Wo warst du, Adam?

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Wo warst du, Adam? ist ein 1951 erschienener Roman von Heinrich Böll. Der Autor stellte diesem Werk zwei Mottos voran. Das erste entstammt den Tag- und Nachtbüchern von Theodor Haecker: „Eine Weltkatastrophe kann zu manchem dienen. Auch dazu, ein Alibi zu finden vor Gott. Wo warst du, Adam? „Ich war im Weltkrieg“. Das zweite ist aus Antoine de Saint-Exupérys "Flug nach Arras".

Inhalt[Bearbeiten]

„Wo warst du, Adam?“ „Ich war im Weltkrieg“ – mit dieser formelhaften Aussage von Theodor Haecker überschreibt Heinrich Böll seinen zuerst im Verlag Middelhauve erschienenen Antikriegsroman, der den Weg des Soldaten Feinhals von der Ostfront bis auf die Schwelle seines Elternhauses verfolgt.

In verschiedenen episodenhaften Ausschnitten fügt Böll eine Collage aus Eindrücken zusammen, die in ihrer Gesamtheit ein erschütterndes Bild der Zerstörung durch die Kriegsmaschinerie bilden. Es werden die Geschichten der Personen erzählt, die direkt oder auch nur indirekt den Weg von Feinhals auf dem bildhaften Rückzug kreuzen. Vorgesetzte, andere Soldaten, eine alte slowakische Wirtin, die seit Jahren die Deutschen vorrücken und wieder zurückziehen sieht, und eine katholische Jüdin, deren Schicksal in das Konzentrationslager (und ihre Erschießung) dann verfolgt wird: sie alle zusammen sind in diesem Roman Leidtragende eines nicht enden wollenden Prozesses, der sich Weltkrieg nennt.

Böll zeigt die Unmenschlichkeit dieser schwerfälligen Kriegsmaschinerie. In der Sprache spiegelt sich die allgemeine Hoffnungslosigkeit: Natur und Menschen sind müde, farblos und kaputt nach den Jahren der Zerstörung. Im Roman wird kaum über die Geschehnisse reflektiert, sondern das Leben als ein auf seine Grundbedürfnisse reduziertes Dasein gezeigt. Essen und Trinken werden in den Schilderungen zu ebenso wichtigen Informationen wie die Schilderung der Natur, in deren Leere (an der Ostfront) sich die innere Leere des Geistes spiegelt.

Scheinbar den Ereignissen des Krieges zum Trotz und wider besseres Wissen suchen die Charaktere auch hier nach Leben und Liebe. Doch Böll enttäuscht jede Hoffnung und zeigt die Absurdität menschlichen Lebens im Krieg: Feinhals' Vorgesetzter wird bei der Kapitulation vor den Russen durch einen Blindgänger getötet, die Jüdin wird im KZ brutal ermordet, und Feinhals selbst stirbt am Ende auf der Schwelle seines Elternhauses durch eine deutsche Granate (die weiße Kapitulationsfahne wird sein Leichentuch).

Anders als viele andere Nachkriegsromane erschüttert Böll nicht durch Brutalität oder einzelne menschliche Verbrechen. Der Effekt des Romans schöpft sich aus der Breite der vielen Darstellungen. Durch die stetige Wiederholung von Hoffnungslosigkeit und Tod durchläuft der Leser einen Prozess, der ähnliche Abstumpfung hervorruft, wie sie Böll in der Person des Soldaten Feinhals aufzeigt.

Bemängelt wurde an dem Roman, dass Böll nur den Krieg und seine Furchtbarkeit thematisiert; die spezifisch nationalsozialistischen Verbrechen bleiben fast unerwähnt (auch die Erschießungsszene im KZ und der Judentransport unterstreichen eher die Unmenschlichkeit der Kriegsmaschinerie, als dass Böll hier Anklage leistet). Der Roman liest sich also mehr wie ein pazifistischer Aufruf gegen Krieg im Allgemeinen.

Handlung[Bearbeiten]

Das erste Kapitel beginnt mit der Beschreibung der Stimmung der Soldaten, die eine Schlacht austragen sollen. Dabei werden Feinhals und seine Stimmung während des Marschierens besonders ausführlich beschrieben. Die Schlacht geht verloren, die Überlebenden finden sich im Lazarett wieder. Der Oberst ist verletzt und ruft nur „Sekt – kühlen Sekt“ oder „eine Frau – eine kleine Frau“.

Das zweite Kapitel fängt dort an, wo das erste endete: auf der Krankenstation. Es wird aber aus der Sicht des verletzten Obersten erzählt, dessen Name jetzt genannt wird: Bressen. Der Leser erfährt jetzt, weshalb er, wie im ersten Kapitel, von kühlem Sekt und kleinen Frauen geredet hat: er erinnert sich an sein Leben, wie er mit einem Freund Sekt trank oder Zigarren rauchte. Dabei betrachtet er die Bilder, die an den Wänden hängen.

