978-3908543220.
  •  Hans Küng: Buddhismus. In: Spurensuche, die Weltreligionen auf dem Weg. 4, Piper, 2008, ISBN 978-3492251679.
  •  Gonsar Rinpotsche (Hrsg.): Buddhas erste Unterweisung. Die Vier edlen Wahrheiten. Edition Rabten, 2007, ISBN 978-3905497526.
  •  Frank Zechner: Die vier edlen Wahrheiten des Buddha. Einführung in den Buddhismus. OCTOPUS Verlag, Wien 2005, ISBN 978-3900290009.
  •  Nyanatiloka: Der Weg zur Erlösung. In den Worten der buddhistischen Urschriften. 1954 (http://www.palikanon.de/buddhbib/08wegerlos/weg_erlos01.htm, abgerufen am 10. Mai 2009).

Weblinks[Bearbeiten]

Quellentexte
Weiterführende Links

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Deutsche Buddhistische Union e. V.: Buddhistisches Bekenntnis. Abgerufen am 18. Dezember 2013.
  2. http://www.phathue.de/buddhismus/die-grundlehren-des-buddha/die-4-edlen-wahrheiten/
  3. Geiger, Wilhelm [Übers.]; Hecker, Hellmuth [Übers.]; Mahâthera, Nyânaponika [Übers.]; (Gautama, Buddha [Autor]): Die Reden des Buddha: Gruppierte Sammlung. Beyerlein und Steinschulte, Stammbach, 1997. ISBN 978-3-931095-16-1
  4. Michael von Brück, Whalen Lai: Buddhismus und Christentum. Geschichte, Konfrontation, Dialog. Verlag C. H. Beck, München, 2000. ISBN 3-406-46796-2 (S. 370ff.)
  5. a b c Kommentierter Quelltext am 9. Mai 2009 aus älterer Artikelversion ungeprüft übernommen. Wessen Übersetzung ist das?