Adipocire

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Als Adipocire (lateinisch adeps, adipis - Fett und französisch cire - Wachs) oder Leichenlipid (auch Leichenwachs, Fettwachs) wird ein Stoffgemisch bezeichnet, das 4 bis 6 Wochen nach Eintritt des Todes bei Leichen auftreten kann, die in nasser oder sehr feuchter Umgebung liegen. Es entsteht durch Veränderung vor allem des Unterhautfettgewebes. Durch Verseifung (Saponifikation) des Körperfetts (Neutralfette) entstehen freie Fettsäuren, die Alkalisalze der Fettsäuren und Glycerin. Zur Entstehung von Leichenlipid ist Luftabschluss notwendig, sodass Adipocire hauptsächlich bei Wasserleichen auftritt, aber auch bei Leichen (Wachsleiche), die in sehr feuchten Gräbern liegen.

Die umgangssprachlichen Bezeichnungen Fett- oder Leichenwachs sind falsch, da nur wenig Fett und überhaupt kein Wachs enthalten ist, sondern es sich um ein Gemisch aus Fettsäuren, Alkalisalzen der Fettsäuren und etwas Glycerin handelt.

Die Entstehung von Adipocire beruht auf einer Art von Fetthärtung, die darauf zurückzuführen ist, dass Bakterien die langkettigen Fettsäuren, die bei der Zersetzung (Hydrolyse) des Speicherfetts in großer Menge anfallen, bei Sauerstoffmangel nur begrenzt oxidativ abbauen können (Kettenverkürzung um lediglich 2 C-Atome). Anschließend ist nur die enzymatische Hydrierung ungesättigter Fettsäuren unter Energiegewinn möglich. So entsteht z.B. aus der ungesättigten Ölsäure (FP 17°C) die gesättigte Palmitinsäure, die einen viel höheren Schmelzpunkt (FP ~ 60°C) besitzt. Die relativ harten, ungesättigten Fettsäuren bilden im Unterhautgewebe eine Art luft- und wasserundurchlässige Schutzschicht von wachs- bis mörtelartiger Konsistenz, welche die Verwesung der Leiche stark verlangsamt oder gar unterbindet. Auf diese Weise hat man aus Gräbern, die wasserundurchlässige Lehmschichten führen, nach 30 bis 35 Jahren Körper entfernt, die fast vollständig erhalten waren. Selbst die Organe sind häufig noch erhalten. Adipocire ist über Jahrhunderte beständig.

Thomas Browne (1605–1682), einem englischen Philosophen, wird die erste Erwähnung von Adipocire im Jahre 1658 zugeschrieben:

„In einem wassergetränkten Leichnam, der zehn Jahre in einem Kirchhof begraben lag, trafen wir auf eine Ablagerung von Fett, wo der Salpeter des Bodens sowie das Salz und die laugige Flüssigkeit des Leichnams großen Stücke Körperfett zur Konsistenz von Seife der härtesten Sorte gerinnen lassen haben: wovon ein Teil bei uns verbleibt.“

aus: Hydriotaphia. Urn Burial