Carlo M. Cipolla

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Carlo M. Cipolla (eigentlich Carlo Cipolla, auch Carlo Maria oder Carlo Manlio Cipola[1]) (* 15. August 1922 in Pavia; † 5. September 2000 ebenda) war ein italienischer Wirtschaftshistoriker und Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Nach seinem Studium an der Sorbonne und der London School of Economics begann er seine berufliche Laufbahn zunächst an der Universität von Catania (Sizilien), gefolgt von zahlreichen weiteren italienischen Universitäten. Ab 1959 bis zu seinem Ruhestand 1991 lehrte er an der University of California in Berkeley. Seine Arbeiten wurden in viele Sprachen übersetzt.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Cipolla wurde mit mehreren Auszeichnungen geehrt, so wurde er 1980 Ehrendoktor der ETH Zürich und 1992 der medizinischen Fakultät der Universität Pavia, sowie Mitglied in der Royal Historical Society. Im Jahr 1995 erhielt er den Balzan-Preis für Wirtschaftsgeschichte mit dieser Laudatio: „Carlo Maria Cipolla gilt in Fachkreisen als maßgeblicher Forscher der Wirtschaftsgeschichte, der dort mehr als andere Neuland erschlossen hat. Kraft seiner von gedanklicher und methodischer Strenge gezügelten Wissbegierde und dank peinlich genauer Erkundung der Quellen hat er es verstanden, in Werken von großer Originalität die verschiedensten Gebiete der Wirtschafts- und Kulturgeschichte zu behandeln und hierbei überblicksartige Darstellungen mit Detailuntersuchungen zu verbinden.“

Rezeption[Bearbeiten]

Ein Sonderfall ist sein satirisches Büchlein «Allegro ma non troppo». Zuerst nur als Privatdruck für Freunde, dann 1988 bei Il Mulino in Bologna erschienen, wurde es überraschend zu einem Bestseller (mehr als 300.000 Auflage). Es besteht aus zwei Essays «Pepe, vino (e lana) come elementi determinanti dello sviluppo economico nell'età di mezzo», deutsch unter dem geänderten Titel „Die Rolle der Gewürze (insbesondere des Pfeffers) für die wirtschaftliche Entwicklung des Mittelalters“, und «Le leggi fondamentali della stupidità umana» (deutsch: „Die Prinzipien der menschlichen Dummheit“).[2][3][4] Im ersten persifliert Cipolla seine eigene wirtschaftshistorische Analysetechnik, um zu absurden Schlüssen zu kommen, im zweiten formuliert er die surrealen Grundgesetze der Dummheit (die Übersetzung „Prinzipien“ trifft nicht ganz zu) nach wirtschaftlichen Parametern. Er selbst sagte ironisch, er ärgere sich über das Missverhältnis von Aufwand und Publikumserfolg: Er habe Jahrzehnte großen historischen Untersuchungen gewidmet, die bestenfalls „von zwei oder drei Fachkollegen“ zur Kenntnis genommen würden, während diese beiden Aufsätze, in zwei schlaflosen Nächten hingeschrieben, enorme Breitenwirkung entfaltet hätten. Inzwischen ist er durch einige brillante Aufsätze, die ebenso auf deutsch erschienen sind, auch mit seinen ernsthaften Arbeiten dem großen Publikum bekannt geworden.

Die Prinzipien der menschlichen Dummheit[Bearbeiten]

Graph mit den Gewinnen und Verlusten, die ein Individuum für sich selbst und andere bewirkt (siehe Erläuterungen im Text) Intelligente Menschen (oben rechts); Naive Menschen (oben links) ; Banditen (unten rechts); Dumme Menschen (unten links).

Dies sind kurzgefasst die fünf fundamentalen Gesetze bzw. Prinzipien der Dummheit, die Cipolla satirisch in seinem Werk „Die Prinzipien der menschlichen Dummheit“ beschreibt:

  1. Stets und unvermeidlich wird die Zahl der im Umlauf befindlichen dummen Individuen unterschätzt.
  2. Die Wahrscheinlichkeit, daß eine bestimmte Person dumm ist, besteht unabhängig von jeder anderen Eigenschaft dieser Person.
  3. Eine dummer Mensch ist jemand, der einer anderen Person oder einer Gruppe von Personen Schaden zufügt, ohne selber dabei Gewinn zu erzielen und dabei u.U. sogar zusätzlichen Verlust macht (das sogenannte „goldene Prinzip“).
  4. Menschen, die nicht dumm sind, unterschätzen stets das Gefährlichkeitspotential dummer Menschen. Vor allem vergessen Menschen, die nicht dumm sind, ständig, daß Verhandlungen und/oder Verbindungen mit dummen Personen zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort und in jedem Fall sich unweigerlich als teurer Irrtum herausstellen werden.
  5. Eine dumme Person ist der gefährlichste Typ aller Personen

Seine Conclusio: Die Dummheit richtet mehr Schaden an als Verbrechen.[5]

