Carmenta

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Carmenta (Begriffsklärung) aufgeführt.
Carmenta-Nicostrata (Fantasieporträt aus Promptuarii Iconum Insigniorum, 1553)
Nicostrata lehrt das Alphabet, Holzschnitt aus Boccaccios De mulieribus claris, Johann Zainer, Ulm, 1474
Nicostrata erschliesst den Turm der Wissenschaften, aus Gregor Reisch Margarita philosophica Ausgabe Basel 1519

Carmenta (auch Carmentis) war bei den Römern die Göttin der Weissagung und der Geburt. Carmenta war auch unter dem Namen Nicostrata (griechisch Νικοστράτε Nikostrate) bekannt.[1] Sie war sowohl Mutter als auch Gattin des Euandros. Ihr widmeten die römischen Frauen am 11. und 15. Januar das Fest Carmentalia. Carmenta-Nicostrata soll mit Euandros den Palatin erstiegen haben. Dabei kam ihr die Vision der späteren Stadt Rom. Dort in der Nähe des nach ihr genannten Carmentalischen Tors (Porta Carmentalis) befand sich ihr uralter Altar, an dem geopfert wurde.

In der spätrömischen und spätantiken hellenistischen Literatur wurde Nicostrata die Erfindung des 16 buchstabigen lateinischen Alphabeths zugeschrieben. Erstmals findet sich diese Angabe zu Beginn des zweiten Jahrhunderts nach der Zeitenwende. Über Isidor von Sevilla wurde dieses Thema im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bildungskanon variiert und auf die Artes liberales fortgeführt. Giovanni Boccaccio übernahm diesen Mythos in seiner Zusammenstellung weiblicher Biographien De mulieribus claris, die sich nach ihrem Erstdruck bei Johann Zainer in Ulm um 1474 auch nördlich der Alpen großer Beliebtheit erfreute. Die umfassendste Deutung nahm Gregor Reisch in Holzschnitt seiner 1503 bei Johann Schott in Freiburg im Breisgau erschienenen Margarita philosophica vor. Nicostrata erschliesst einem Knaben durch Erlernen des Alphabets mittels der Buchstabentafel den Turm der Wissenschaft. Der Schlüssel (Symbol der Congruitas) erschliesst die Lateinschule in den beiden untersten Stockwerken. Hier bringen Donatus und Priscianus Wortschatz und Grammatik bei. In den darüberliegenden Stockwerken folgen die Wissenschaften über denen die Theologie oder Metaphysik krönend steht[2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans von Geisau: Nikostrate 1. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XVII,1, Stuttgart 1936, Sp. 540.
  • Fritz Graf: Carmentis. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 2, Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 3-476-01472-X, Sp. 991.
  • Katharina Waldner: Nikostrate. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 8, Metzler, Stuttgart 2000, ISBN 3-476-01478-9, Sp. 939.
  • Ulrich Becker: Die erste Enzyklopädie aus Freiburg um 1495. Die Bilder der „Margarita Philosophica“ des Gregorius Reisch. Prior der Kartause. Freiburg 1970, S. 40 ff.
  • Lutz Geldsetzer (Hg.): Margarita philosophica. Mit einem Vorwort, einer Einleitung und einem neuen Inhaltsverzeichnis von Lutz Geldsetzer. Düsseldorf 1973
  • Frank Büttner: Die Illustrationen der Margarita Philosophica des Gregor Reisch. In: Frank Büttner, Markus Friedrich, Helmut Zedelmaier (Hgg.): Sammeln - Ordnen - Veranschaulichen. Zur Wissenskompilatorik in der Frühen Neuzeit. Münster 2003. S. 269−300
  • Steffen Siegel: Architektur des Wissens. Die figurative Ordnung der „artes“ in Gregor Reischs „Margarita Philosophica“. In: Frank Büttner, Gabriele Wimböck (Hrsg.): Das Bild als Autorität. Die normierende Kraft des Bildes, Lit, Münster 2004, ISBN 9783825884253 S. 343–362
  • Georg Wissowa: Carmenta. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 1,1, Leipzig 1886, Sp. 851–854 (Digitalisat).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Plutarch Romulus 21; Quaestiones Romanae 56
  2. Wege des Wissens in: Konventionalität und Konversation: Burgdorfer Colloquium 2001, Walter de Gruyter, 2005, S. 301