Waterloo-Zähne

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Gebissprothese mit Waterloo-Zähnen, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr

Waterloo-Zähne (englisch Waterloo teeth) sind Zähne, die den Gefallenen der Schlacht bei Waterloo (1815) entnommen und als Zahnersatz verkauft wurden.

Beschreibung und geschichtliche Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im frühen 19. Jahrhundert war Elfenbein das übliche Material zur Herstellung künstlicher Zähne und Zahnplatten.[1] Die erstmals in Frankreich von Nicolas Dubois de Chémant gefertigten Porzellanzähne waren demgegenüber zerbrechlich, unnatürlich weiß, und hatten außerdem den Nachteil, zu knirschen, wenn sie gegeneinander rieben. Neben Prothesen verkauften einige Zahnärzte auch menschliche Zähne, die oftmals von Leichenfledderern aus Grüften und von Schlachtfeldern erbeutet wurden.

Herkunftsquelle der Waterloo-Zähne waren die Schlachtfelder von Waterloo, auf denen mehrere zehntausend Tote und Verwundete lagen. Den Gefallenen mit gesunden Zähnen entnahm man die Zähne. Sogar noch lebenden Verwundeten sollen von den Fledderern Zähne herausgebrochen worden sein. Der Handel mit diesen Zähnen nahm solche Ausmaße an, dass sich für sie später sogar ein eigener Begriff bildete, nämlich Waterloo-Zähne. Viele Leute trugen Waterloo-Zähne, ohne von ihrer Herkunft zu wissen. Nach überlieferten Rechnungen war eine Zahnreihe aus menschlichen Zähnen in England für 20 bis 30 Guineas zu erwerben.[2] In Bransby Blake Coopers The Life of Sir Astley Cooper sagt ein Bursche:

„Oh, Sir, lasst nur wieder eine Schlacht sein, und wir haben keinen Mangel mehr an Zähnen. Ich ziehe sie ebenso schnell, wie die Männer fallen.“

Ein weiteres „Reservoir“ für menschliche Zähne war der Amerikanische Bürgerkrieg (1861 bis 1865). Auch dort wurden den Gefallenen Zähne extrahiert und massenhaft nach London verschifft.[3] Auch für diese Zähne übernahm man die Bezeichnung Waterloo-Zähne.[4]

Echte menschliche Zähne konnten am Träger täuschend natürlich aussehen, falls sie am Zahnfleisch gut befestigt waren und durch die Lippen teilweise verdeckt wurden.[5] Auch wenn keine Desinfektionsmittel vorhanden waren, so gibt es doch Hinweise darauf, dass diese Zähne vor der weiteren Verarbeitung ausgekocht wurden.

Den florierenden Handel mit Zähnen von Schlachtfeldern gibt auch der Würzburger Zahnarzt Karl Joseph Ringelmann (1776–1854) in seinem Werk „Der Organismus des Mundes, besonders der Zähne“ aus den 1820er-Jahren wieder.[6] Das Entnehmen von gesunden Zähnen bei lebenden Menschen aus niederen sozialen Schichten für die Reichen hält er für ethisch verwerflich, denn dies sei ein barbarisches Verfahren, „wodurch sich die Heilkunst als eine entweihte Dienerin des höchsten Grades menschlicher Verworfenheit bekundet“.[7]

Die Verwendung menschlicher Zähne als Zahnersatz nahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zugunsten von Porzellanzähnen ab. Sie blieben aber ein gebräuchlicher Handelsartikel, wie Auflistungen in Produktkatalogen für den zahnärztlichen Bedarf belegen.[8]

Die Beendigung der Fledderei dürfte durch den veränderten Umgang mit Kriegsgefangenen und Gefallenen nach der Unterzeichnung der ersten Genfer Konvention vom 22. August 1864 gewesen sein. Auf der international besetzten Konferenz gingen zwölf europäische Staaten einen revolutionären Schritt hin zu mehr Humanität. In der Haager Landkriegsordnung von 1907 steht unter Kapitel I. Verwundete und Kranke, Artikel 3 (Pflicht des Siegers): „Nach jedem Kampf soll die das Schlachtfeld behauptende Partei Maßnahmen treffen, um die Verwundeten aufzusuchen und sie, ebenso wie die Gefallenen, gegen Beraubung und schlechte Behandlung zu schützen“, (Reichsgesetzblatt, Nr. 25, 8. August 1907, S. 279 ff.).[9] Dies setzte der Praxis der Leichenfledderei ein offizielles Ende.

Sammlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Sammlung von Gebissen aus Waterloo-Zähnen befindet sich im Victoria Gallery & Museum in Liverpool. Das Apsley House in London ist im Besitz eines entsprechenden Gebisses des Duke of Wellington.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stephanie Pain: The great tooth robbery. New Scientist 2295 (16. Juni 2001), ISSN 0262-4079 (Online).
  • John Woodforde: Die merkwürdige Geschichte der falschen Zähne (Originaltitel: The Strange Story of False Teeth, übersetzt von Annemarie Leibbrand-Wettley), S. 61–64. Heinz Moos, München 1969 DNB 458698423.
  • A Catalogue of Artificial Teeth and Dental Materials Manufactured and Sold by Claudius Ash & Sons, 7, 8, & 9, Broad Street, Golden Square, London, 1865, Landkirchen: Pelican Publishing, 2000 (facsimile).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Woodforde, S. 61
  2. Woodforde, S. 62; Pain
  3. J. Menzies Cambell: Dentistry then and now. Pickering and Inglis, Glasgow 1963. Zitiert in Woodforde, S. 63
  4. a b Paul O'Keeffe: Waterloo: The Aftermath.. Random House, , ISBN 978-1-4464-6633-9, S. 57.. Abgerufen am 27. November 2014.
  5. Woodforde, S. 62 f.
  6. K. J. Ringelmann, Der Organismus des Mundes, besonders der Zähne, deren Krankheiten und Ersetzungen für Jedermann insbesondere für Aeltern, Erzieher- und Lehrer, Nürnberg 1824, S. 527.
  7. K. J. Ringelmann, Der Organismus des Mundes, besonders der Zähne, deren Krankheiten und Ersetzungen für Jedermann insbesondere für Aeltern, Erzieher- und Lehrer, Nürnberg 1824, S. 513.
  8. Woodforde, S. 63
  9. Haager Landkriegsordnung., Geschichtsthemen. Abgerufen am 15. Januar 2017.