Amazonen-Garde

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Al-Gaddafi mit einer Leibwache

Als Amazonen-Garde wurde eine Elitegruppe von 30 bis zu 40 Frauen bezeichnet, die offiziell Jungfrauen sein mussten und mit dem Schutz des Revolutionsführers von Libyen, Muammar al-Gaddafi, beauftragt waren. In Europa wurde die Einheit «Amazonen-Garde» genannt, in Afrika haris al-has[1][2].

Mit dem Aufbau der Garde wurde Anfang der 1980er Jahre begonnen. Kandidatinnen unterstanden einem umfassenden Kampfkunst- und Schusswaffen-Training an einer speziellen Akademie für weibliche Offiziere[3]. Die Mitglieder dieser Elitegruppe waren mit Privilegien ausgestattet, die in konservativen arabischen Ländern Aufsehen erregten – dazu zählte das Ankleiden nach eigener Entscheidung (z. B. Kampfanzüge in westlichem Stil), das Tragen von Make-up oder das Sich-Zeigen mit westlichen Frisuren und High Heels[2].

Das Bestehen dieser Elitegruppe führte zu Kontroversen, weil es das Rollenbild der Frauen in der arabischen Welt herausforderte. In der konservativen libyschen Gesellschaft erlischt die Familienloyalität gegenüber Mädchen, die sich einer solchen Formation anschließen. Deshalb sank die Gefahr von Verschwörungen auf der Basis von Clans oder Stämmen in Gaddafis Nähe durch die Auswahl einer ausschließlich weiblichen Leibgarde; dies wird als rationaler Grund für Gaddafis bizarr anmutendes Verhalten genannt[4].

1988 soll eine Gardistin Gaddafi bei einem Anschlag das Leben gerettet haben, indem sie sich über seinen Körper warf, um ihn vor den Kugeln zu schützen. Die Gardistin kam dabei ums Leben, sieben andere Frauen wurden verletzt. Auch bei Staatsbesuchen begleiteten die „Amazonen“ Gaddafi, hierbei kam es zu mehreren Zwischenfällen. 1984 versuchten sie, bewaffnet zu einem Gipfeltreffen der OAU in Addis Abeba vorzudringen, an dem Gaddafi teilnahm, und konnten nur mit Mühe entwaffnet werden. Bei einem Besuch Gaddafis in Ägypten führte ein ähnlicher Versuch der ägyptischen Sicherheitskräfte zu einer tätlichen Auseinandersetzung. In Nigeria konnte nur der zufällig auf dem Flughafen anwesende Präsident des Landes einen Eklat um die Entwaffnung der Garden verhindern[5].

Nach Gaddafis Flucht aus Tripolis löste sich die Garde auf. Einige seiner Leibwächterinnen erhoben schwere Vorwürfe gegen ihn wegen regelmäßiger Misshandlungen und Vergewaltigungen. Eine libysche Psychologin machte die Vorwürfe zum Bestandteil eines Dossiers über Vergewaltigungen im libyschen Bürgerkrieg für den Internationalen Strafgerichtshof[6][1]. Die Journalistinnen Antonia Rados und Annick Cojean sammelten und veröffentlichten die Vorwürfe[7][8].

Amnesty International berichtete von Schlägen und sexuellen Übergriffen auf gefangene Gardistinnen in irregulären Gefangenenlagern des Nationalen Übergangsrats. Auch sollen gefangene Frauen zu falschen Geständnissen gezwungen worden sein, sie hätten NTC-Kämpfer getötet[9]. Eine Gardistin erhob gegen die Truppen des Nationalen Übergangsrats schwere Vorwürfe wegen Folterungen und Vergewaltigungen gefangener Frauen[10].

Die Regisseurin Rania Ajami drehte über die Garde den Dokumentarfilm Shadows of a Leader.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Gaddafi's 'Amazonian' bodyguards' barracks quashes myth of glamour, Martin Chulov, The Guardian, 7. September 2011
  2. a b Gaddafi dead: Behind Colonel Gaddafi's army of female bodyguards, Daily Mirror, 20. Oktober 2011
  3. Swantje Strieder, Gaddafis Nonnen der Revolution, DER SPIEGEL, 9. August 1982
  4. Revolutionsführer mit einem Faible für Frauen, R. Chimelli, Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010
  5. Desperately seeking Qaddafi's brigade of beautiful bodyguards, Al Arabiya, 26. August 2011
  6. Gaddafi ‘raped’ his female bodyguards, Times of Malta, 28. August 2011
  7. Berliner Zeitung, 2. April 2012
  8. Die Welt, 3. März 2013
  9. Detention abuses staining the new Libya, Amnesty International, 13. Oktober 2011, S. 17, engl., pdf
  10. Henry D. Gombya, The London Evening Post, 14. April 2012