In der Abbildung sind die zwei „Faktoren“, die Cipolla bei Menschen beobachtete, dargestellt:

  • Die X-Achse sind Gewinne (hohe Werte/obere Abschnitte) und Verluste (niedrige Werte/untere Abschnitte), die ein Individuum für sich selbst bewirkt,
  • Die y-Achse sind die Gewinne (hohe Werte) und Verluste (niedrige Werte), die ein Individdum für andere bewirkt.
    • Dumme Menschen (unten links in der Grafik) sind kontraproduktiv für sich selbst und für andere
    • Banditen (unten rechts) verfolgen ihre eigenen Interessen (haben selbst einen Gewinn), auch wenn dabei ein Netto-Nachteil für die gesellschaftliche Wohlfahrt entsteht.
    • Intelligente Menschen (oben rechts) tragen zur Gesellschaft bei und nutzen ihre Beiträge auch zu gegenseigen Vorteilen
    • Naive Menschen (oben links) tragen ebenfalls zur Gesellschaft bei (es profitieren die anderen), haben selbst aber keinen Nutzen.
    • In der Mitte befinden sich die hilflosen und ineffektiven Menschen.[5]

Diese Darstellung kann nur die Essenz der „Theorie“ von Cipolla vermitteln. Für das volle satirische Verständnis wird die Lektüre des Originals oder einer Übersetzung empfohlen.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Cipolla hat eine große Zahl von Werken über Wirtschaftsthemen auf englisch und italienisch verfasst, darunter:

  • Istruzione e sviluppo. Il declino dell'analfabetismo nel mondo occidentale. (Bologna: Il Mulino, 2002) (Original engl.: Literacy and Development in the West, Harmondsworth, Penguin Books, 1969)
  • The economic history of world population. (dt.: Wirtschaftsgeschichte und Weltbevölkerung. München: dtv 1972, ISBN 3-423-04110-2)
  • Le avventure della lira. (Bologna: Il Mulino 1975, ISBN 88-15-08498-3)
  • Storia economica dell'Europa pre-industriale. (engl.: Before the industrial Revolution: european society and economy 1000–1700. London: Methuen 1976, ISBN 0-416-80900-6)
  • Tra due culture. Introduzione alla storia economica (Bologna: Il Mulino, 1988)
  • Contro un nemico invisibile. Epidemie e strutture sanitarie nell'Italia del Rinascimento. (Bologna: Il Mulino, 1986)
  • Allegro ma non troppo. (dt.: Berlin: Wagenbach 2001, ISBN 3-8031-1197-8)
  • Conquistadores, pirati, mercadanti. (dt.: Die Odyssee des spanischen Silbers: Conquistadores, Piraten, Kaufleute. Berlin: Wagenbach 1998, ISBN 3-8031-3594-X)
  • Vele e cannoni. (dt.: Segel und Kanonen: die europäische Expansion zur See. Berlin: Wagenbach 1999, ISBN 3-8031-3602-4)
  • Tre storie extra vaganti. (dt.: Geld-Abenteuer: extra vagante Geschichten aus dem europäischen Wirtschaftsleben. Berlin: Wagenbach 1995, ISBN 3-8031-1150-1)
  • Le macchine del tempo. L'orologio e la società (1300–1700). (dt.: Gezählte Zeit. Wie die mechanische Uhr das Leben veränderte, Berlin: Wagenbach 2011, ISBN 978-3-8031-2665-8)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Cipolla, so berichtet es auch die italienische Wikipedia, heißt eigentlich nur Carlo. Das „M“ hat er als middle name aus zwei Gründen eingefügt: Weil mindestens ein zweiter (abgekürzter) Vorname im angelsächsischen Raum üblich ist, und weil er nicht mit dem gleichnamigen Historiker verwechselt werden wollte. Das „M“ wurde im Nachhinein als „Maria“ (bzw. „Manlio“) gedeutet, weil die Kombination Carlo Maria sehr häufig ist. In Cipollas amtlichen Dokumenten kommt weder „M“ noch "Maria vor. Manlio findet sich z.B. hier
  2. Carlo M. Cipolla: Allegro ma non troppo. Aus dem Italienischen von M. Kahn. Klaus G Renner, München 1989.
  3. Carlo M. Cipolla: Allegro ma non troppo: Die Rolle der Gewürze (insbesondere des Pfeffers) für die wirtschaftliche Entwicklung des Mittelalters / Die Prinzipien der menschlichen Dummheit. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-596-10562-5.
  4. Carlo M. Cipolla: Allegro ma non troppo : Die Rolle der Gewürze (insbesondere des Pfeffers) für die wirtschaftliche Entwicklung des Mittelalters / Die Prinzipien der menschlichen Dummheit. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Wagenbach, Berlin 2001, ISBN 3-8031-1197-8.
  5. a b nach en:Carlo M. Cipolla und it:Carlo M. Cipolla; Übersetzung validiert an http://www.viehweger.org/deutsch/gedanken/dumm.htm