Das dritte Kapitel ist eines der längsten im Buch. Die zentralen Figuren sind der Feldwebel Alois Schneider und der Hauptmann Bauer, der schon im ersten Kapitel vorkam. Bei der Darstellung Alois Schneiders wird in erster Linie die tägliche Routine im Lazarett beschrieben. Zum Beispiel das regelmäßige Auftauchen der Ungarin Szarka, die Gemüse und Obst für das Lager bringt. Eine wichtige Figur ist der Hauptmann Bauer, dessen Leben nach einem Motorradunfall auf das Wiederholen des Wortes „Bjeljogorsche“ beschränkt ist (er wiederholt dieses Wort alle 50 Sekunden). Außerdem läuft ein Kriegsverfahren wegen Selbstverstümmelung gegen ihn, weil er beim Fahren seinen Helm nicht trug. Das Lazarett, in dem sich alle befinden, wird auf Befehl geräumt, weil der Feind sich rapide nähert. Als die russischen Panzer vor dem Lazarett stehenbleiben, hebt Feldwebel Alois Schneider eine weiße Fahne mit dem roten Kreuz hoch und nähert sich langsam den Panzern. Dabei tritt er versehentlich auf einen Blindgänger, der schon länger da lag. Die russischen Soldaten halten die Explosion für einen Schuss und schießen das Lazarett nieder. „Erst später merkten sie, dass von der anderen Seite kein einziger Schuss fiel“.

Im vierten Kapitel geht es ausschließlich um die Figur des Grecks. Seine Ängste und Gedanken werden bis ins kleinste Detail peinlich genau beschrieben. Greck ist auf dem gleichen Lazarett stationiert wie Feinhals. (Zwischen den Kapiteln drei und vier wurde das Lazarett gewechselt). Nun hat Greck Urlaub und hält sich in einer naheliegenden Stadt auf. Er hat seine Hose an einen Juden verkauft, und hat panische Angst davor deswegen erwischt zu werden. Er kehrt in das Lager zurück.

Im fünften Kapitel geht es wieder um Feinhals. Er verliebt sich in die jüdische Lehrerin Ilona. Sie können aber nicht zusammenbleiben, weil Feinhals einen Marschbefehl erhält und Ilona um jeden Preis ihre Familie im Ghetto wiedersehen will. Sie trennen sich, ohne die Adressen zu tauschen. Feinhals wird von einem roten Möbelwagen abgeholt, der ihn und andere Soldaten zur Front bringen soll.

Im sechsten Kapitel setzt der rote Möbelwagen Feinhals, Greck, Finck und die anderen Soldaten in einem Dorf ab, um dort eine Schlacht auszutragen. Finck stirbt, weil er einen Koffer voller Weinflaschen mit sich schleppte. Dr. Greck erleidet schreckliche Schmerzen aufgrund seiner Magenkrankheit, die schon im vierten Kapitel erwähnt wurde. Er wird aber von seinem Leiden erlöst, als eine durch ein Geschoss getroffene und einstürzende Scheunenüberdachung ihn begräbt.

Das siebte Kapitel zählt zu den längsten und wichtigsten Kapiteln des Buches. Ilona wird zusammen mit anderen Juden in einem grünen Möbelwagen in ein Konzentrationslager deportiert. Dort hat der Obersturmführer Filskeit das Kommando. Dieser ist auch eine der Figuren, die im Buch am genauesten beschrieben werden. Filskeit ist ein überzeugter Rassist. Er schwärmt für zwei Dinge: den Rassengedanken und den gemischten Chor. Bei der Ankunft im Lager werden die Gefangenen nach Kriterien ihrer Gesangsfähigkeit sortiert, entweder werden sie dem „Lager-Chor“ zugeordnet oder direkt ermordet. Auch Ilona muss vorsingen und singt ein katholisches Lied auf Latein. Filskeit kann den Gedanken nicht ertragen, dass eine Jüdin katholisch sein konnte, so gut singen konnte und noch dazu in ihrem Aussehen nicht in die Rassenideologie zu passen schien. „Er schoss sein ganzes Magazin auf die Frau, die am Boden lag und unter Qualen ihre Angst erbrach....“ Filskeit gibt den Befehl alle Juden im Lager zu töten, und „draußen fing die Metzelei an“.

