Früherkennung von Krankheiten

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit den medizinischen Möglichkeiten der Früherkennung von Krankheiten. Diese Maßnahmen sind eine Form des Screenings, wenn sie nicht auf Risikogruppen beschränkt, sondern allen Versicherten angeboten werden.

Abgrenzung zum Begriff der Vorsorge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter Vorsorge (auch Primärprävention genannt) versteht man Maßnahmen, die geeignet sind, das Auftreten von Krankheiten zu verhindern (z. B. Impfung, Hygiene, Unfallverhütung, Aufgabe des Rauchens, mehr körperliche Aktivität, gesunde Ernährung). Ein klassisches Fachgebiet der Medizin, welches sich fast ausschließlich mit Vorsorge und Vermeiden von Erkrankungen befasst, ist die Arbeitsmedizin.

Medizinische Früherkennungsmaßnahmen werden gelegentlich auch als „Vorsorgeuntersuchung“ bezeichnet, was nicht nur fachsprachlich falsch, sondern auch missverständlich ist, da beispielsweise der Eindruck entstehen kann, die regelmäßige Teilnahme verhindere das Auftreten einer Krebserkrankung (Black et al. 1997). Tatsächlich dient die „Krebsvorsorge“ meist allein der früheren Diagnose, wodurch eine bessere Behandlung möglich werden soll. Eine Ausnahme stellt die Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchung mittels Koloskopie (Darmspiegelung) dar; hier werden gegebenenfalls gutartige Polypen entfernt, die sonst in den folgenden Jahren maligne entarten und zu Darmkrebs werden könnten (Adenom-Karzinom-Sequenz).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wunsch nach besseren, erfolgreicheren Behandlungsmethoden im Mittelalter führte dazu, Kenntnisse über die Entstehung von Krankheiten zu gewinnen. Entsprechende Untersuchungen wurden (und werden) auf vielen Gebieten durchgeführt. Die medizinischen Grundlagenwissenschaften erlebten einen immensen Aufschwung, und die Entdeckungen auf diesem Gebiet wurden entsprechend geehrt, wie an der großen Anzahl von Genetikern in der Liste der Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin erkennbar ist. Begriffe wie Epidemiologie, medizinische Biochemie, medizinische Statistik mögen als weitere Stichworte dienen.

Heutige Möglichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit diesem besseren Verständnis der Krankheiten war es nicht mehr nötig, auf den Ausbruch der Erkrankung zu warten. So lassen sich heute mittels Verfahren der Pränataldiagnostik schon während der Schwangerschaft einige Erkrankungen beim Ungeborenen feststellen. Ob ein im Mutterleib wachsendes Kind einer Patientin mit Phenylketonurie ebenfalls diese Erkrankung haben wird und sich die werdende Mutter deshalb noch genauer an ihren Diätplan (strikte Begrenzung der Eiweißaufnahme) halten muss, kann z. B. durch eine Amniozentese herausgefunden werden.

Insbesondere beim Einführen einer Untersuchung als Reihenuntersuchung sind jedoch alle Vor- und Nachteile der Methode sowie Möglichkeiten und Grenzen der Behandelbarkeit einer Erkrankung gründlich gegeneinander abzuwägen.

Im Bundesrat wurde am 1. März 2013 das Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz abschließend beraten. Alle Daten über das Auftreten, die Behandlung und den Verlauf von Krebserkrankungen sollen zukünftig flächendeckend in klinischen Krebsregistern erfasst, ausgewertet und an die Leistungserbringer zurückgemeldet werden. Ziel ist es, die Behandlung der Patienten qualitativ zu verbessern. Durch die Neuregelung wird auch die Krebsfrüherkennung ausgebaut. Bürger sollen nach dem Vorbild des organisierten Mammographie-Screenings künftig auch gezielt zur Darmkrebs- und Gebärmutterhalskrebsfrüherkennung eingeladen werden. Außerdem werden Qualitätssicherung und Erfolgskontrolle der Krebsfrüherkennungsprogramme ausgebaut.[1]

Prinzipielle Erwägungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ärztliche Untersuchungen zeichnen sich durch eine sehr unterschiedliche Invasivität aus. Prinzipiell muss bei allen ärztlichen Eingriffen das Verhältnis zwischen Nutzen und Gefahren gemeinsam mit dem Patienten abgewogen werden. Das Messen des Blutdruckes zur Früherkennung einer arteriellen Hypertonie ist ein Beispiel für eine risikofreie Untersuchung. Demgegenüber liegt das Fehlgeburtsrisiko bei der Durchführung einer späten Amniozentese bei bis zu 2 % und bei einer Chorionzottenbiopsie bei bis zu 5 %.

