Drossel (Elektrotechnik)

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Drosseln (engl.: Choke) sind niederohmige Spulen zur Reduzierung hochfrequenter Ströme auf elektrischen Leitungen. Sie werden im Bereich der Stromversorgungen elektrischer und elektronischer Geräte, in der Leistungselektronik und in der Hochfrequenztechnik eingesetzt. Zur Steigerung des induktiven Widerstandes enthalten Drosseln häufig einen weichmagnetischen Kern.

In einem Umspannwerk genutzte Drossel für 110 kV und einer Blindleistung von 50 Mvar zur Blindleistungskompensation.

Bauformen[Bearbeiten]

Ringkerndrosseln[Bearbeiten]

Ringkerndrossel

Ringkerndrosseln werden mit Ferrit- (wie Mangan-Zink) oder (Carbonyleisen)Pulver-Ringkernen hergestellt. Ringkerne können auch aus kristallinen oder amorphen Metallbändern bestehen. Ringkerne bilden einen geschlossenen magnetischen Kreis und weisen daher nur geringe magnetische Streufelder auf. Geringe Streuung trägt zur besseren elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) bei und ergibt durch geringere magnetische Verluste einen höheren Kopplungsgrad. Eine Extremform (eine Windung) von Ferrit-Ringkerndrosseln sind über Drähte geschobene Ferritperlen.

Stabkerndrosseln[Bearbeiten]

Stabkerndrosseln haben dagegen einen offenen magnetischen Kreis. Sie vertragen jedoch höhere Magnetisierungsfeldstärken und haben – wenn sie einlagig gewickelt sind – eine geringe Eigenkapazität, was sie auch für sehr hohe Frequenzen geeignet macht (UKW-Drosseln). Stabkerne bestehen bei HF-Anwendungen aus Ferrit und für Netzspannungsanwendungen aus Elektroblech.

Luftdrosseln[Bearbeiten]

Für sehr hohe Frequenzen verwendet man sogenannte Luftdrossel, deren Kern frei ist von ferromagnetischen Materialien, damit keine Sättigung, Wirbelstromverluste und Hystereseverluste auftreten. Allerdings benötigen Luftdrosseln für die gleiche Induktivität mehr Windungen als Eisen- bzw Ferritkerndrosseln, was den ohmschen Widerstand der Spulenwicklung vergrößert.

Eisenkern[Bearbeiten]

Die meisten Drosseln besitzen einen ferromagnetischen Kern, weil sie dann wesentlich weniger Windungen für die gleiche Induktivität als Luftdrosseln benötigen. Allerdings kann der Kern bei starken Strömen in die Sättigung geraten, was zur Verzerrung des Stromverlaufes und zur starken Verringerung der Induktivität führt. Ein weiterer Nachteil ist das Auftreten von Wirbelströmen im Spulenkern, wenn Wechselströme die Drossel durchfließen. Um Wirbelströme zu unterdrücken, müssen leitfähige Kernmaterialien voneinander isoliert werden – der Kern besteht dann zum Beispiel wie bei Transformatoren aus mehreren längs zum magnetischen Feld liegenden voneinander isolierten Blechen oder aus einem ferromagnetischen Pulver (Pulverkern).

Da Ferritmaterialien ferromagnetisch, aber nicht elektrisch leitend sind, zeigen Ferritkerndrosseln keine Wirbelstromverluste und können – je nach Werkstoff – auch für sehr hohe Frequenzen eingesetzt werden. Ferritkerndrosseln zeigen bei hohen Strömen jedoch eher Sättigungserscheinungen im Kern als andere Werkstoffe, da Ferrit eine geringere Sättigungsinduktion hat. Man vermeidet die Sättigung, indem man die Kerne mit einem Luftspalt versieht oder einen offenen Magnetkreis gestaltet (Stabkern, Bobbinkern).

Entstör-Drosseln[Bearbeiten]

Drosseln sollen Gleichstrom und niederfrequente Ströme nicht oder nur wenig beeinflussen, hochfrequente Wechselströme dagegen durch ihren hohen induktiven Widerstand wirksam verringern. Ziel ist, hochfrequente Störstrahlung zu verhindern. Weil durch die Wicklung der volle Laststrom der nachfolgenden Schaltung fließt, haben sie oftmals einen relativ starken Leiterbahnquerschnitt, um die ohmschen Verluste gering zu halten.