Im achten Kapitel wird die Sinnlosigkeit des Krieges am eindeutigsten dargestellt. Feinhals wird in die Slowakei, an die Grenze zu Polen, versetzt, um dort als Architekt dem Bau einer Brücke zu helfen, die früher von Partisanen gesprengt wurde. Es wird hier aus der Sicht Frau Susans erzählt, der eine Gaststätte in der Nähe der Brücke gehört. Sie beobachtet die Soldaten und merkt, dass diese den ganzen Tag lang nichts Konstruktives tun und dafür auch noch ein Vermögen bekommen. Die Brücke wird mit großer Mühe und in kürzester Zeit wieder aufgebaut, um unmittelbar nach ihrer Fertigstellung wieder gesprengt zu werden, weil die Russen näher rücken. Durch dieses Beispiel lässt Böll den Krieg am eindeutigsten sinnlos und lächerlich erscheinen. Um ganz sicherzugehen, dass der Leser nicht doch einen Sinn in Wiederaufbau und Sprengung der Brücke entdeckt, wird nicht aus der Sicht eines Soldaten, sondern aus der einer Außenstehenden erzählt, die die Dinge ohne jegliche Verzerrung so sieht, wie sie sind.

Im letzten Kapitel kehrt Feinhals wieder in seine Heimatstadt zurück. Diese wird bei seiner Ankunft von den Amerikanern beschossen. Er hält bei Finck Weinstuben und Hotel an. Er sieht den General, dem er im ersten Kapitel begegnete. Er ist jetzt von den Amerikanern gefangen genommen worden. Feinhals merkt, dass er nun viel fröhlicher und lebendiger wirkt als vorher. Schließlich stirbt Feinhals „auf der Schwelle seines Hauses“ durch einen direkten Granatentreffer, dem letzten von 7 abgezählten Schüssen, die das deutsche Artilleriegeschütz jeden Tag abgibt. Seine Leiche wird von der weißen Fahne an seinem Elternhaus bedeckt.

Zeitgenössische Rezeption[Bearbeiten]

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" (Ausg. vom 9. Januar 1952) zeigte seinen Lesern den Roman an als „das bildkräftigste Kriegsbuch aus deutscher Feder“, und der Kritiker Hans Schwab-Felisch attestierte dem ersten veröffentlichten Roman des seinerzeit noch weitgehend unbekannten Autors "streckenweise echte dichterische Größe" ("Der Monat", März 1952, S. 648). Konrad Stemmer urteilte in der "Neuen Zeitung" (Nr. 295, 15./16. Dezember 1951): „Zum ersten Male hat ein junger deutscher Schriftsteller hier ein Bild des letzten Krieges gezeichnet, wie es in dieser Unerbittlichkeit und mit ebenso viel Realistik wie Kunstverstand bisher nicht geschehen ist.“

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Erstdruck: Friedrich Middelhauve, Opladen 1951
  • Taschenbuchausgabe: Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1954 (von Böll durchgesehen und bearbeitet; bis heute der zuverlässigste Text, aber nicht mehr lieferbar).
  • Ullstein Taschenbücher-Verlag, Ullstein Buch Nr. 84, 1957.
  • dtv-Taschenbuchausgabe (von den derzeit lieferbaren Ausgaben die zuverlässigste).
  • Band 5 der Kölner Böll-Ausgabe, Kiepenheuer & Witsch 2004. Diese Ausgabe von Wo warst du, Adam? weist laut Werner Bellmann Textfehler und Lektoratseingriffe auf. Er zählte rund 50 Fehler und zog das Fazit: „Diese Edition ist nicht zitierfähig.“[1] Vgl. dazu den Kritischen Beitrag von Bellmann in Wirkendes Wort 57 (2007).

Literatur[Bearbeiten]

  • Alfred Andersch: Christus gibt keinen Urlaub. In: Frankfurter Hefte 6 (1951) Heft 12. S. 939-941.
  • Klaus Jeziorkowski: Heinrich Böll: "Wo warst du, Adam?" (1951). In: Deutsche Romane des 20. Jahrhunderts. Neue Interpretationen. Hrsg. von Paul Michael Lützeler. Athenäum, Königstein/Ts. 1983. S. 273-283.
  • Alan Bance: Heinrich Böll's "Wo warst du, Adam?": National Identity and German War Writing - Reunification as the Return of the Repressed? In: Forum for Modern Language Studies 29 (1993) S. 311-322.
  • Beate Schnepp: Die Architektur des Romans. Zur Komposition von Heinrich Bölls "Wo warst du, Adam?" In: Das Werk Heinrich Bölls. Hrsg. von Werner Bellmann. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995. S. 109-123.
  • J. H. Reid: "Wo warst du, Adam?" In: Heinrich Böll. Romane und Erzählungen. Interpretationen. Hrsg. von Werner Bellmann. Reclam, Stuttgart 2000. S. 53-69.
  • Werner Bellmann: Textkritische Anmerkungen und Zeugnisse zu Heinrich Bölls Roman "Wo warst du, Adam?" In: Wirkendes Wort 57 (2007) Heft 1. S. 19-29.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Bengel: Kraftakt mit Schwachstellen. In: Kölner Stadtanzeiger vom 16. November 2010.