Charles Irénée Castel de Saint-Pierre

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Charles Irénée Castel de Saint-Pierre

Charles Irénée Castel de Saint-Pierre, bekannt als Abbé de Saint-Pierre (* 18. Februar 1658 in Saint-Pierre-Église; † 29. April 1743 in Paris) gilt als einer der einflussreichsten Aufklärer und war ein französischer Geistlicher, Sozialphilosoph und Publizist.

Leben

Die Eltern von Abbé de Saint-Pierre waren Charles Castel, Marquis de Saint Pierre († 1676) und Madeleine Marie Gigault de Bellefonds (ca. 1625–1664). Er hatte noch weitere Geschwister, so François Antoine Castel († 1709), Françoise Madeleine Castel, Bon Thomas Castel, Marquis de Saint Pierre (ca. 1645–1712), Louis Hyacinthe Castel de Saint-Pierre, Comte de Saint Pierre (1649–1748), Bernardin Castel († 1701), Marie Thérèse CASTEL (* 1658) und Suzanne Laurence Castel.[1] Seine Mutter stirbt früh, er wächst bei seiner Tante in Rouen auf. Seine ersten schulischen Unterweisungen erhielt durch die Jesuiten. Als auch sein Vater 1676 stirbt, geht er zum Theologiestudium nach Caen, interessiert sich aber mehr für Physik und Mathematik. 1680 zieht er nach Paris.[2]

Wie viele andere französische Geistliche seiner Zeit nannte er sich Abbé, ohne den Beruf eines Priesters auszuüben. Obwohl er von eher zerbrechlicher Natur war, erreichte er ein hohes Alter.

S.6 aus dem Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe par l'abbé Castel de Saint-Pierre (1712) mit dem ersten Vorschlag einer Europäischen Union

In den Jahren 1712/17 entwickelte er den Plan eines ewigen Friedens in Europa („Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe“). Als Mitglied der Académie française entfachte Charles-Irénée Castel 1718 einen Streit zwischen Traditionalisten und Reformern, der seinen Ausschluss aus der Akademie nach sich zog. Als Vertreter der Frühaufklärung befasste er sich u.a. mit der Frage, ob sich das innerstaatliche Vertragsmodell auch auf die zwischenstaatliche Ebene übertragen ließe. Er glaubte an die Fähigkeit des Menschen, sich zu vervollkommnen, was jedoch politischer und sozialer Reformen und neuer Institutionen bedürfe. Ein gutes Leben sei nur zu erlangen, wenn Vorurteile, Unwissenheit und der Aberglaube überwunden würden. Als einer der ersten schlug er vor, durch einen europäischen Staatenbund Kriege zu verhindern.

Entgegen einem lange Zeit verbreiteten Mythos war Saint-Pierre nicht als Unterhändler am Zustandekommen des Friedens von Utrecht (1712–13) beteiligt, welcher den spanischen Erbfolgekrieg beendete. Seine Ideen zum Projekt eines „universellen Friedens zwischen den Nationen“ entwickelte er bereits seit 1708, publizierte es aber in unterschiedlichen Versionen erst ab 1712. Dieses Werk machte ihn später in der europäischen Gelehrtenwelt bekannt und beeinflusste namentlich Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant. Erst im Jahrhundert der Weltkriege wurden seine Ideen mit der Schaffung von internationalen Organisationen wie der EU und der UNO umgesetzt.

Im Jahr 1718 veröffentlichte er die „Polysynodie oder die Mehrheit der Räte“. Offen kritisierte er darin die Politik des verstorbenen Louis XIV. und wurde daraufhin von der französischen Akademie ausgeschlossen. In den literarischen Salons von Paris war er jedoch weiterhin ein willkommener Gast.

In seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten pflegte er enge Beziehungen zu Kardinal Fleury und dem späteren Kriegsminister d'Argenson, zwei einflussreichen Persönlichkeiten des Hofes von Versailles. Außerdem korrespondierte er mit zahlreichen Größen des französischen Geisteslebens, so u.a. mit Voltaire. Seine Briefe schloss er jeweils mit der Parole ab: Le paradis aux bienfaisants (das Paradies für die Wohltuenden/Wohltäter)!

Ein Teil seiner Vorstellungen gilt bis heute als widersprüchlich. So wollte er die absolutistische Monarchie durch die Errichtung eines internationalen Schiedsgerichts beschränken, ohne diese selbst ausdrücklich in Frage zu stellen. Weitsichtig ist hingegen die Anregung „zwischen allen christlichen Herrschern ein dauerndes, ewiges Bündnis zum Zweck der Erhaltung eines ununterbrochenen Friedens in Europa“ zu errichten. Sein institutioneller Entwurf beinhaltete einen ständigen Bundesrat mit 24 staatlichen Mitgliedern. Jeder Staat sollte autonom bleiben mit Ausnahme der zwischenstaatlichen Streitschlichtung, der Außen-, Zoll- und Militärpolitik. Eine Abänderung sollte nur mit der Zustimmung sämtlicher Mitglieder möglich sein.

Auf ihn zurück geht ferner die Idee eines Rechtes auf Einmischung in die Souveränität eines Staates.

Rousseau und später auch Kant stimmten mit Abbé de Saint-Pierre darin überein, dass die „Überwindung des Absolutismus“ sowie die „Errichtung einer republikanischen Verfassung“ notwendige Bedingungen einer internationalen Rechts- und Friedensordnung darstellten. Für eine Umsetzung dieser Ideen war die Zeit allerdings noch nicht reif.

Zusammen mit Pierre-Joseph Alary (1689–1770) gründete er im Jahre 1724 den Club de l’Entresol, einen offenen Gesprächskreis nach englischem Vorbild, der bis 1731 bestand.

Werke

Literatur

Weblinks

Wikisource: Charles-Irénée Castel de Saint-Pierre – Quellen und Volltexte (französisch)

Einzelnachweise

  1. Genealogie der Familie
  2. DIE ZEIT Ausgabe 50/12 Seite 23