Drosseln zur Funkentstörung sollen in einem möglichst breiten Frequenzspektrum eine hohe Impedanz aufweisen. Sie müssen hierzu eine hohe Induktivität und eine geringe parasitäre Eigenkapazität haben. Diese Forderungen sind häufig nicht mit einer einzigen Bauform zu erreichen, sondern nur durch die Kombination mehrerer Drosseln mit unterschiedlichen Eigenschaften.

Stromkompensierte Drosseln[Bearbeiten]

Schaltbild der Stromkompensierten Drossel
Ein Klappferrit wirkt nach dem Prinzip der stromkompensierten Drossel

Die stromkompensierte Drossel oder Gleichtaktdrossel (kurz CMC, von engl. common mode choke) hat mehrere gleiche Wicklungen, die gegensinnig vom Arbeitsstrom durchflossen werden, sodass sich deren magnetische Felder im Kern der Drossel aufheben. CMCs werden häufig zur Dämpfung von Störemissionen eingesetzt. Solche Störströme treten meist gleichsinnig in Hin- und Rückleitung auf (common mode, deutsch: Gleichtakt). Für diese Gleichtakt-Störungen bildet die stromkompensierte Drossel eine sehr hohe Induktivität, da sich diese Störströme in ihr nicht kompensieren. Stromkompensierte Drosseln sind oft an Ein- und Ausgängen von Schaltnetzteilen sowie in Netzfiltern zu finden.

Eine besonders einfache Form stromkompensierter Drosseln sind auf Kabel aufgeschobene Ringkerne oder sogenannte Klappferrite; sie wirken jedoch erst bei sehr hohen Frequenzen (UKW-Bereich) störunterdrückend. Für diese kleinen Hochfrequenzspulen zur Störunterdrückung in Daten-Bussystemen bzw. für Netzspannungszuführungen gibt es vielfältige Varianten an gelochten, zylinderförmigen oder flachen, manchmal teilbaren (Klappferrit) Ferritkernen, die auf das gestreckte Kabel oder auf die mehradrigen Leitungen aufgefädelt werden oder wenige Windungen umschließen.

Gegentaktstörungen lassen sich mit Gleichtaktdrosseln nicht beheben, ein Gegentaktsignal - wie auch das Nutzsignal - wird von diesen Drosseln nahezu ungehindert hindurchgelassen. In der Praxis wird allerdings die stets vorhandene Streuinduktivität (die meist in den Datenblättern zusätzlich angegeben ist) durch eine geschickte Anordnung der Filterkomponenten zur Dämpfung von Gegentaktstörungen verwendet.

Stromkompensierte Drosseln werden oft aus einteiligen, geschlossenen Ferritkernen in Ringform, E-Form, Rahmenform oder sogenannter D-Form[1] gefertigt, indem die Wicklungsdrähte bei Ringkernen hindurchgefädelt und bei den anderen Kernformen auf Spulenkörpern aufgewickelt werden. Mehrere Kammern pro Teilwicklung verringern die Eigenkapazität und verschieben die Eigenresonanzfrequenz und den Wirksamkeitsbereich hin zu höheren Frequenzen.

Vorschaltdrosseln[Bearbeiten]

Gasentladungslampen benötigen immer ein Vorschaltgerät. Dieses enthält oft eine Drossel, die durch ihren Blindwiderstand den Strom begrenzt und zum anderen bei Leuchtstofflampen mit Hilfe eines zusätzlichen Starters die notwendige hohe Zündspannung erzeugt. Ein Berechnungsbeispiel des induktiven Widerstandes ist hier gezeigt.

Vorschaltdrosseln konventioneller Vorschaltgeräte (KVG) haben einen geblechten Eisenkern mit einem Luftspalt. Elektronische Vorschaltgeräte (EVG) verwenden eine Ferritkerndrossel. In großen Gleichrichtern werden Kommutierungsdrosseln eingesetzt, um den Stromflusswinkel zu vergrößern und Netz-Oberwellen zu verringern.

