Abdolkarim Soroush

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Soroush im Oktober 2006 in der Sharif-Universität für Technologie in Teheran

Abdolkarim Soroush (persisch ‏عبدالكريم سروش‎, DMG ʿAbdo l-Karīm Sorūš; * 1945 in Teheran) oder ʿAbdulkarīm Sorusch ist ein iranischer Philosoph. Sein bürgerlicher Name lautet Hossein Haj Farajullāh Dabbagh.

Lebenslauf[Bearbeiten]

Sorusch verbrachte seine Schulzeit in der bekannten Teheraner Privatschule Alawi, welche durch religiöse Geschäftsmänner ins Leben gerufen wurde. Die Lehrer dieser Schule waren mit der modernen Wissenschaft vertraut. Sie waren auch religiös geschult, so dass sie den Unterricht ebenso mit den religiösen wie den modernen Wissenschaften vereinbaren konnten. Sorusch erhielt hierdurch eine traditionelle islamische Ausbildung mit der Ergänzung der neuen Wissenschaften.

Sorūschs studierte im Iran Pharmazie. Später ging er nach London, wo er sein Studium in analytischer Chemie vertiefte und mit einem Doktortitel in Chemie abschloss. Zusätzlich erwarb er in den Disziplinen der Geschichte und Philosophie einen Abschluss an der Universität von Chelsea, wo er fünfeinhalb Jahre lebte. In dieser Zeit beteiligte sich Sorūsch aktiv in politischen Bewegungen iranischer Studenten, die das Ziel hatten, den Schah zu stürzen.

Sorūschs hielt Reden in studentischen politischen Kreisen, welche schriftlich festgehalten wurden und als Bücher erschienen. Eines dieser Bücher war Falsafeye Tarikh, zu deutsch Philosophie der Geschichte, das im Iran bekannt und als Antwort an marxistische Positionen betrachtet wurde. In einer Live-Übertragung im iranischen Fernsehen argumentierte er gegen die Ideologen der marxistischen Tudeh-Partei Ehsan Tabari und Nuruddin Kiyanuri.

In London schrieb er ein weiteres Buch mit dem Titel Nahadi-i Na Arami Jahan, zu deutsch Die Dynamische Natur des Universums. Dieses Buch liefert zwei wichtige Komponenten des Islams, nämlich Tawhid und Ma'ad, was auf den Gedanken von Mullah Sadra fußt. Dieses Buch wurde von führenden iranischen Geistlichen gelesen, unter anderem dem späteren Revolutionsführer Chomeini, Ajatollah Tabatabi und Ajatollah Morteza Motahhari. Khomeini bewertete dieses Buch als vorbildlich und als eine Bereicherung für den Islam.

Gegenwärtig arbeitet Sorusch als Fellow des Wissenschaftskolleg zu Berlin.[1]

Philosophisches Denken[Bearbeiten]

Seine Ansicht zur islamischen Philosophie basiert auf der Überlegung, dass man zwischen Religion als göttliche Offenbarung und der Interpretation der Religion oder religiösem Wissen unterscheiden soll, was an sozi-historische Faktoren gebunden ist. Soroush ist vor allem in der Wissenschaftsphilosophie, der Religionsphilosophie, im philosophischen System von Rumi und vergleichender Philosophie tätig.

Religion ist laut Sorūsch aus einer epistemologischen und historischen Sicht anders als das Verstehen von Religion.

Religion an sich ist Gottes Wort, unveränderlich, ewig und heilig.

Das Verstehen von Religion ist eine menschliche Bemühung, wie der Versuch z.B. die Natur zu verstehen. Kenntnisse über Religion, erworben von einem Menschen, sind nicht heilig.

Wissen über Religion kann jederzeit wie jedes andere Wissen im Leben austauschbar sein. Es besteht kein statischer Gedanke im Wissen über die Religion.

Religiöses Wissen schwimmt in einem Fluss, ist relativ und zeitgebunden.

Sorusch gilt als eloquenter Intellektueller[2] und vertritt eine liberale Interpretation des Korans[3] und säkular-pluralistische Positionen. Er schrieb für die inzwischen verbotene, iranische Zeitschrift Kiyan (dt. Horizont), in der zu Beginn der 1990er Jahre der Zusammenhang zwischen Islam und Moderne diskutiert wurde[4]. Soroush unterrichtete u.A. 2002 in Harvard.[5]. Annemarie Schimmel, Nestorin der deutschen Islamwissenschaft und Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels 1995 hatte sich, in einem auf Farsi geschriebenen Brief am 21. August 1997 an den iranischen Staatspräsidenten Chatami für Sorusch und den inzwischen exilierten Schriftsteller Faraj Sarkohi eingesetzt.[6]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Bekannte Zitate[Bearbeiten]

In Iran haben wir die persische Kultur, die Religion des Islams und eine unaufhörliche Begegnung mit der Moderne.

