Binge Eating

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Klassifikation nach ICD-10
F50.8 Sonstige Essstörungen
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Binge Eating oder Binge-Eating-Störung (BES, engl. Binge Eating Disorder, vom engl. Binge = Gelage) ist eine Essstörung, bei der es zu periodischen Heißhungeranfällen (Fressanfällen) mit Verlust der bewussten Kontrolle über das Essverhalten kommt. Im Gegensatz zur Bulimie wird das Gegessene anschließend nicht erbrochen, so dass längerfristig meist Übergewicht die Folge ist. 1994 wurden für das DSM-IV erstmals Forschungskriterien für die BES formuliert, bislang wurde die BES jedoch noch nicht als eigenständige Diagnose zugelassen. Im ICD-10 wird die BES daher unter „Nicht näher bezeichnete Essstörung“ (F50.9) klassifiziert.[1] Die Definition dieser Essstörung war längere Zeit umstritten, die Kriterien werden von Ernährungswissenschaftlern und Medizinern jedoch zunehmend akzeptiert; die Behandlungsbedürftigkeit dieser Störung wird auch in Europa mittlerweile überwiegend anerkannt. Die Behandlungskonzepte entsprechen in der Regel denen der Bulimie.[2]

Diagnose[Bearbeiten]

Die diagnostischen Kriterien für Binge Eating wurden in den 1990er Jahren von der Psychiatrischen Vereinigung in den USA aufgestellt:

  • mindestens zwei Essanfälle pro Woche über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten
  • Kontrollverlust während der Nahrungsaufnahme mit Verlust des Sättigungsgefühls
  • sehr hohe Kalorienzufuhr bei einem Essanfall
  • extrem hastiges Essen („schlingen“)
  • Essen bis zu einem starken Völlegefühl
  • der Essanfall wird nicht durch starken Hunger ausgelöst
  • nach dem Essanfall treten Schuld- und Schamgefühle auf, teilweise bis zur Depression
  • die Betroffenen leiden unter den Essanfällen

Bei unkontrollierten Essattacken werden meistens fettreiche und süße Lebensmittel gegessen, die viele Kalorien enthalten.

Im Gegensatz zu Bulimikern oder Magersüchtigen ergreifen Binge Eater nach dem Essen keine Maßnahmen wie Erbrechen oder exzessives sportliches Training, um eine Gewichtszunahme durch die überhöhte Kalorienzufuhr zu verhindern.

Obwohl das Störungsbild bereits von Stunkard 1959 erstmals beschrieben wurde, ist die Binge-Eating-Störung bisher nicht mit eigenen diagnostischen Leitlinien in der ICD-10 vertreten und wird ohne nähere Beschreibung unter F 50.9: „Nicht näher bezeichnete Essstörungen“ oder unter F 50.4 „Essattacken bei sonstigen psychischen Störungen“ subsumiert.

Wie Bulimiker verschweigen Binge Eater in der Regel anderen ihr gestörtes Essverhalten, auch Freunden und Familienangehörigen. Befragungen von Betroffenen legen den Schluss nahe, dass die Essanfälle ausschließlich psychisch bedingt sind und überwiegend durch negative Gefühle, Stress oder Langeweile ausgelöst werden. Psychologen gehen davon aus, dass unangenehme Empfindungen während des Essvorgangs unterdrückt werden. Demnach handelte es sich bei Binge Eating um eine Form von Vermeidungsverhalten. Wie auch bei anderen Essstörungen gibt es zur Entstehung und Funktion dieses Essverhaltens jedoch unterschiedliche Theorien. In der Ernährungspsychologie gibt es die Theorie, dass so genanntes „gezügeltes Essverhalten“ ein Risikofaktor für das Entstehen von Essstörungen ist, vor allem für Bulimie und Binge Eating.

Epidemiologie[Bearbeiten]

Zur Häufigkeit der Binge Eating-Disorder gibt es unterschiedliche Angaben, die meisten beruhen auf Schätzungen. Georg Ernst Jacoby, ehemaliger Leiter einer Spezialklinik für Essstörungen in Bad Oeynhausen, schätzt die Zahl der Betroffenen in Deutschland auf 1,5 bis zwei Millionen und damit höher als die Zahl der Bulimiker. In den USA ergaben Untersuchungen eine Quote von etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Rund ein Drittel der Betroffenen sind Männer; es gibt keine besonders stark betroffene Altersgruppe wie bei Bulimie und Magersucht. Ein großer Teil der Binge Eater ist übergewichtig, allerdings leidet umgekehrt nur etwa ein Drittel der Adipositas-Patienten an Heißhungerattacken. Die meisten Übergewichtigen nehmen kontinuierlich mehr Kalorien auf als sie verbrauchen, nicht anfallsweise.

Therapie[Bearbeiten]

In der Therapie wird eine Normalisierung des Essverhaltens angestrebt, wobei auch die auslösenden psychischen Probleme behandelt werden. Um die Frequenz der Essanfälle zu reduzieren, kann eine Therapie mit Antidepressiva wie SSRI unterstützend dazu beitragen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Sandra Becker, Stephan Zipfel: Binge Eating und Binge-Eating-Störung. In: Günter Reich, Manfred Cierpka: Psychotherapie der Essstörungen. 3. Auflage. Thieme-Verlag, 2010, ISBN 978-3-13-108783-6, S. 62-71. (PDF)
  • Simone Munsch: Binge Eating. Kognitive Verhaltenstherapie bei Essanfällen, Beltz Verlag, 2003, ISBN 3-621-27531-2.
  • Simone Munsch: Das Leben verschlingen? Hilfe für Betroffene mit Binge Eating Disorder (Essanfällen) und deren Angehörige. Beltz Verlag, 2007, ISBN 978-3-621-27475-3.
  • Simone Munsch, Christoph Beglinger (Hrsg.): Obesity and Binge Eating Disorder. Karger, Basel 2005, ISBN 3-8055-7832-6. (Bibliotheca psychiatrica No 171) (PDF; 3,0 MB)
  • Günter Reich u. a.: Essstörungen: Magersucht, Bulimie, Binge Eating. Trias Verlag, 2004, ISBN 3-8304-3118-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Becker & Zipfel, 2010, S. 62.
  2. Biesalski H.-K.: Ernährungsmedizin: nach dem Curriculum Ernährungsmedizin der Bundesärztekammer, Thieme Verlag, 2004, S. 337, ISBN 3-13-100293-X, hier online