Anthropozentrismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Antropozentrisches Weltbild
Ausschnitt des Kupferstiches auf dem Titelblatt des 1. Bandes der "Utriusque cosmi ... Historia" (1617–19) von Robert Fludd

Anthropozentrisch bedeutet, dass der Mensch sich selbst als den Mittelpunkt der weltlichen Realität versteht. Es leitet sich vom griechischen άνθρωπος, ánthropos, „Mensch“ und dem lateinischen centrum bzw. (alt)griechischen κέντρο(ν), kéntro(n), „Mittelpunkt“ ab. Der Anthropozentrismus hat eine weltanschauliche, eine ethische und eine religiöse Komponente als Schnittpunkt.

Ein im Zusammenhang mit dem Anthropozentrismus verwendetes Sprichwort ist „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“, das auf den griechischen antiken Philosophen Protagoras zurückgeht.

Ethik[Bearbeiten]

Der Anthropozentrismus ist ein mehrdeutiger Begriff. Zum einen bezeichnet er eine epistemische Tatsache und zwar, dass jedes ethische Modell von Menschen gemacht wurde und insofern ein menschliches System darstellt, welches nur ausgehend vom Menschen zu verstehen ist. Auf dieser Ebene (epistemische Ebene) wird keine Entscheidung darüber getroffen, ob und inwieweit der Mensch wichtiger oder unwichtiger als andere Lebewesen zu bewerten ist. Die zweite Ebene ist eine moralische. Der moralische Anthropozentrismus setzt in der ethischen Diskussion den Menschen als das wichtigste Element einer Ethik. Umweltschutz, Tierschutz u. ä. sind zu verstehen als Normen, die für den Menschen sinnvoll sind.

Ausprägungen des moralischen Anthropozentrismus sind:

  • Basic-Needs-Argument: Der Mensch ist als Mensch auf die Natur angewiesen. Die Natur zu schützen ist erforderlich, um die menschlichen Lebensgrundlagen zu sichern.
  • ästhetisches Argument: Die Natur ist einzigartig und für den Menschen unverzichtbar. Von materiellen Belangen abgesehen braucht der Mensch die Natur, um gut und glücklich leben zu können.
  • pädagogisches Argument: Die Natur respektvoll zu behandeln und mit ihr gut umzugehen erzieht den Menschen zu einem friedvolleren und besseren Umgang mit anderen Menschen.

Als Ethikmodell dem Anthropozentrismus gegenübergestellt ist der Physiozentrismus. Moralischer Wert wird darin nicht nur dem Menschen, sondern in verschiedenen Ausprägungen auch der weiteren Natur beigemessen. Auch hier gilt, dass sich ein epistemischer und ein moralischer Physiozentrismus unterscheiden lassen. Epistemischer Physiozentrist ist, wer sagt, dass objektive Werte in der Natur festgeschrieben sind und auch ohne den Menschen Handlungsnormen existieren, die, wenn es Menschen gibt, diese zu befolgen haben. Auf der moralischen Ebene bedeutet Physiozentrismus, dass nicht der Mensch das primäre Ziel ethischer Reflexion sein soll, sondern Objekte aus dem Reich der Natur (der der Mensch angehört). Es ist also möglich, epistemischer Anthropozentrist zu sein und moralischer Physiozentrist oder umgekehrt.

Ausprägungen des moralischen Physiozentrismus sind:

  • Pathozentrismus: als Kriterium zur Abgrenzung gilt die Leidensfähigkeit. Moralisch „relevante“ Objekte sind daher Menschen und höher entwickelte Tiere, bei denen die Leidensfähigkeit offensichtlich ist, wie z. B. bei Affen, Pferden und Hunden.
  • Biozentrismus: Jedes Lebewesen hat einen moralischen Eigenwert. Wurde u. a. von vegan bzw. vegetarisch lebenden Personen, Tierrechtlern und Umweltaktivisten entworfen; wird aber auch von Theologen wie Rupert Lay und dem Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer propagiert, der für mehr Biophilie gegen das Abgleiten in eine unmenschliche Welt plädiert. Siehe auch die Religion des Jainismus, in der Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen ein ethisches Grundprinzip ist.
  • Holismus: Moralisch relevantes Kriterium ist das Sein an sich. Daher sind für das ethische Handeln nicht nur Lebewesen, sondern auch die unbelebte Natur relevant.

Religion[Bearbeiten]

Im Zusammenhang mit Religion bezeichnet Anthropozentrismus den Standpunkt, dass nicht Gott bzw. Gottheiten im geistigen Zentrum der Welt stehen (wie im Theozentrismus), sondern der Mensch. Der Begriff Anthropozentrismus meint hier, dass das irdische, menschliche Handeln im Fokus der Religion steht. Der Übergang vom Theozentrismus zum Anthropozentrismus fand erstmals bereits in der Antike statt und wird von dem griechischen Philosophen Thales von Milet 600 v. Chr. eingeleitet.

Das Christentum ist christozentrisch und damit theozentrisch und anthropozentrisch zugleich, denn es hat Jesus Christus als Zentrum, der zugleich Gott und Mensch ist. Anthropozentrismus und Theozentrismus sind also im Christentum kein Gegensatz, sondern stehen in untrennbarer Beziehung zueinander.[1] Während man im Mittelalter vor allem die theozentrische Seite betonte, ist die moderne Theologie mehr von der anthropozentrischen Sicht auf den christlichen Glauben bestimmt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Dives in misericordia. Über das göttliche Erbarmen. „Während verschiedene Geistesströmungen in der Vergangenheit und der Gegenwart dazu neigten und neigen, Theozentrik und Anthropozentrik voneinander zu trennen und sogar in Gegensatz zueinander zu bringen, bemüht sich die Kirche, darin Christus folgend, deren organische, tiefe Verbindung in die Geschichte des Menschen einzubringen.“ Zitat aus dem apostolischen Segen des Papstes Johannes Paul II. über das göttliche Erbarmen (30. November 1980).