Religion ist gerecht, Gerechtigkeit ist aber keine Religion bzw. kann keine Religion sein.

Ausgewählte Werke[Bearbeiten]

Persisch[Bearbeiten]

  • Dialectical Antagonism (auf Persisch), Teheran 1978
  • Philosophy of History (auf Persisch), Teheran 1978
  • What is Science, what is Philosophy (auf Persisch), 11th ed. Teheran 1992
  • The Restless Nature of the Universe (auf Persisch und Türkisch), reprint Teheran 1980
  • Satanic Ideology (auf Persisch), 5. ed. Teheran 1994
  • Knowledge and Value (auf Persisch)
  • Observing the Created: Lectures in Ethics and Human Sciences (auf Persisch), 3. ed. Teheran 1994
  • The Theoretical Contraction and Expansion of Religion: The Theory of Evolution of Religious Knowledge (auf Persisch), 3. ed. Teheran 1994
  • Lectures in the Philosophy of Social Sciences: Hermeneutics in Social Sciences (auf Persisch), Teheran 1995
  • Sagaciousness, Intellectualism and Pietism (auf Persisch), Teheran 1991
  • The Characteristic of the Pious: A Commentary on Imam Ali's Lecture About the Pious (auf Persisch), 4. ed. Teheran 1996
  • The Tale of the Lords of Sagacity (auf Persisch), 3. ed. Teheran 1996
  • Wisdom and Livelihood: A Commentary on Imam Ali's Letter to Imam Hasan (auf Persisch), 2. ed. Teheran 1994
  • Sturdier than Ideology (auf Persisch), Teheran 1994
  • Political Letters (2 volumes), 1999 (auf Persisch)
  • Intellectualism and Religious Conviction (auf Persisch)
  • The World we live (auf Persisch und Türkisch)
  • The Tale of Love and Servitude (auf Persisch)
  • The definitive edition of Rumi's Mathnavi (auf Persisch), 1996
  • Tolerance and Governance (auf Persisch), 1997
  • Straight Paths, An Essay on religious Pluralism (auf Persisch), 1998
  • Expansion of Prophetic Experience (auf Persisch), 1999

Übersetzungen[Bearbeiten]

  • The Evolution and Devolution of Religious Knowledge, in: Charles Kurzman (Hg.): Liberal Islam. A Sourcebook, Oxford 1998, 244-251.
  • Reason, Freedom and Democracy in Islam. Essential writings of Adbolkarim Soroush (übersetzt, ergänzt um eine kritische Einleitung von M. Sadri und A. Sadri), Oxford 2000.

Literatur[Bearbeiten]

  • J. Cooper: The Limits of the Sacred: The Epistemology of 'Abd al-Karim Soroush, in: J. Cooper, R. Nettler, M. Mahmoud (Hgg.): Islam and Modernity: Muslim Intellectuals Respond, I.B. Tauris, London 1998, S. 38-56.
  • Ashk Dahlén: Islamic Law, Epistemology and Modernity. New York City 2003. ISBN 0-415-94529-1.
  • Ziba Mir-Hosseini: Challanges and Complicities: Abdolkarim Soroush and Gender, in: Lloyd Ridgeon (Hg.): Religion and Politics in Modern Iran: A Reader, I.B. Tauris, New York 2005, S. 216-252.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Informationsdienst Wissenschaft: Veranstaltungshinweis An Islamic Democratic State? mit Abdolkarim Soroush
  2. Süddeutsche Zeitung: Jenseits der roten Linie. Am Mittwoch der Tod? In Iran wird Ajatollah Borudscherdi der Prozeß gemacht. Von Navid Kermani (PDF-Datei; 89 kB)
  3. Zeitschrift für Entwicklung und Zusammenarbeit
  4. amnesty journal: Sie töten nicht nur Menschen, sondern auch die Hoffnung. Aus Protest gegen die politische Unterdrückung im Iran hungerte sich der Journalist Akbar Ganji fast zu Tode, Oktober 2005
  5. Baha's News: Jürgen Habermas trifft im Iran auf eine gesprächsbereite Gesellschaft. Das Bild von einer verstummten Gesellschaft paßt nicht: Eindrücke von einer Reise nach Iran / Ein Gespräch mit Jürgen Habermas
  6. ROG-Kampagne für Faradsch Sarkuhi

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]