Ästier

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Das Römische Reich unter Hadrian (Regierungszeit 117–138 n.Chr.); der Siedlungsraum der Aestii liegt nordöstlich der Danziger Bucht an der Ostsee.

Die Bezeichnung Ästier oder Aisten wurde in der Baltistik bis ins 20. Jahrhundert als Synonym für Balten verwendet.[1]

Als Ästier (lat. Aestii) bezeichnet Tacitus die Baltischen Stämme an der östlichen Ostsee (Mare Suebicum). Der an der Ostseeküste gefundene Bernstein machte ihre Heimat frühzeitig zu einem des Handels wegen besuchten Lande. Der gotische Geschichtsschreiber Jordanes schrieb, dass die Äster friedliche Bauern waren, die vom Fischfang und vom Einsammeln des Bernsteins lebten. Cassiodor berichtete, dass die Äster dem gotischen König Theoderich dem Großen Bernsteingeschenke sandten.

Der angelsächsische Händler Wulfstan, der den Handelsplatz Truso am Frischen Haff aufsuchte, nennt die baltische Bevölkerung noch Ēstas. Der Volksname ging dann auf die finnugrischen Esten über. In der Forschung wird diskutiert, ob der Volksname germanischen Ursprungs (vgl. gotisch: aisteis – ‚achtbar, ehrenvoll‘) sein könnte.

Die Ästier in Tacitus’ Germania[Bearbeiten]

Obwohl Tacitius selbst nie diese Gebiete bereist hat und er sich diesbezüglich ausschließlich auf Informationen Dritter stützte, sind seine ethnografischen Schilderungen der Ästier und anderer, benachbarter Volksgruppen, die detailliertesten der Antike. In der Germania schreibt er:

„Weiter nun werden an der rechten Küste des Suevenmeeres der Aestier Völkerschaften bespült, deren Gebräuche und ganzes Aeußere wie der Sueven sind, die Sprache näher der britannischen. Sie verehren die Göttermutter. Als Abzeichen dieses Glaubens tragen sie Eberbilder; [42] dieß, statt Waffen und Schutz von Allen, stellt den Anbeter der Göttin auch mitten unter Feinden sorglos sicher. Selten ist des Eisens, häufig der Knüttel Gebrauch. Getreide und die andern Feldfrüchte bauen sie mit einer für die gewohnte Trägheit der Germanen großen Geduld. Indessen auch das Meer durchsuchen sie und sammeln, unter allen die Einzigen, zwischen Untiefen und am Strande selbst, den Bernstein, bei ihnen Gläsum genannt. Doch was dessen Natur sei oder welcher Art er entstehe, das haben sie als Barbaren nicht untersucht oder ergründet; lange sogar lag er unter dem andern Auswurf des Meeres, bis unsre Prachtsucht ihm Berühmtheit gab. Bei ihnen ist er in keinem Verbrauch: roh wird er aufgelesen, formlos zugebracht, und staunend empfangen sie den Preis. Daß er aber der Saft von Bäumen ist, mag man daraus klar ersehen, weil Erde- und selbst Flügelthiere gar oft durchscheinen, die, von der Feuchtigkeit umwickelt, hierauf, wenn der Stoff sich härtet, eingeschlossen werden. Recht gesegnete Wälder und Haine, glaub’ ich also, müssen, wie im Innern des Morgenlandes, wo der Weihrauch und Balsam ausschwitzt, ebenso in den Inseln und Ländern des Westens sein, wo solche Stoffe durch der Nachbar-Sonne Strahlen ausgeschieden und flüssig in das ganz nahe Meer gleiten und durch der Stürme Gewalt an den Gegenstrand ausfluthen. Prüft man des Bernsteins Natur durch nahe gebrachtes Feuer, so entzündet er sich wie der Kien und nähret eine fette, riechende Flamme; hierauf wird er zäh wie zu Pech oder Harz. – Der Suionen Fortsetzung sind die Stämme der Sitonen; im Uebrigen ähnlich, unterscheiden sie sich nur durch das Eine, daß da ein Weib [43] Herr ist; bis so weit sind sie nicht bloß von der Freiheit, sondern auch von der Knechtschaft abgeartet. Hier ist Suevenlandes Ende.“

Germania, Kapitel 45, in der Übersetzung von A. Baumstark[2]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rainer Eckert, Elvira-Julia Bukevičiūtė, Friedhelm Hinze: Die baltischen Sprachen. Eine Einführung. Verlag Langenscheidt, Verlag Enzyklopädie, Leipzig, Berlin, München 1994. ISBN 3-324-00605-8 (5. Auflage 1998)
  2. Anton Baumstark (Übers., 1876): Die Germania des Tacitus auf Wikisource