Speicherdrosseln[Bearbeiten]

In Schaltnetzteilen geringer Leistung werden zur Speicherung magnetischer Energie Speicherdrosseln benötigt. Bei diesen Drosseln ist der magnetische Kreis des Ferritkernes häufig durch einen Luftspalt unterbrochen. Der Luftspalt ist eine spaltförmige Unterbrechung des Magnetkerns und wird oft zur mechanischen Stabilisierung mit nichtmagnetischem Material wie Papier, Plastik oder Harz ausgefüllt. Die in der Drossel gespeicherte Energie steckt dann fast vollständig in diesem Spalt. Der Kern dient nur zur Führung des Magnetfeldes. Der Spalt dient der Verringerung der magnetischen Flussdichte B. Das vermeidet die Sättigung des Kernmaterials und gewährleistet einen lineareren Induktivitätsverlauf auch bei hoher Magnetisierung. Der Kern von Speicherdrosseln besteht daher entweder aus einem unterbrochenen Magnetkreis oder häufig auch aus Sintermetall (Pulverkern) oder nanokristallinem bzw. amorphem gewickelten Metallband (Ringbandkern).

Als Pulver werden meist Eisen oder Eisenlegierungen (z. B. Sendust, High Flux, MPP) verwendet. Merkmale dieser Pulverkerne sind das gegenüber massiven Kernen höhere Energiespeichervermögen sowie der zum Magnetfeld linearere Induktivitätsverlauf ohne scharfen Übergang in die Sättigung. Man spricht auch von einem verteilten Luftspalt. Pulverkerndrosseln werden als kompakte Speicherdrosseln in Schaltnetzteilen, Schaltreglern und PFC-Stufen (PFC: Power Factor Compensation, Leistungsfaktorkorrekturfilter) sowie als Entstördrosseln bei Gegentaktstörungen (z. B. in Dimmern) verwendet.

Induktive Widerstände[Bearbeiten]

Hochfrequenzdrosseln

Luftdrosseln bzw. Luftspulen verwendet man in Frequenzweichen von Lautsprecherboxen und für sehr hohe Frequenzen wie in Sendeverstärkern, bei denen Ferrite versagen. In Tiefpässen und Frequenzweichen werden Drosseln zur Trennung von Wechselströmen verschiedener Frequenz eingesetzt. Sie sind hierzu kombiniert mit Kondensatoren z. B. in Netzfiltern und Lautsprecherweichen. Wenn die Drossel hochfrequente Anteile beseitigt, werden steile Stromanstiegsflanken abgeflacht und gleichgerichtete Wechselströme geglättet.

Sättigungsdrosseln[Bearbeiten]

Sättigungsdrosseln und Transduktordrosseln nutzen den Effekt der magnetischen Sättigung des Kernmaterials aus: Sättigungsdrosseln begrenzen die Stromanstiegsgeschwindigkeit in Thyristor-Schaltungen zu Beginn des Stromflusses und verlieren später durch Eintreten der Sättigung ihre Induktivität fast vollständig.

Transduktordrosseln[Bearbeiten]

Transduktordrosseln gestatten die Steuerung deren Induktivität bzw. des Blindwiderstandes mittels einer Gleichstrom-Vormagnetisierung. Die Vormagnetisierung verschiebt den Sättigungseinsatz, dadurch können Wechselspannungen und -ströme mittels Gleichstrom gesteuert werden.

PFC-Drosseln[Bearbeiten]

PFC-Drosseln arbeiten in Reihe zur speisenden Netzspannung in Schaltnetzteilen, um die Oberwellenbelastung des speisenden Netzes zu verringern. Sie arbeiten entweder bei Netzfrequenz als passive PFC auf Trafoblechkern oder als Speicherdrossel in einer speziellen aktiven PFC-Schaltung bei ca. 10…100 kHz.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Joachim Franz: EMV, Störungssicherer Aufbau elektronischer Schaltungen. Teubner, Stuttgart Leipzig Wiesbaden 2002, ISBN 3-519-00397-X.
  •  Handbuch der Elektronik. Franzis-Verlag, München 1979, ISBN 3-7723-6251-6.
  •  Lexikon Elektronik und Mikroelektronik. VDI-Verlag, 1990, ISBN 3-18-400896-7.
  •  F. F. Mazda: Elektronische Bauelemente verstehen und anwenden. Telekosmos-Verlag, 1984, ISBN 978-3-440-05324-9.
  •  Zinke, Seither: Widerstände, Kondensatoren, Spulen und ihre Werkstoffe. Springer-Verlag, 1982, ISBN 3-540-11334-7.
  •  Dieter Nührmann: Werkbuch Elektronik. Franzis-Verlag, 1981, ISBN 3-7723-6543-4.
  •  Der Brockhaus, Naturwissenschaft + Technik. 2003, ISBN 3-7653-1060-3.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.epcos.com/inf/30/db/ind_2008/b82734r_w.pdf