Dass Früherkennung durch eine bessere Therapie Lebenszeit und vielleicht auch Lebensqualität bringt, lässt sich zwar plausibel begründen, ist aber statistisch nur für wenige Vorsorgeuntersuchungen methodisch streng nachgewiesen. Der Rückgang der krankheitsbezogenen Mortalität genügt nicht als Beweis für den Nutzen, da durch Diagnostik und Therapie andere Todesursachen begünstigt werden können. Dass Menschen, die regelmäßig an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen, älter werden als der Rest der Bevölkerung, könnte auch daran liegen, dass diese Menschen allgemein gesundheitsbewusster leben. Der Nutzen von Früherkennungsuntersuchungen wird gerade in der deutschen Öffentlichkeit deutlich überschätzt.[2] Mögliche Ursachen sind die Verwendung des Vorsorgebegriffs (siehe oben), die Präsentation relativer statt absoluter Risikoreduktionen sowie die Verwendung irreführender statistischer Größen wie der 5-Jahres-Überlebensrate: Früherkennung wirkt sich positiv auf diesen Parameter aus, selbst wenn die Patienten trotz früherer Behandlung nicht länger leben, da das Intervall zwischen Diagnose und Tod verlängert wird, oft über fünf Jahre hinaus (lead time bias). Eine weitere statistische Verzerrung ist der length time bias: Krankheitsausprägungen langsameren Verlaufs werden in der Früherkennung eher entdeckt als sehr aggressive Verläufe, bei denen Erkrankung bis Tod in das Intervall zwischen zwei Untersuchungen fallen können. Früherkannte Fälle haben also schon deshalb einen Überlebensvorteil, weil aggressive Verläufe in ihrer Gruppe unterrepräsentiert sind.

Jede Untersuchung ist ein statistischer Test, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Gesunde als krank und Kranke als gesund klassifiziert. Selbst Untersuchungen mit hoher Sensitivität und Spezifität erreichen, wenn sie auf eine größtenteils gesunde Bevölkerung angewandt werden, einen schlechten positiven Vorhersagewert, d. h. viele positiv Getestete sind in Wahrheit gesund und müssen Angst und invasivere Diagnostik (z. B. Biopsien) erdulden, einzelne werde gar unnötig behandelt. Selbst eine korrekte Früherkennung mit optimaler Therapie kann schädlich sein, wenn der Patient vor Auftreten relevanter Symptome ohnehin aus anderem Grund verstorben wäre (overdiagnosis), dies ist insbesondere beim Prostatakrebs eine relevante Überlegung.

Empfohlene Untersuchungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland sind Untersuchungen zur Früherkennung von Krankheiten in den §§ 25 und 26 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch verankert.

Danach hat jeder gesetzlich Krankenversicherte ab 35 Jahren das Recht, sich auf Kosten der Krankenkasse alle zwei Jahre „auf Herz und Nieren“ prüfen zu lassen. Eine halboffizielle Bezeichnung ist Gesundheits-Check-up. Dazu gehören neben einer Anamnese die Ganzkörperuntersuchung (körperliche Untersuchung) durch den Arzt, eine Blutdruckmessung, eine Untersuchung des Blutzucker- und Cholesterinspiegels und eine Urinuntersuchung. Dabei werden auffällige Befunde der weiteren diagnostischen Abklärung zugeführt.

Für Frauen ab dem 20. Lebensjahr und für Männer ab dem 45. ist jährlich eine Untersuchung zur Krebsfrüherkennung möglich, die von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird.

Nach § 11 Arbeitsschutzgesetz haben alle Arbeitgeber ihren Beschäftigten regelmäßige arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen zu ermöglichen, die sich an der Beurteilung der Arbeitsbedingungen orientieren müssen. Die Kosten dieser Untersuchungen trägt der Arbeitgeber. Neben der Früherkennung von Krankheiten sollen diese Untersuchungen vor allem dazu dienen, Gesundheitsgefahren bei der Arbeit zu erkennen und zu beheben.

Einzelne Krankheiten und Untersuchungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende Liste gibt einen (unvollständigen) Überblick über Erkrankungen und mögliche Untersuchungen zur Früherkennung. Sie ist keine Empfehlung für durchzuführende Untersuchungen. Bezüglich genereller Vor- und Nachteile von Früherkennungsuntersuchungen siehe oben. Spezielle Vor- und Nachteile werden im jeweiligen Artikel diskutiert.

Die öffentliche Diskussion über Früherkennung gilt in Deutschland vor allem Krebserkrankungen. Die Deutsche Krebshilfe hat im August 2012 zeitgleich mit dem vom Bundeskabinett verabschiedeten Gesetzentwurf für verbesserte Leistungen zur Krebsfrüherkennung fünf aktuelle Faltblätter zu gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen bei Brust-, Darm-, Haut-, Gebärmutterhals- und Prostatakrebs vorgelegt, die an Interessenten kostenlos abgegeben werden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Black W.C, Nease R.F Jr. und Tosteson: Perception of Breast cancer risk and screening effectiveness in woman younger than 50 years of age (1995) In: Journal of the National Cancer Institute, 87: S. 720–731
  • Rolf Becker, Walter Fuhrmann, Wolfgang Holzgreve u. a.: Pränatale Diagnostik und Therapie – Humangenetische Beratung, Ätiologie und Pathogenese von Fehlbildungen, invasive, nichtinvasive und sonographische Diagnostik sowie Therapie in utero (1995)
  • Barbara Maier: Ethik in Gynäkologie und Geburtshilfe. Entscheidungen anhand klinischer Fallbeispiele, (2000) Verlag Springer ISBN 3-540-67304-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Vorsorgeuntersuchung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.bundesgesundheitsministerium.de: Pressemitteilung
  2. Gerd Gigerenzer, Jutta Mata, Ronald Frank: Public knowledge of benefits of breast and prostate cancer screening in Europe. In: Journal of the National Cancer Institute. Band 101, Nr. 17, 2. September 2009, S. 1216–1220, PMID 19671770.
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