Volksgeist

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Der Begriff Volksgeist schreibt der Gemeinschaft eines Volks eine gemeinsame Seele zu. Er ist ein ähnlicher Allgemeinbegriff wie Zeitgeist oder Weltgeist und gehört damit in die Geisteswelt des 19. Jahrhunderts. Häufig wird auch der Begriff Volksseele verwendet, der so viel wie Seele, Gemüt, Bewusstsein eines Volkes bedeutet.[1]

Ursprünge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Justus Möser und Johann Gottfried Herder erwähnen in den 1760er-Jahren einen „Nationalgeist“, wobei der Begriff Nation noch nicht im Sinne der Staatlichkeit verwendet wurde. Der Begriff Volk wurde erst nach 1800 populär.[2] Die Individualität des Volks war für Herder „noch nicht kulturell bestimmt“,[3] als Vorwegnahme späterer Konzeptionen des Volksgeistes kann sein Nationalgeist nicht unbedingt gelten.

Rechtsphilosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als einer der ersten verwendete der Jurist Friedrich Carl von Savigny zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Begriff, mit dem er das vom Volk entwickelte Rechtsempfinden bezeichnete (siehe Historische Rechtsschule). Savigny stützte sich unter anderem auf Montesquieus und Voltaires Konzeptionen des esprit. Voltaire sprach von einem esprit des nations („Geist der Nationen“) als Charaktereigenschaft von Nationen (Essai sur les mœurs et l’esprit des nations, 1756) und Montesquieu hielt einen esprit général („allgemeinen Geist“) für die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die ein Herrscher nicht ignorieren dürfe (Vom Geist der Gesetze, 1748). Savigny wiederum versuchte, das Recht auf ein gemeinschaftliches kultur- und geschichtsabhängiges Bewusstsein zurückzuführen, das er Volksgeist nannte.[4]

Völkerpsychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Hegels Vorstellung eines überpersönlichen „objektiven Geistes“ bekam der Volksgeist ein philosophisches Fundament. Wilhelm Wundt, Moritz Lazarus und Heymann Steinthal begründeten um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Wissenschaft der Völkerpsychologie, die einem je verschiedenen Volksgeist als Charakteristikum der „Völker“ nachging. Der Ansatz war bald veraltet, aber hatte einigen Einfluss auf Psychologie und Ethnologie.[5]

Esoterik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die idealistischen Begriffe vom Volksgeist wurden in der Folge zum Spiritualismus überhöht. Eine Bedeutung haben die Begriffe Volksgeist oder Volksseele in der Esoterik, etwa bei Rudolf Steiner, der 1910 in Oslo in elf Vorträgen die „Mission einzelner Volksseelen“ zur Darstellung gebracht hat. Er meint, dass jedem Volk ein Erzengel zugewiesen ist, dessen moralische Dignität sich in der Verfassung des Volkes offenbare.

Nationalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Volksgeist kam andererseits den nationalistischen Strömungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts gelegen. Otto Friedrich Gierke beschwor 1915 einen „deutschen Volksgeist im Kriege“[6]. Die rassistischen Vereinfachungen im Nationalsozialismus versuchten den „Volksgeist“ auch als biologische Eigenschaft zu fassen, wie Karl Larenz mit seiner Formulierung „Blut muss Geist, Geist muss Blut werden“.[7] Karl Peters brachte den Volksgeist mit der Konzeption eines „Gesunden Volksempfindens“ in Zusammenhang, die es ermöglichen sollte, geltendes Recht zu relativieren.[8]

Peter Sloterdijk hat den Volksgeist 1998 als eine medieninszenierte „Erregungsgemeinschaft“ diagnostiziert und eine dunkle Seite wahrgenommen. Doch spricht für Sloterdijk durch die Dichter „ein guter, wenn auch schwacher Grund für unser Zusammensein in nationaler Kohärenz.“

Bis heute wird der Ausdruck Volksgeist im rechtsphilosophischen, im esoterischen und im nationalistischen Sinne gebraucht.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Volksseele in duden.de, abgerufen am 9. September 2015
  2. Christoph Mährlein: Volksgeist und Recht. Hegels Philosophie der Einheit und ihre Bedeutung in der Rechtswissenschaft, Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S. 17–18. ISBN 3-8260-1906-7
  3. Mährlein: Volksgeist und Recht, S. 127.
  4. Benjamin Lahusen: Alles Recht geht vom Volksgeist aus. Friedrich Carl von Savigny und die moderne Rechtswissenschaft, Nicolai, Berlin 2012. ISBN 978-3894797263
  5. Ausführlich bei Egbert Klautke: The Mind of the Nation. Völkerpsychologie in Germany 1851–1955, Berghahn, Oxford, New York 2013. ISBN 9781782380207
  6. Otto von Gierke: Der deutsche Volksgeist im Kriege, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, Berlin 1915.
  7. Karl Larenz: Volksgeist und Recht, in: Zeitschrift für deutsche Kulturphilosophie, Bd. 1 (1934/35), S. 40.
  8. Karl Peters: Das gesunde Volksempfinden. Ein Beitrag zur Rechtsquellenlehre des 19. und 20. Jahrhunderts, DStR 1938, S. 337–350.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joxe Azurmendi: Volksgeist. Donostia: Elkar. 2007 ISBN 978-84-9783-404-9.
  • George W. Stocking (Hrsg.): Volksgeist as Method and Ethic. Essays on Boasian Ethnography and the German Anthropological Tradition, Madison: Univ. of Wisconsin Press 1996. ISBN 978-0-299-14550-7
  • Andreas Großmann: „Volksgeist – Grund einer praktischen Welt oder metaphysische Spukgestalt? Anmerkungen zur Problemgeschichte eines nicht nur Hegelschen Theorems“, in: A. Großmann, C. Jamme (Hrsg.): Metaphysik der praktischen Welt. Perspektiven im Anschluß an Hegel und Heidegger, Amsterdam: Rodopi 2000, S. 60ff. ISBN 90-420-0699-4
  • Peter Sloterdijk: Der starke Grund zusammen zu sein. Erinnerungen an die Erfindung des Volkes. Frankfurt. 1998.
  • Rudolf Steiner. Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange der germanisch-nordischen Mythologie. Dornach/Schweiz. 1974 u.a.