Vernunftrecht

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Vernunftrecht ist Recht, dessen Begründung aus der bloßen Vernunft hergeleitet wird. Es kann als säkularisierte Variante des Naturrechts verstanden werden.

Programm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der vernunftbegabte Mensch kann die gesellschaftlichen Notwendigkeiten durch vernünftige Überlegungen einsehen und dieser Einsicht gemäß handeln. Das Recht kommt aus dieser Einsicht, also aus der Vernunft, mithin aus dem Menschen selbst, er trägt das Recht in sich. Der vernunftbegabte Mensch hat die Möglichkeit, durch Nachdenken, Überlegen und Werten das Recht zu erkennen. Dies führt zu der Unterscheidung von „richtigem“ Recht, das aus der Vernunft abgeleitet ist, und positivem Recht, das dem Inhalt von positivistisch geschaffenen Gesetzen entspricht.

Die Vorstellung eines Vernunftrechts wurde in der Aufklärung entwickelt. Von maßgeblicher Bedeutung ist die Schrift Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre von Immanuel Kant. Der vernünftige Wille wird bei Kant zur Grundlage des richtigen Handelns. Jedem Menschen steht kraft seiner Menschheit das Recht auf (prinzipiell unbeschränkte) Freiheit zu (was insbesondere auch bei Johann Gottlieb Fichte betont wird.[1]) Freilich kommt es in einer Gesellschaft zu Konflikten zwischen der Freiheit des Einzelnen mit der Freiheit anderer. Zur Auflösung solcher Konflikte und um die Freiheit aller zu gewährleisten, dient das Recht dazu, die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit in Einklang zu bringen.[2] Weitere Vertreter des Vernunftrechts waren etwa in Deutschland Samuel Pufendorf, Christian Thomasius und Christian Wolff, in Österreich Karl Anton von Martini und Franz von Zeiller.

Moderne Vertreter des Vernunftrechts sind unter anderem Ronald Dworkin und Robert Alexy.

Die Lehre vom Vernunftrecht steht im Gegensatz zum Rechtspositivismus, der für Entstehung, Durchsetzung und Wirksamkeit von Rechtsnormen allein deren positive Setzung durch das Volk beziehungsweise den Staat voraussetzt, sodass demnach das Recht keine überpositive (ethische) Begründung brauche.

Kodifikation des Rechts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein wesentlicher Aspekt des vernunftrechtlichen Denkens ist das Ziel, die Rechtsordnung in große Kodifikationen zusammenzufassen, mithin in einem möglichst geschlossenen und vollständigen System zu sammeln.

Die wichtigsten, heute noch geltenden vernunftrechtlich geprägten Zivilrechtskodifikationen, sind der französische Code civil (1804) und das österreichische Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch von 1811 (ABGB). § 16 ABGB fasst die Basis des Vernunftrechts prägnant zusammen:

„Jeder Mensch hat angeborene, schon durch die Vernunft einleuchtende Rechte, und ist daher als eine Person zu betrachten. Sklaverei oder Leibeigenschaft, und die Ausübung einer darauf sich beziehenden Macht, wird in diesen Ländern nicht gestattet.“

Weitere große vernunftrechtlich geprägte Kodifikationen waren in Bayern der Codex Maximilianeus Bavaricus Civilis von 1756 sowie in Preußen das Allgemeine Landrecht von 1794.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Franz Wieacker: Privatrechtsgeschichte der Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung. 2. Auflage. Göttingen 1967.
  • Ursula Floßmann, Herbert Kalb, Karin Neuwirth: Österreichische Privatrechtsgeschichte. 7. Auflage. Verlag Österreich, Wien 2014.
  • Ernst Bloch: Naturrecht und menschliche Würde. Suhrkamp, Frankfurt 1961, S. 81 ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Vernunftrecht – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johann Gottlieb Fichte: Grundlage des Naturrechts nach Principien der Wissenschaftslehre. Gabler, Jena und Leipzig 1796/1797, S. 116 ff.
  2. Immanuel Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre. Akademie-Ausgabe, S. 230.